»Unsere deutschen Originals sind extrem wichtig für die Marke«

Prime-Video-Chef Christoph Schneider geht davon aus, dass Streaming in Deutschland noch deutlich wachsen wird. Im Interview erklärt er, wie Amazon sich von Wettbewerbern differenziert, welche Inhalte und Innovationen besonders wichtig sind – und warum München für ihn der ideale Standort ist.

Autor: Christoph Henn
Fotos: Robert Fischer

Dr. Christoph Schneider ist seit 2012 Geschäftsführer von Amazon Prime Video Deutschland / Österreich / Schweiz.

Wie viel Zeit verbringen Sie vor dem Fernseher, Herr Schneider?

Ich muss beruflich viel fernsehen, wobei meine Kinder sagen würden: Du darfst. Aber ich schaue auch privat mit der Familie. Und das querbeet, Streaming, Pay und Free TV.

Es gibt eine große Auswahl an Angeboten, im Free TV und bei Streaming-Anbietern. Was macht Amazon Prime Video, um sich von der Konkurrenz abzuheben?

Wir schauen nicht auf die Konkurrenz, sondern fokussieren uns auf die Kunden. Uns interessiert, was sie möchten und wie sie reagieren. Unsere Marktforschung und das Kundenfeedback zeigen, dass unsere große und breite Auswahl an Inhalten extrem wichtig ist. Unser Ziel ist es, für jede und jeden das Lieblingsprogramm anzubieten.

Über die Funktion Watch Party können Nutzer:innen beim Schauen von Inhalten chatten. Was versprechen Sie sich davon?

Früher gab es das gemeinsame Seherlebnis in der Familie, das berühmte Lagerfeuer. Angesichts des gewachsenen Angebots und unterschiedlicher Interessen ist es heute schwierig, eine ganze Familie für eine Sendung vor den Fernseher zu bekommen. Dennoch wünschen sich viele ein gemeinsames Erlebnis. Das ermöglicht Watch Party, weil man an unterschiedlichen Orten mit Freunden gleichzeitig etwas anschauen und sich dazu austauschen kann.

Gibt es weitere Funktionen innerhalb Ihres Angebots, die Sie für innovativ halten?

Unsere Downloadfunktion, mit der sich Inhalte für den Offline-Betrieb aufs Smartphone oder Tablet herunterladen lassen, war eine bedeutsame Innovation. Das haben in der Folge alle anderen Anbieter übernommen. Ein weiteres Feature, das Amazon Prime Video vielleicht zu einem kleinen Vorsprung verhilft, ist X-Ray. Die Zuschauer und Zuschauerinnen können mit X-Ray – zusätzlich zum Bewegtbild – Informationen einblenden lassen, zum Beispiel die Namen und Vita der Schauspieler. Besonders reizvoll ist X-Ray im Sportbereich, wo man voraussichtlich ab dem kommenden Jahr jederzeit Analysen, Infos zu Spielern oder die letzte Torszene abrufen können wird. Unsere Analysen zeigen, dass diese Servicefunktion intensiv genutzt wird.

Sport gewinnt in Ihrem Portfolio ohnehin an Bedeutung. In der Saison 2021/2022 steigt Amazon Prime Video in die Übertragung der Champions League ein – warum?

Wir fokussieren uns auf die Wünsche unserer Kunden. Im Film- und Serienbereich sind wir da schon sehr weit. Wir haben im Laufe der Zeit festgestellt, dass auch Sport-Dokumentationen unsere Kunden ansprechen – zunächst Formate über American Football, dann noch stärker Dokus über Fußballvereine wie Manchester City und Borussia Dortmund und schließlich über Bastian Schweinsteiger. Deshalb waren wir froh, als wir den Zuschlag für die Champions League bekamen.

Der promovierte Marketing-Fachmann bekleidete zunächst verschiedene leitenden Positionen bei Hubert Burda Media, ehe er 2010 für zwei Jahre die Geschäftsführung der Video-on-Demand-Plattform Maxdome übernahm.

Viel Energie haben Sie zuletzt auch in Sendungen wie die Comedy-Show LOL mit Michael Bully Herbig gesteckt. Welche Rolle spielen lokal produzierte Formate für Ihr Wachstum in Deutschland?

Diese Formate, unsere deutschen Originals, sind extrem wichtig für die Marke. Damit differenzieren wir uns von anderen Anbietern. Unsere Zuschauer schätzen diese Inhalte besonders. LOL ist mit Abstand das erfolgreichste Format, das wir je in Deutschland gestartet haben. Auch davor funktionierten mehrere deutsche Originals hervorragend, etwa die Schweinsteiger-Doku oder die Serien „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und „Der Beischläfer“, dessen zweite Staffel bald startet. Künftig kommen noch viele weitere deutsche Originals: Wir starten im Herbst die zweite Staffel LOL sowie eine Dokumentation über den FC Bayern München, Ende des Jahres unseren ersten deutschen Original Film „One Night Off“ und haben viele weitere Projekte wie die Fitzek-Verfilmung „Die Therapie“ und die Comedy-Serie „Love Addicts“ angekündigt. Auch ein Doku-Film über Robert Lewandowski kommt dazu.

Die erfolgreiche Produktion LOL geht in Runde zwei. © 2021 Amazon.com Inc.

Schweinsteiger: Memories – Von Anfang bis Legende © 2020 Amazon.com Inc./Barefoot Films

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – der Serienhit von Constantin Film für Amazon Prime. © 2021 Amazon.com Inc./Constantin Film

Der Beischläfer – die Amazon Prime Serie mit Harry G. bekommt eine zweite Staffel. © 2020 Amazon.com Inc.

Mit One Night Off drehen Amazon Studios ihren ersten Spielfilm in Deutschland. Foto: Rat Pack Filmproduktion GmbH/Tom Trambow

Sind lokale Inhalte auch für das internationale Geschäft von Bedeutung?

Mein Credo ist: Deutschland ist Pflicht, die Welt ist die Kür. Wenn ein Format sehr authentisch ist, dann kann es auch in anderen Ländern funktionieren. Wir sind gerade auf einem guten Weg, mit großen deutschen Produktionen auch weltweit Publikum zu finden.

Wie viel Wachstumspotenzial sehen Sie noch in Deutschland?

Insgesamt ist die Haushaltsdurchdringung der Streaming-Dienste in Deutschland eine der geringsten in Europa. Es gibt also sehr viele Menschen, die noch keine Streaming-Dienste nutzen, und damit enormes Wachstumspotenzial.

Wer Streaming einmal für sich entdeckt hat, nutzt im Schnitt zwei Dienste regelmäßig. Aber die Neugier muss erst geweckt werden. Neben den herausragenden Inhalten überzeugt die Nutzerfreundlichkeit: Beim Streaming können Sie zum Wunschzeitpunkt aus einem riesigen Angebot wählen und zwischendurch pausieren. Wer das einmal probiert hat, will es meist nicht mehr missen.

Kann dieses riesige Angebot nicht auch überfordern?

Das glaube ich nicht. Die Generation meiner Kinder versteht gar nicht mehr, warum man Sendungen nur zu einer bestimmten Uhrzeit sehen oder nicht beliebig anhalten kann. Die Qual der Wahl beim Streaming kenne ich persönlich auch. Sie ist für uns Antrieb und Herausforderung zugleich. Wir wollen bei personalisierten Programmvorschlägen besser werden. Das ist schwieriger als manche denken. Obwohl wir über viele Daten verfügen, ist es nicht leicht zu antizipieren, auf welche Inhalte der oder die Einzelne in einem bestimmten Moment Lust hat.

»Aktuell nutzen Haushalte, die Streaming-Kunden sind, im Schnitt zwei Services gleichzeitig. Auch das kann noch wachsen angesichts von Monatsgebühren, die in München zwei Tassen Cappuccino entsprechen.«

Nicht nur bei Angeboten herrscht Vielfalt, sondern auch bei den Anbietern – von Netflix, Disney und Apple bis zu Warner Bros/HBO und NBC/Universal. Ist der Markt groß genug für all die Schwergewichte?

Dieses Marktsegment ist riesengroß und ich sehe noch viel Wachstumspotential. Wie gesagt, nutzen aktuell Haushalte, die Streaming-Kunden sind, im Schnitt zwei Services gleichzeitig. Auch das kann noch wachsen angesichts von Monatsgebühren, die in München zwei Tassen Cappuccino entsprechen. Deutsche geben im internationalen Vergleich wenig für Mediennutzung aus, aber die Zahlungsbereitschaft ist in den vergangenen Jahren signifikant gestiegen. Deshalb glaube ich, dass es mehr Services geben wird – ob jeder langfristig ein guter Business-Case ist, wird man sehen.

Sie unterscheiden sich von Wettbewerbern auch dadurch, dass Streaming nicht das Kerngeschäft von Amazon ist, sondern Teil des Kundenbindungsprogramms Amazon Prime. Wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Prime ist ein Angebot mit zahlreichen Vorteilen, die über schnellen Versand und Musikstreaming auch Videostreaming mit Prime Video umfassen. Teil von Prime zu sein, wirkt für uns tagtäglich als Ansporn, das Angebot noch besser zu machen. Video ist neben den Versandvorteilen der mit Abstand wichtigste Vorteil von Prime und für viele der Grund, eine Mitgliedschaft abzuschließen. Prime-Kunden wiederum sind die treuesten Kunden von Amazon.

Wären Milliarden-Investitionen wie kürzlich die Akquisition von MGM auch möglich oder wirtschaftlich, wenn Prime Video nicht Teil von Amazon wäre?

Unser Ziel ist ganz klar, dass wir selbst profitabel sind. In Deutschland sind wir da auf einem sehr guten Weg. Im Videobereich geht es natürlich um viel Geld, weil die Inhalte teuer sind. Deshalb laufen die Businesspläne länger als zwei oder drei Jahre.

Was versprechen Sie sich von der MGM-Übernahme?

Die Übernahme wird derzeit in den USA noch kartellamtlich geprüft. Der MGM-Katalog umfasst tausende tolle Filme und Serien. Davon würden unsere Kunden profitieren. Darüber hinaus besitzt MGM viele wichtige IPs, also Rechte, etwa an James Bond. Das ist ein großer Schatz, aus dem man im Produktionsbereich einiges machen kann.

Halten Sie vergleichbare Akquisitionen auch in Deutschland für denkbar?

Das vermag ich heute nicht zu sagen. Aber wir suchen immer nach tollen Programmen und Produkten und arbeiten mit allen Produktionsgesellschaften sehr gut zusammen.

Sie tun das von München aus. Warum ist die Stadt der richtige Ort für den Deutschlandsitz von Amazon Prime Video?

München ist neben Berlin für mich DIE Filmstadt Deutschlands. Hier sitzen sehr viele Filmstudios, Produktionsfirmen und Fernsehsender. Natürlich spielt es eine Rolle, dass auch Amazon seinen Hauptsitz in München hat, aber für uns stand es nie zur Debatte, anderswo hinzugehen. Wir sind hier sehr glücklich, und München ist auch ein wichtiger Produktionsstandort für unsere deutschen Originals.

Newsletter abonnieren

Der Newsletter von XPLR: MEDIA in Bavaria zeigt Dir, wie innovativ der Medienstandort ist. Entdecke mit uns Menschen und Events, die die Medienwelt von morgen gestalten. Abonniere unseren Newsletter und join the innovators!

 

 

Zurück

Bleibe mit dem XPLR: Newsletter immer auf dem Laufenden!

Newsletter abonnieren