Den Gebärdendolmetscher ins Wohnzimmer holen

Von Jonathan Lindenmaier

Auf Knopfdruck alles verstehen: Neue Technologien können helfen, das Fernsehen barrierefrei zu gestalten. Wie das geht, zeigen zwei Projekte aus Bayern.

Drei Menschen sitzen auf dem Sofa und sehen die Tagesschau. Auf Knopfdruck beamt sich ein Gebärdendolmetscher mitten in den Raum, aber nur einer der drei kann ihn sehen. Das ist möglich – dank Augmented Reality (AR) – und ein wichtiges Tool, um das Fernsehen barrierefrei zu gestalten.

Richtig: barrierefrei. Denn das heißt nicht nur Aufzüge zu bauen, wo sonst bloß Treppen wären. Es heißt auch, Bilder zu schaffen für Menschen mit Sehschwäche, Geräusche für Gehörlose erfahrbar machen und Sprache so vereinfachen, dass Menschen mit Lernschwäche ihren Inhalt verstehen. Neue Technologien helfen Medienschaffenden, barrierefreie Programme bereitzustellen. Sie müssen nur angewandt werden. Das zeigen zwei Projekte aus Bayern.

Zwei Awards beim europäischen HbbTV-Symposium

„Fernsehen für alle – voll inklusiv dank HbbTV“ heißt eines davon. HbbTV steht für „Hybrid Broadcast Broadband TV“ und ist sowas wie der moderne Teletext: Es verbindet das lineare Fernsehprogramm mit digitalen Zusatzangeboten. HbbTV wird von fast allen SmartTVs unterstützt und öffnet sich meist mit der roten Taste auf der Fernbedienung. Entwickelt wurde es unter anderem vom Institut für Rundfunktechnik (IRT), das zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien (ABM) und der Bayerischen Medien Technik (bmt) auch das „Fernsehen für alle“-Projekt entwickelt hat.

„Die ABM bietet ja schon einige Inhalte im Fernsehen an, die laufen aber meistens nicht zu den besten Sendezeiten. Da haben wir uns gedacht: Bauen wir doch eine HbbTV-Mediathek dafür“, sagt Rainer Biehn von der bmt. „Und dann haben wir überlegt, wie man den Zugang noch verbessern könnte.“ So entstand die Idee zu einer HbbTV-App, die verschiedene barrierefreie Zugänge bereitstellt: Untertitel, Audiodeskription, Gebärdensprache und eine Sound-Spur mit Erklärungen in leichter Sprache.

Die Arbeitsteilung während der Entwicklung darf man sich grob so vorstellen: Die ABM hat die Inhalte geliefert, die bmt die technische Umsetzung und das IRT hat die Anbindung eines Companion Screens, also eines zweiten Geräts, möglich gemacht. Und das ist ein entscheidender Punkt: Ein Zweitgerät ermöglicht, dass nur die Person entsprechende Hilfsmittel bekommt, die diese tatsächlich benötigt.

„Das könnte dann so aussehen: Drei Personen sitzen auf dem Sofa. Die erste sieht einen Gebärdendolmetscher, die zweite hört über Kopfhörer die Audiodeskription, die dritte bekommt von alledem nichts mit, sondern hört über den regulären TV-Ton“, sagt Klaus Merkel vom IRT. Die Funktionen laufen dann über Smartphone, AR-Brille oder Kopfhörer. Und alles synchron mit dem Bild auf dem Fernseher. Unter anderem für diese Neuerung hat das Projekt kürzlich beim europäischen HbbTV-Symposium in Athen zwei Awards gewonnen, darunter den Hauptpreis.

Möglichkeiten der Inklusion durch VR. (Fotos: bmt)

Sender haben die Möglichkeit, Pioniere zu sein

„Wir als ABM sehen uns in dieser Entwicklung als Lokomotive. Hier wurde ein Projekt entwickelt, das zeigt: So kann‘s gehen“, sagt Hermann Hoebel, Geschäftsführer der ABM. Selbstverständlich schaffen Audiodeskriptionen und Sound-Spuren in einfacher Sprache erstmal Mehraufwand für die Redaktionen. „Dass man sich da nicht gleich eine goldene Nase verdient, ist klar. Aber die Sender haben die Möglichkeit Pioniere zu sein bei Barrierefreiheit und Inklusion“, sagt Hoebel. Dazu komme noch das rein kommerzielle Interesse, dass Menschen mit Seh- und Hörschwäche eine große und damit interessante Zielgruppe sind. „Vor allem, wenn man die Alterung der Gesellschaft bedenkt. Eine Sehschwäche muss ja nicht angeboren sein.“

Davon abgesehen sollten gemeinwohlorientierte Anstalten wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk ohnehin ein Interesse haben, barrierefreie Zugänge weiter auszubauen. Die Europäische Union erwartet eine entsprechende Entwicklung sogar von allen Medienanstalten: „Die Anforderungen an die Barrierefreiheit sollten durch einen schrittweisen und fortlaufenden Prozess erfüllt werden.“ Und fordert die Regierungen dazu auf, „die in ihrem Hoheitsgebiet niedergelassenen Mediendienstanbieter zu verpflichten, ihnen regelmäßig Bericht zu erstatten.“

Die ARD kann dabei auf eine starke Quote von untertitelten Inhalten verweisen. Diese stieg von 49 Prozent im Jahr 2012 auf 98 Prozent im Jahr 2018. Hermann Hoebel lobt diese Entwicklung, bemerkt aber: „Man darf nie zufrieden sein“.

Virtual Reality heißt nicht Visual Reality

Das gilt für Medienschaffende ebenso wie für die Wissenschaft. Ein Forscher, der die Welt mit neuen Technologien barrierefreier machen will, ist Julian Kreimeier von der Technischen Hochschule Nürnberg. Im Rahmen seiner Doktorarbeit zeigt er, wie Virtual Reality (VR) genutzt werden kann, um Menschen mit Sehschwäche oder gar Blindheit den Alltag zu erleichtern. „Bei VR denkt man ja immer an visuelle Inhalte und Gaming. Aber es heißt ja nicht Visual Reality sondern Virtual Reality“, sagt Kreimeier.

Konkret heißt das, Informationen können nicht nur über eine VR-Brille übertragen werden. Ein Raum kann beispielsweise auch über Geräusche und haptische Informationen Gestalt annehmen. Statt Brille kommen Kopfhörer und Datenhandschuhe zum Einsatz.

„Im Alltag könnte man, beispielsweise bevor man in ein öffentliches Gebäude geht, die Räume vorab und gefahrlos virtuell begehen und mit einem Stock erkunden. Dieses Vorwissen kann helfen, sich in der entsprechenden realen Umgebung sicherer und besser zurecht zu finden.“

Eine Technologie, die auch für Medienmacher*innen interessant sein könnte. „Nehmen wir an, ein Beitrag handelt von der Renovierung einer Kirche: Ein digital-ertastbares VR-Modell wäre eine tolle Möglichkeit, um die räumlichen Strukturen begreifbar zu machen“, so Kreimeier. Noch betreibe man aber Grundlagenforschung.

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