Die Befreiung: Neue Gedenkkultur durch AR

Von Denis Heuring

Mithilfe von Augmented Reality (AR) und innovativem Storytelling macht der Bayerische Rundfunk den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau erlebbar. Das Digitalprojekt "Die Befreiung" zeigt, wie der Einsatz von neuen Technologien unsere Gedenkkultur verändern kann.

Copyright: KZ-Gedenkstätte Dachau/Montage BR, Christopher Roos von Rosen

Wer das eiserne Eingangstor passiert, unter dem Schriftzug ‚Arbeit macht frei‘ hindurch, betritt einen leeren Platz. Für die Besucher*innen der KZ-Gedenkstätte Dachau verwandelt sich der Ort zum imaginativen Schauplatz, an dem sich das Wissen um das Geschehene mit der eigenen Vorstellungskraft vermischt. Und doch bleibt alles unvorstellbar: Das Leid der Inhaftierten, die Grausamkeit der Täter, die Fassungslosigkeit der amerikanischen Soldaten, die das Lager am 29. April 1945 betraten. Der Bayerische Rundfunk (BR) will nun die Vergangenheit erlebbarer machen.

Virtueller Rundgang: Vergangenes vergegenwärtigen

75 Jahre ist es her, dass das Konzentrationslager Dachau von US-amerikanischen Truppen befreit wurde. Anlässlich des Jahrestags setzte der BR gemeinsam mit der KZ-Gedenkstätte Dachau ein multimediales Storytelling-Projekt um: „Die Befreiung“.

„Der technische Fortschritt ermöglicht neue Arten der Erinnerung“, sagt Eva Deinert, die das Projekt für den Bayerischen Rundfunk realisierte. „Wir stellen die Technologie in den Dienst von Erinnerungskultur.“ „Die Befreiung“ soll Besucher*innen der Gedenkstätte ermöglichen, die entscheidenden Stunden am 29. April 1945 noch eindringlicher nachzuvollziehen. Mithilfe einer AR- App werden die realen Erinnerungsorte um historische Bilder und Audioaufnahmen erweitert. So rückt Erinnern und Erleben enger zusammen: Zeitzeugenberichte und Fotografien von Inhaftierten, SS-Soldaten oder Befreiern füllen die Plätze mit Vergangenem und scheinen den zeitlichen Abstand zwischen damals und heute für einen kurzen Moment zu überwinden.

Eva Deinert. Foto: BR/Lisa Hinder

Immersives Storytelling durch neue Technologien

Das Experimentieren mit neuen Ausspielwegen und immersivem Storytelling ist für Deinert nicht neu. Als eine der verantwortlichen Redakteur*innen für das preisgekrönte BR-Innovationsprojekt „Ich, Eisner“ zeigte sie schon einmal, wie sich neue Distributionswege einsetzen lassen, um Geschichte gegenwärtig zu machen: Vier Monate lang, vom Herbst 2018 bis ins Frühjahr 2019, schickte Kurt Eisner den Nutzer*innen über WhatsApp Nachrichten auf das Handy und erzählte in Echtzeit, was vor 100 Jahren geschah.

Interview mit Eva Deinert über „Ich, Eisner“ und crossmediales Storytelling (YouTube)

„Die Befreiung“ setzt nun mit AR eine andere Technologie in den Fokus. Eigentlich sollte die App bereits im Einsatz sein. Da der Corona-Lockdown den Besuch in der Gedenkstätte jedoch unmöglich macht, bietet der Bayerische Rundfunk einen virtuellen Rundgang auf seiner Website an. Mithilfe von Erzählerstimmen, Original-Tonaufnahmen und Fotos schafft das Projekt den Spagat zwischen Erlebnis und Reflexion. Nicht überladen, nicht zu immersiv – und doch ganz nah dabei.

Der Griff zum Smartphone: Auseinandersetzung statt Ablenkung

„Der Schwerpunkt liegt auf Geschichten von jungen Häftlingen“, so Deinert. „Uns war es wichtig, die Schicksale von Individuen zu beleuchten.“ Das gelingt. Information und Emotion treten gemeinsam auf, wenn die Online-Rundgänger*innen beispielsweise vom Wiedersehen zwischen Arthur Haulot und Paul Lévy erfahren. Haulot ist inhaftierter Widerstandskämpfer, sein belgischer Landsmann Lévy ist Journalist und als Übersetzer für die amerikanischen Soldaten im Einsatz. Zufällig treffen sich die beiden am 29. April 1945 wieder.

„Gerade um jüngere Zielgruppen zu erreichen und für unsere Geschichte zu sensibilisieren, müssen wir uns stärker an deren Mediennutzung und deren Konsumverhalten orientieren“, weiß Deinert. Der Griff zum Smartphone dient dann nicht mehr der Ablenkung, sondern der Auseinandersetzung mit dem Erbe der Geschichte.

Lehrkräfte und Schüler*innen, die einen Prototypen der AR-App noch vor dem Lockdown getestet haben, gaben durchweg positives Feedback, verrät die Projektleiterin. Ein vielversprechender Start für die Storytelling-Innovation.

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