eSports Profi: der Traum vom großen Ruhm

Von Richard Löwenstein

Wie werde ich eSports-Profi? Das fragen sich viele junge Menschen. Doch den Weg hin zum professionellen Gaming gehen nur wenige – können nur wenige gehen. Warum? Zwei Münchner kennen die Antwort.

Daniel Schötzau und Jamal Sohail sind in München aufgewachsen und knapp über 20 Jahre alt – Daniel 21, Jamal 24. In ihrer Freizeit lesen sie Fantasy-Romane, treffen Freude, ein bisschen Sport gehört auch dazu. Außerdem verbindet die beiden eine gemeinsame Leidenschaft: Gaming, fast pausenlos. Erst als Hobby, dann als Beruf. Daniel und Jamal haben zeitweise fünf Tage die Woche gespielt, zehn bis zwölf Stunden täglich. Das war, als sie den großen Traum von der Karriere als eSports-Profi lebten. Zwei Jahre ist das jetzt her.

Geschäftsmodell eSports

Jamal erzählt vom Tag, als er den Köder schluckte: „Das war im Februar 2012. Ein Kumpel hatte einen Beta-Download-Key für DotA über. Er hat ihn mir vererbt, ich hab’ das Game ausprobiert. Seitdem spiele ich das.“ Das Kürzel „DotA“ entstammt dem Gamer-Jargon und meint ausgeschrieben „Defense of the Ancients“: ursprünglich eine Erweiterung für das klassische Fantasy-Echtzeit-Strategiespiel Warcraft 3. Mit DotA 2 hat sich der US-Hersteller Valve das Konzept angeeignet, es auf eigene Beine gestellt und ein Geschäftsmodell daraus gemacht. Wenn heute DotA gesagt wird, ist in aller Regel DotA2 gemeint.

DotA läuft autark und ist kostenlos. Jeder kann das Game über Valves Digitalplattform Steam gratis herunterladen und sofort loslegen. Dieses sogenannte Free-to-Play-Konzept senkt die Einstiegshürde dramatisch und bildet die Basis für die weltweite Popularität der US-Produktion. Im Januar 2017, auf dem Höhepunkt der DotA-Welle, hatten sich weltweit 14 Millionen Gamer*innen an Valves Multiplayer Online Battle Arena (MOBA) festgebissen. Heute, rund acht Jahre nach den ersten Testpartien und sieben Jahre nach dem offiziellen Start, spielen immer noch rund acht Millionen Menschen regelmäßig.

Daniel Schötzau spielt DotA für sein Team PENTA Sports. Daniels Spitzname in der DotA-Szene: Stormstormer. Foto: Daniel Schötzau

34 Millionen US-Dollar Preisgeld

DotA basiert auf einem Kampfszenario. Zwei Teams aus jeweils fünf Spieler*innen vernetzen sich online oder via LAN-Netzwerk, treffen auf abgesteckten Schlachtfeldern aufeinander und lenken Orks, Zentauren und Kampfzwerge durch die Schlacht. Das geht solange bis die Basis eines Teams zerstört ist. Klingt simpel, hat aber Tiefe. Wer glänzen möchte, muss Vor- und Nachteile von über 100 Gattungen kennen, sich mit den Mitspieler*innen abstimmen, das Gelände verstehen, die Züge der anderen „lesen“ und spontan und klug darauf reagieren können. Schach für Reaktionsschnelle. „Die Komplexität hat mich gekriegt. Den Einstieg fand ich sehr schwierig, aber mir gefällt der hohe Skillcap. Es gibt keine Grenzen nach oben. Man kann bei DotA immer noch ein bisschen besser werden, selbst wenn man’s acht Jahre spielt wie ich“, erzählt Jamal.

Das Anfixen mag kostenlos sein, aber Geschenke verteilt Valve nicht. DotA bittet durch Verkauf eines sogenannten „Schlachten-Pass“ zur Kasse. Er schaltet Spielfunktionen, Grußformeln und Kosmetik für die Heldenfiguren frei. Den Pass braucht, wer ernsthaft mitspielen möchte. Auf diese Weise generiert Valve ein stetes Einkommen, finanziert also sich selbst und ölt die Verkaufsmaschinerie.

Ein Viertel der Erlöse aus dem Verkauf gibt Valve zurück an ausgesuchte Spieler*innen, als Preisgeld auf dem größten aller DotA-Turniere: dem seit 2013 alljährlich wiederkehrenden „The International“. Die Preisgelder steigen stetig. Price Pool Tracker meldete für die 2019er-Ausgabe des Turniers mehr als 34 Millionen US-Dollar an Preisgeldern. Das ist eine der höchsten, bei eSports ausgeschütteten Summen. Mehr als eine Million Zuschauer*innen beobachteten das Finale live über den Streamingdienst Twitch.

Jamal Sohail (1.v.l.) beim Trainingscamp in Schweden, gemeinsam mit Daniel Schötzau (3.v.l.). Jamals Spitzname in der DotA-Szene: Blazemon. Foto: Jamal Sohail

„Die Preisgelder sind abnormal hoch“

Solch verführerische Zahlen haben magnetische Wirkung auf Gamer*innen mit eSports-Karrieregedanken im Hinterkopf. „80 Prozent aller eSports-Profis konzentrieren sich auf DotA, weil die Preisgelder abnormal viel höher sind als bei League of Legends oder anderen eSports-Games“, erzählt Jamal. Ab 2016 begann bei ihm und Daniel die Phase der Professionalisierung, der Suche nach Anschluss zu Top-Teams und regelmäßiger Trainings – bis zu zwölf Stunden am Tag. DotA prägte den Alltag der beiden Münchner. Dieser Zeitaufwand ist Standard unter eSports-Profis. „Viele Top-Teams trainieren sieben Tage die Woche, spielen gegen andere Teams, suchen Gegner via Matchmaking und analysieren Partien im Replay. Meiner Meinung nach ist das zu viel. Man sollte sich auf fünf bis sechs Tage beschränken, damit Zeit bleibt für körperlichen Sport und Entspannungs-Phasen“, findet Daniel.

Mit Rückenwind aus dem persönlichen Umfeld darf man dabei nicht unbedingt rechnen. eSports erhält als Beruf kaum Anerkennung. „In Deutschland gilt eine Arbeit, die Spaß macht, nicht als Arbeit. Mir wurde oft die Frage gestellt, wohin das alles führen soll, mit eSports und so“, erzählt Jamal. Dennoch schien der große Wurf im März 2017 zu gelingen. Die deutsche eSports-Organisation PENTA Sports holte Daniel und Jamal in ihr DotA-Profiteam. Die Mission: die Teilnahme an „The International 2017“ sichern. In vorbereitenden Partien konnten Daniel und Jamal gemeinsam mit ihrem Team erste Erfolge abräumen, auch gegen besser platzierte Konkurrent*innen in der Weltrangliste. Doch es folgte ein massiver Rückschlag: eine Niederlage im entscheidenden Match um die Qualifikation für das „International“ – das Aus für die Turnierteilnahme, das Aus auch für den Traum vom großem Pott und vom Sieg, der das Leben verändert. „Eine riesige Enttäuschung“, erinnert sich Jamal.

Eine eSports-Karriere stirbt schnell

Denn: Das Einkommen eines eSports-Profis kann sehr hoch sein, hängt aber extrem vom Erfolg seines Teams ab. „Die Preisgelder bei DotA werden sehr kopflastig verteilt. Man muss unter den besten fünf bis zehn Teams sein, um ordentlich zu verdienen“, weiß Jamal. Tiefer angesiedelte Ränge tun sich schwer, auch nur den Lebensunterhalt zu sichern.

Die Qualifikations-Niederlage wurde zum Wendepunkt. Heute spielt Jamal DotA noch immer mit Leidenschaft, aber nicht mehr professionell. Er investiert seine Zeit vorrangig in ein Master-Studium Informatik an der TU München als Ergänzung zum Bachelor-Studium als Games Engineer.

Auf die Frage, welchen Tipp er Menschen mitgeben mag, die als eSports-Profi Karriere machen wollen, gibt er eine klare Antwort: „Macht was anderes. Professioneller eSport ist kaum kalkulierbar und nicht verlässlich“. Trotzdem hat der Münchner im Zusammenhang mit seiner Profiphase in eSports schöne Erinnerungen gespeichert: „Ich durfte China und Spanien besuchen und viele interessante Menschen kennenlernen.“ Die Reise ist noch nicht vorbei. Jamal und Daniel besuchen regelmäßig zusammen DotA-Trainingscamps in Schweden. Lachen, zocken, haben eine gute Zeit und machen andere in DotA besser: Beide geben ihr Wissen als Ausbilder an rund 40 Gamer*innen weiter, an die nächste Generation der eSports-Profis.

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