Gehirntraining mit dem Computer

Von Richard Löwenstein

Neurofeedback-Technologie. Foto: brainboost

Kann der Computer unser Gehirn optimieren? Das Münchner Startup brainboost ist davon überzeugt. Mittels Neurofeedback und Virtual-Reality-Technologien werden Gehirnaktivitäten am Bildschirm veranschaulicht. Das soll das Gehirn stärken und Denkprozesse sichtbar machen.

Zu brainboost kommen Menschen mit völlig unterschiedlichen Bedürfnissen. „Wir haben im medizinischen Bereich Patienten, die einen hohen Leidensdruck verspüren und daher Neurofeedback machen. In Zusammenarbeit mit uns steigern sie ihre Konzentrationsfähigkeit oder bauen Ängste und ihren Stresspegel ab. Aber auch andere Zielgruppen können ihre Leistungsfähigkeit und Lebensqualität verbessern“, erläutert Philipp Heiler, medizinischer Leiter des Startups. Gemeinsam mit seinem Bruder Tobias, der Sportwissenschaften und Management studiert hat, und einem jungen Team an Therapeut*innen hat er 2015 eine Praxis am Sendlinger Tor in München eröffnet. „Ich mag die Leute und die Stadt, das High-Tech- und Kreativpotenzial. Außerdem natürlich Bayerns Förderprogramme, von denen wir schon profitieren konnten“, sagt Philipp Heiler.

Philipp Heiler, medizinischer Leiter von brainboost. Foto: brainboost

Was kann Neurofeedback?

Vereinfacht formuliert lernen Menschen mit Neurofeedback ihr Gehirn besser zu verstehen und zu kontrollieren – ganz besonders die unbewussten Abläufe. Neurofeedback erfasst die Gehirnströme eines Menschen durch Brainmapping. Elektroden auf der Kopfhaut messen das Aktivitätslevel im Gehirn. Daraus ablesbar sind Faktoren wie Konzentration, Aufmerksamkeit, Entspannung, Nervosität und Ängstlichkeit. Ein Verstärker wertet die Messungen aus und sendet sie als Zahlen an einen Computer. Der baut daraus Diagramme oder veranschaulicht sie als bildhafte Abstraktion des Gehirns. Farbflecken weisen dann auf eine neuronale Aktivität hin.

Fitness-Studio für den Kopf

Bei brainboost interpretiert der Rechner die Zahlenwerte zusätzlich als Input für Computerspiele. Feedback-Spiele nennt sich das Verfahren. Kraft seiner Gehirnaktivität kann der Mensch eine Spielfigur zum Beispiel durch ein Jump’n‘Run Game steuern.

Wozu das? Wenn eine gewisse Gehirnaktivität einen Erfolg nach sich zieht und eine andere tut das nicht, dann beeinflusst dies das Denken des Menschen. Man spricht in der Psychologie von der „operanten Konditionierung“, also dem Lernen über Belohnung und Bestrafung. Das funktioniert schon mit sehr simplen Geschicklichkeits-Tests. Beispielsweise bei einer Konzentrationsübung, bei der die Probanden einen schwebenden Magier in der Luft halten sollen. Gelingt es, stellt sich automatisch ein Lustgefühl ein: Der Mensch strebt nach Belohnung und Glückshormonen, die bei Erfolg durch das Gehirn strömen. Mit sogenannten Feedback-Spielen kann jeder sein Gehirn trainieren, genau wie einen Muskel.

Fotos: brainboost

VR-Technologie verbessert Ergebnisse

Mit simplen 2D-Geschicklichkeitstests gibt sich brainboost nicht mehr zufrieden. Das Startup arbeitet mit Virtual Reality-Headsets, die den Betrachter von seiner Umwelt entkoppeln. „Wir haben die Vorteile von VR im Neurofeedback in einer Masterarbeit untersucht. Durch die höhere Immersivität ergibt sich ein schnellerer Lernprozess. Beim Neurofeedback möchten Menschen Kontrolle über Prozesse erlangen und haben anfangs keine Ahnung, wie das am besten klappen kann. Im gekapselten, immersiven VR-Rahmen geht dieser Lernvorgang schneller vonstatten.“

Noch mehr Erfolg mit 360-Grad-Aufnahmen

Momentan basiert brainboosts Neurofeedback vorrangig auf konventionellen 2D-Spielen im VR-Raum. „Unser eigentliches Ziel sind aber die coolen VR-Features, also Gestenkontrolle, Eyetracking und Events, die auf das Erlebnis in VR ausgelegt sind. Unsere Software soll dem Betrachter die Kontrolle darüber geben, welche seiner Gehirnaktivitäten Merkmale in der virtuellen Welt verändern.“ Software-Prototypen auf Basis des Spieleentwicklungs-Werkzeugs Unity laufen bereits.

Richtig spannend wird Neurofeedback nämlich in Kombination mit VR-Headsets und im Zusammenhang mit dem Alltagstransfer. Der Patient könnte in Zukunft eine 360-Grad-Aufnahme seines Büros mit in die Praxis bringen und erhält diese Aufnahme per VR-Headset eingespiegelt. Er trainiert dann nicht anhand abstrakter Szenen, sondern findet sich in Situationen wieder, die ihm im Alltag Kopfzerbrechen bereiten – ein Klassenzimmer oder Seminarsaal zum Beispiel. „Im virtuellen Raum können wir Neurofeedback in vertrauter Umgebung umsetzen, der Transfer in die echte Welt fällt leichter“, erklärt Philipp Heiler.

Foto: brainboost

Neurofeedback-Therapie

Ganz billig ist das Angebot von brainboost allerdings nicht. Exakt 87 Euro kostet eine Stunde. Und es ist nicht verwunderlich, dass mehrere Sitzungen nötig sind. „Man muss ehrlicherweise sagen, dass ein sinnvoller Umfang zwischen zehn und 30 Stunden liegt. Wir versuchen, durch Prozessoptimierungen die Kosten zu senken. Aber wir wollen auf keinen Fall an der Qualität sparen“, sagt Philipp Heiler.

„Tatsächlich würde ich Neurofeedback als fortlaufenden Prozess bezeichnen. Ähnlich wie bei sportlichem Training kann ich mir Herausforderungen und Zwischenziele setzen, weil es mir guttut. Hier sieht man deutliche Parallelen zur Meditation“, fügt er hinzu. brainboosts ehrgeiziges Ziel ist ein Modell ähnlich dem eines Fitness-Studios. Nur geht es beim Gehirn-Gym eben um den Geist statt um den Körper.

Die gesetzlichen Kassen übernehmen die Kosten nicht, die privaten Kassen erkennen die Notwendigkeit im Einzelfall an. In weiser Voraussicht? „Ich sehe Neurofeedback als Zukunftstechnologie. Wenn immer mehr Jobs von Robotern übernommen werden, dann bleibt am Ende eine einzige Lebensaufgabe für die Menschen übrig: glücklich sein. Und das geht nur, wenn das Gehirn mitspielt. Genau diesem Zweck dient unser Neurofeedback.“

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