Karin Lohr: „Es gibt ein München jenseits der Maximilianstraße“

Von Julia Hägele

BISS e.V. Leiterin Karin Lohr

Die Straßenzeitung BISS ist aus dem Münchner Stadtbild nicht wegzudenken. Seit 1993 setzt sich der Verein für Obdachlose und Bürger*innen in sozialen Schwierigkeiten ein. Auch für BISS und ihre Verkäufer*innen war das Jahr 2020 unter der Corona-Krise nicht einfach. Für Karin Lohr jedoch kein Grund, aufzugeben. Die gelernte Hotelkauffrau und Diplom-Soziologin leitet BISS e.V. seit 2014. Ein Gespräch über einen Verein mit Herz und Journalismus mit sozialem Auftrag.

Frau Lohr, die Straßenzeitung BISS ist eine Münchner Institution und sie prägt das Stadtbild durch den Straßenverkauf. Durch Corona sind aber nicht mehr so viele Menschen in der Stadt unterwegs. Wie sehr spüren Sie das?

Karin Lohr: Die Lage ist trotz allem stabil, wir halten uns. Von Mitte März bis Ende April haben wir eine coronabedingte Pause eingelegt und es gab kein Aprilheft. Die Restauflage vom März lagerte eine Weile bei mir im Büro – bei dem Anblick hatte mir das Herz geblutet.

Was ist das Wichtigste für Ihren Verein in der Krise?

Lohr: Das Wichtigste ist, die Leute nicht zu verlieren, auch wenn der Verkauf natürlich deutlich zurückgegangen ist. Von unseren 100 Verkäufern*innen sind 57 fest angestellt. Sie haben ein Kurzarbeit-Gehalt plus Aufstockung bekommen, wir haben keinem Verkäufer wegen Corona gekündigt. Wir beraten mit Maske und Abstand und haben Termine im Büro. Für die gesamte Verfasstheit der Verkäufer ist es gut, wenn sie in Kontakt mit Menschen sind. Uns haben auch viele Stammkunden von BISS angerufen und sich nach „ihren“ Verkäufern erkundigt.

BISS finanziert sich zu einem wichtigen Teil durch Spenden – wie pflegen Sie die Kontakte zu denen, die Sie unterstützen?

Lohr: Das Geheimnis des Erfolgs von BISS ist, dass die Verkäufer im Mittelpunkt stehen. Die Spenden helfen konkret: Die Verkäufer können zum Zahnarzt gehen, sie finden eine Wohnung, in der sie duschen können und sehen gleich ganz anders aus als jemand, der auf der Straße lebt. Das überzeugt die Bürger und auch prominente Unterstützer.

Welche prominenten Unterstützer*innen hat BISS?

Lohr: BISS wird überparteilich unterstützt. Zu Beginn waren das zum Beispiel Christian Ude, Uli Hoeneß oder Rudolf Mooshammer. Iris Berben hat sofort zugesagt, als wir sie gefragt haben, ob sie auf unser Jubiläumscover möchte. Und Dr. Hans-Jochen Vogel war ein großer Freund von BISS, er hat immer einen freundlichen Brief geschrieben, wenn ihm etwas besonders gut gefallen hat.   

„Journalistische Berichterstattung darf nicht vergessen, immer wieder zu fragen: Wie gut erfüllen die demokratischen Institutionen ihren Auftrag, für alle Menschen da zu sein?“

An welche BISS-Ausgabe denken Sie besonders gerne zurück?

Lohr: Ich freue mich über jedes Heft, aber mein Lieblingscover ist das mit dem Titel „Die Standl“ – mit ganz unterschiedlichen Standlbesitzern. Man hat hier schön gesehen, dass es Plätze braucht, an denen alle – egal, ob arm oder reich, jung oder alt – zusammenkommen können. Wenn man in der Innenstadt unterwegs ist, könnte man meinen, München wäre überall so reich und es würden nur gutaussehende, elegante Leute herumlaufen. Es gibt aber auch ein München jenseits der Maximilianstraße.

Journalismus, ohne auf die Schwachen zu schauen – geht das?

Lohr: Ich bin keine Journalistin. Aber ich denke, Politik – unwichtig, welche Partei gerade regiert – sollte das Wohl aller Menschen im Blick behalten. Und journalistische Berichterstattung darf nicht vergessen, immer wieder zu fragen: Wie gut erfüllen die demokratischen Institutionen ihren Auftrag, für alle Menschen da zu sein? – Selbstverständlich kann man auch über Spitzengastronomie berichten. Aber auch Spitzen-Gastronomie und Spitzen-Hotellerie wird von Leuten am Laufen gehalten wird, die die Zimmer putzen, die Teller spülen und die das Essen zubereiten. Diese Menschen kann man nicht wegdenken. Ich spreche aus Erfahrung, ich habe eine Ausbildung in der Münchner Spitzen-Hotellerie gemacht.                               

Trauern Sie noch um das gescheiterte Projekt „Hotel BISS“, ein geplantes erstklassiges Hotel, in dem sozial benachteiligte Jugendliche eine Ausbildung hätten machen können?

Lohr: Das Scheitern des Projekts hat mich schwer getroffen, weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass die bayerische Politik das Objekt an einen Investor verkauft. Die Finanzierung war gesichert und das Projekt war durchdacht. Aber vor allem hätten sich hier verschiedene Welten begegnet. Orte, an denen sich Menschen unterschiedlichster Hintergründe mit Wertschätzung begegnen, stellen sich nicht von selbst her. Das Hotel BISS wäre so ein Ort gewesen.

BISS geht auf die 30 zu, 2023 ist das Jubiläum – denken Sie schon ans Feiern?

Lohr: Momentan noch nicht. Wir schauen immer nach vorn, planen Projekte und sind guter Dinge. Wir haben jetzt während Corona viel Solidarität erfahren und merken, dass wir wichtig sind für die Stadt. Wir werden das überstehen und dann umso gelassener feiern.

Über BISS

Das BISS-Magazin ist die älteste und mit einer verkauften monatlichen Auflage von 38.000 Exemplaren eine der erfolgreichsten Straßenzeitungen Deutschlands. Vom Verkaufspreis, derzeit 2,20 Euro, behält der Verkäufer 1,10 Euro. Die Zeitschrift versteht sich auch als Lobby für gesellschaftlich benachteiligte Gruppen. Sie möchte ein Bewusstsein schaffen für die Belange obdachloser und armer Menschen.

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