Klaus Uhrig von Plotprodukt: Emotion wird über die Stimme transportiert

Von Chris Schinke
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Foto: Privat

Medienmacher Klaus Uhrig bedient journalistische Formate vom Hörspiel bis zur TV-Dokumentation. Besonders mit den Podcast-Produktionen seiner eigenen Firma Plotprodukt feierte der Münchner zuletzt Erfolge. Gerne spürt Uhrig eigenwilligen Protagonisten wie Elon Musk, „König Thomas“ oder Kim Dotcom nach. Wir sprachen mit Klaus Uhrig darüber, was heute gelungenes Storytelling ausmacht, über den Boom auf dem Podcast-Markt und über aktuelle Hörgewohnheiten. Gerade erst ist Uhrigs neuer Podcast „Geisterjäger“ beim SWR gestartet.

Klaus, du machst Podcasts, Hörspiele, Dokumentationen und bedienst dabei ganz unterschiedliche Formate. Was aber eint die Themen? Wie sieht ein typisches Klaus-Uhrig-Thema aus?

Klaus Uhrig: Wenn ich auf die Produktionen der letzten Jahre schaue, könnte ich fast zu dem Schluss kommen, dass wohl problematische, alte, weiße Männer mein Thema sind. Ich habe Podcasts über Elon Musk gemacht, den Kunstzerstörer Hans-Joachim Bohlmann und über Thomas G. Hornauer, der auf TikTok als „König Thomas“ berühmt ist. Häufig habe ich Geschichten gemacht, die irgendwie in der Luft lagen. Aber eigentlich interessieren mich die Themen Geschichte und Technologie am stärksten. Insbesondere die Geschichte des Internets oder auch die Geschichte der Raumfahrt.

Du legst bei deinen Produktionen großen Wert auf prägnantes Storytelling. Was genau macht für dich zeitgemäßes, gelungenes Geschichtenerzählen aus?

Klaus Uhrig: Die Hauptsache ist, dass es nicht langweilig ist. Das ist gar nicht so einfach. Gerade bei langen Formaten wie dem Elon-Musk-Podcast – die fünf Stunden dauern je eine Stunde. Wenn man lange genug recherchiert, merkt man immer, wie breit das Thema eigentlich ist. An Stoff mangelt es nie. Aber wie lange bleibt es für Hörer:innen interessant? An der Stelle bediene ich mich gerne bei der TV-Seriendramaturgie. Eine wichtige Frage ist, wie viele Wendepunkte eine Geschichte hat, also wie oft sich die Handlung verändert. Man braucht mehrere dieser Wendepunkte pro Episode, damit einen die Geschichte einfängt. Manchmal stößt man im Leben auf Geschichten, die von ihrer Grundstruktur bereits so gestrickt sind – sie eignen sich besonders, um in einer Podcast-Serie erzählt zu werden.

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„Der Kunstzerstörer – Die Säure-Attentate von Hans-Joachim Bohlmann” ist ein vierteiliger True-Crime-Podcast, der von Plotprodukt produziert wurde. Darin wird das Leben von Bohlmann erzählt, der immer wieder berühmte Exponate in Museen und Galerien mit Säure überschüttete.

Foto: Plotprodukt

Wie du eingangs erwähnt hast, widmest du dich in deinen Produktionen gerne schillernden Persönlichkeiten. Welche Charaktereigenschaften faszinieren dich bei Protagonisten wie „König Thomas“, Elon Musk oder Kim Dotcom, dem du auch einen Podcast gewidmet hast?

Klaus Uhrig: Eine besonders geeignete Charaktereigenschaft ist der Größenwahn. Größenwahn führt nämlich in der Regel dazu, dass diese Menschen extrem viel machen und dazu sehr sprunghaft sind. Elon Musk ist definitiv größenwahnsinnig. Genauso wie König Thomas – der ist aber auch auf allen möglichen anderen Arten ein besonderer Typ. Kim Dotcom würde ich mit seinem Narzissmus ebenso in diese Kategorie zählen. Das Verbindende dieser Figuren ist, dass es allesamt Menschen sind, die sich selber wahnsinnig wichtig nehmen. Und die dadurch viel anstoßen und erleben, so dass es viel zu erzählen gibt.

Für die Dramaturgie von Podcasts ist die Frage entscheidend: Was ist die Essenz der Geschichte?

Nach welchen dramaturgischen Kriterien baust du einen Podcast auf, sobald du eine:n Protagonist:in gefunden hast?

Klaus Uhrig: Das kommt immer darauf an. Es gibt Geschichten, die erzählen sich am besten als Recherchehandlung. Im Zentrum steht ein Mysterium, dem man auf den Grund gehen will. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Recherche an sich interessant genug ist. Ich habe mit Kollegen von der Süddeutschen Zeitung den Podcast „Wer ist Joni?“ gemacht. Darin geht es um eine Scammerin, die unsere Host scammt. Was schlimm für die Kollegin war, stellte sich als Gold für die Erzählung heraus. Sowas lässt sich sehr leicht als Recherchehandlung erzählen. Es gibt aber auch Geschichten, bei denen macht das keinen Sinn. Beispielsweise bei Elon Musk. Da haben wir uns die Frage gestellt: Wie erzählen wir das? Musk ist so eine prägende Figur. Er ist ein Protagonist, der stets alles selbst bestimmen will. Uns ging es bei ihm darum, die Essenz seiner Erzählung zu finden. Was macht Elon Musks Geschichte aus? Und welche Relevanz hat sie für uns, die wir in derselben Welt leben wie er?

Gab es bei Musk einen überraschenden, bisher noch nicht erzählten Aspekt, auf den ihr gestoßen seid?

Klaus Uhrig: Das war gar nicht so einfach. Unser aller Blick auf Elon Musk ist heute sehr stark geprägt von seinem Verhalten in den vergangenen fünf Jahren. Dass er zum Beispiel Twitter kaputt gemacht hat und ein ziemlicher Internet-Troll ist. Dabei darf man aber nicht vergessen, was für ein unglaublicher Visionär er war, mit seinen Raketen und Elektroautos. Das haben wir auch im Podcast thematisiert. Wir wollten der Faszination für Elon Musk nachgehen. Warum fanden Leute ihn toll? Und warum fanden wir ihn selbst auch mal toll?

Der Podcastbereich boomt nach wie vor. Einige Beobachter sehen allerdings eine wirtschaftlich negative Entwicklung voraus. An welchem Punkt steht die Branche aktuell und wie wird sie sich aus deiner Sicht weiterentwickeln?

Klaus Uhrig: In den USA haben große Podcast-Anbieter wie Spotify aber auch kleinere Firmen wie Pineapple Street Studios zuletzt Mitarbeiter entlassen und mehrere bekannte Podcasts eingestellt - darunter auch „Heavyweight“, ein persönlicher Favorit von mir. Das ist natürlich schade, aber andererseits auch ganz normal. Im TV- und Videostreaming-Bereich ist das ja auch nicht anders: Neue Formate entstehen, andere werden eingestellt. Im Podcast-Bereich ist das insofern neu, weil es die letzten Jahre immer nur bergauf ging. Ich glaube, was wir gerade sehen, ist nichts anderes als eine Normalisierung des Marktes, kein „Platzen der Podcast-Blase“, wie manche es bezeichnen.

Wie stellt sich die Marktsituation speziell im Hinblick auf seriell erzählte Podcasts dar?

Klaus Uhrig: Serielle Podcasts sind sehr spezifisch auf die digitale Nutzung ausgelegt. Sie werden aus meiner Sicht immer ein Premium-Produkt bleiben, das sich finanziell nicht wahnsinnig lohnt, sondern das man aus Prestigegründen produziert. Um etwa seine journalistischen Recherchen darzustellen. Das wird etwas sein für Zeitungen, die ein großes Investigativ-Ressort haben und die viele Reporter beschäftigen. Und natürlich auch im Bereich der Öffentlich-Rechtlichen. Im kommerziellen Bereich haben wir in Deutschland schon lange die Dominanz von Talk- und Promipodcasts. Das wird meiner Meinung nach auch so bleiben. Der Markt ist an sich nicht so viel anders als vor zwei Jahren. Das Gefühl aber ist ein anderes, weil die Aufbruchstimmung dem Eindruck wich, dass es beim Branchenriesen Spotify kriselt. Da stellen manche dann die Frage: Wo kriselt es bald noch?

In Podcasts werden Emotionen über die Stimme transportiert

Wie sind denn deine eigenen Audio-Hörgewohnheiten? Was hörst du aktuell, welche Formate packen dich nachhaltig?

Klaus Uhrig: Ich habe immer schon wahnsinnig gerne den Podcast „Heavyweight“ gehört. „This American Life“ gehört auch zu meinen Favoriten. Das ist ein gutes Beispiel für eine Radioshow, die auch als Podcast gut funktioniert. Auf dem deutschen Markt sind es immer wieder Produktionen der Öffentlich-Rechtlichen, die mich packen. „Schlomo“ vom NDR zum Beispiel war ein Podcast, den ich zuletzt wahnsinnig gerne gehört habe. Es ist die Geschichte eines Holocaust-Überlebenden, der einem seiner ehemaligen Peiniger gegenübersteht. Eine wahnsinnig starke, sehr emotionale Erzählung. Es gibt Formate, die höre ich jede Woche, wenn sie erscheinen. Etwa die „Ezra Klein Show“, das ist ein superguter Talk. Und schließlich „Imaginary Worlds“. Wenn ich einen Podcast empfehlen darf, dann diesen. Das ist ein amerikanischer Podcast, auf den ich zufällig gestoßen bin. Darin taucht ein Typ alle zwei Wochen in ein sehr nerdiges Thema ein. Es geht zum Beispiel um den Science-Fiction-Autor Philip K. Dick, oder wahlweise um Harry Potter oder „Dungeons and Dragons“. Der Podcast hat eine extrem interessante Art über Fankultur zu berichten.

Was macht den Audiobereich für Nutzer:innen so reizvoll?

Klaus Uhrig: Audio ist stark in den Bereichen Nähe und Tiefe. Das sind zwei verschiedene Sachen. Mein Elon-Musk-Podcast ist fünf Stunden lang. Bei der Länge kann man richtig in die Tiefe gehen. Diese Möglichkeit hat man im Fernsehen nur selten, einfach weil es sehr teuer zu produzieren ist. Das andere Thema ist Nähe. Man merkt, wie sich Menschen im Audio mehr öffnen. Du spürst die Emotion, die sich durch die Stimme transportiert.

Welche Trends beobachtest du bei den Hörgewohnheiten?

Klaus Uhrig: Ich glaube Podcasts sind heute ein immer selbstverständlicher werdender Teil der Medienlandschaft. Bei den 40- bis 50-Jährigen teilt sich das Publikum noch in Hörer:innen und Nichthörer:innen von Podcasts. Bei 20-Jährigen hingegen gibt es kaum jemanden, der keine Podcasts hört. Oft heißt es, die jungen Leute sind ausschließlich bei TikTok, aber das stimmt nicht. Sie bewegen sich zwischen kurzen Formaten auf TikTok und längeren auf YouTube oder auf Podcast-Plattformen. Podcast ist dabei die neue Norm im Bereich Audio.

Welche Bedeutung hat für dich der Produktionsstandort München?

Klaus Uhrig: Der hat tatsächlich eine sehr große Bedeutung für mich. Der Standort hat die Gründung meiner eigenen Firma extrem erleichtert. Ich habe hier ein großes Netzwerk an Freiberufler:innen, mit dem ich zusammenarbeite. Von der freien Buchhalterin über Autor:innen, Grafiker:innen, Fotograf:innen bis hin zu Musiker:innen. Entscheidend ist für mich auch, dass es hier am Standort ausreichend Studiokapazitäten gibt, was den Vorteil hat, dass ich mir kein eigenes Studio aufbauen musste.

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