Penzing Studios: Joe Neurauter über den Virtual Production Hub

Von Nina Brandtner

Joe Neurauter ist Geschäftsführer der Penzing Studios / Fotos: Joe Neurauter / Hyperbowl

Mit den Penzing Studios entsteht in Bayern ein Filmstudio, das als Vorreiter im Bereich Virtual Production vorangehen soll. Filmproduzent und Managing Partner Joe Neurauter spricht im Interview darüber, wie die Zukunft der Filmproduktion aussieht, warum man dafür Games-Firmen auf dem Schirm haben muss und weshalb die Studios dem Fachkräftemangel in der Branche ein Ende bereiten könnten.

Herr Neurauter, wann wurde Ihnen klar, dass die deutsche Produktionslandschaft neben den „Big 3” (Bavaria Studios, Studio Babelsberg und MMC) noch ein weiteres Studio-Großprojekt braucht?

Joe Neurauter: Vor drei Jahren habe ich den Film „Guns Akimbo” mit Daniel Radcliffe gedreht. Wir hatten ursprünglich den Plan, in den Bavaria Studios zu drehen, aber nur ein kleines Zeitfenster und an diesem Termin war kein Platz mehr für uns. Wir mussten in die alte Papierfabrik in Dachau ausweichen und unser eigenes Pop-up-Studio herstellen. Da habe ich am eigenen Leib gespürt, dass es gar nicht so einfach ist, in Bayern Studiokapazitäten zu finden. Vom FFF Bayern haben wir erfahren, dass größere Produktionen Anfragen stellen, aber die Kapazitäten nicht immer ausreichen. Dem steht ein genereller Content-Boom gegenüber, der in den letzten Jahren stattgefunden hat. Stichwort Streaming-Wars: Es wird mehr audiovisueller Content als je zuvor produziert, Tendenz weiter steigend.

Wie reagiert man in der Branche auf diesen Content-Boom?

Neurauter: In den letzten 18 Monaten wurde in Großbritannien eine Reihe von Großprojekten gelauncht, um der Nachfrage nachzukommen. Wir sind fest davon überzeugt, dass diese Nachfrage nach Studiokapazitäten auch in andere europäische Länder überschwappen wird, weil die Streamer immer mehr in lokalen Content investieren. Netflix hat im Dezember angekündigt, dass es in den nächsten drei Jahren 500 Millionen Euro für deutsche Contentproduktionen ausgeben wird.

Zur Person

Joe Neurauter ist Filmproduzent. Er hat zwölf Jahre lang in den USA gelebt und dort die Produktionsfirma Occupant Films aufgebaut, die Büros in Los Angeles und München hat. In den letzten Jahren hat der gebürtige Österreicher in Bayern die Filme „Guns Akimbo” mit Daniel Radcliffe und „Kung Fury” mit Arnold Schwarzenegger und Michael Fassbender gedreht. Gemeinsam mit Jörn Siegele, dem Geschäftsführer von Grizzly Filmbau, und einem Konsortium aus der bayerischen Film- und TV-Branche hat er die Penzing Studios nahe Landsberg am Lech aufgebaut.

Wie schnell konnten Sie Ihre Studio-Idee in die Tat umsetzen?

Neurauter: Wir haben fast zwei Jahre lang nach einem Standort gesucht. Wenn man kommt und sagt, „wir wollen einen großen Studiokomplex ins Grüne stellen”, gibt es erst einmal Zweifel. Wir haben nach Optionen gesucht, bei denen nutzbarer Bestand vorhanden ist. So sind wir auf den Fliegerhorst in Penzing gestoßen. Die ehemaligen Hangars sind von der Größe und Höhe her perfekte, wie für den Film geschaffene Hallen. Außen herum sind genug Büroflächen, die für Maske, Kostüm oder Produktionsbüros genutzt werden können.

Es hat fast ein Jahr gedauert, bis wir die Zusage erhalten haben. Am 19. Januar 2022 war der erste Drehtag, zwei Hallen sind geöffnet. Bis Juni wollen wir einige weitere Hallen drehtauglich machen. Parallel sprechen wir über Erweiterungsmöglichkeiten, um in der Größenordnung internationaler Studioprojekte zu landen, die jetzt gebaut werden.

Wie sehr profitieren Sie dabei von der in Bayern ansässigen Film-, TV- und Streaming-Branche?

Neurauter: Unsere Partner sind lokal verankerte Unternehmen, die Interesse haben, dass hier etwas entsteht. München ist als Drehstandort, auch wenn Personalkosten teurer sind als an anderen Standorten, sehr talentfreundlich. Die Lebensqualität ist hoch, die Bedingungen sind gut und natürlich gibt es eine ausgeprägte Förderlandschaft, die internationale Produktionen hier sehen will. Wir haben den internationalen Koproduktionstopf des FFF Bayern, der auch bei meinen Filmen „Guns Akimbo” und „Kung Fury II” eine Rolle gespielt hat.

Penzing Studios wollen Streaming-Dienste anlocken

 

Welche Kunden sollen die Penzing Studios ansprechen?

Neurauter: Unsere Ausrichtung ist recht breit: Film, TV und Werbung sind die drei Standbeine, und natürlich Virtual Production. Es ist alles ganz frisch, aber die Resonanz ist enorm. Wir haben Ende März einen Termin, bei dem ein führender Executive eines der großen Streaming-Anbieter die Location besuchen wird. Die Streamer suchen laufend nach Produktionsmöglichkeiten. Die Chance ist, jetzt Rahmenverträge zu entwickeln mit größeren Anbietern, die Volumen bringen. Man braucht ein gewisses Bestandsgeschäft.

Die Penzing Studios legen einen Schwerpunkt auf die digitale und virtuelle Produktion. Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft der Filmproduktion aus?

Neurauter: „Guns Akimbo” und „Kung Fury” waren sehr visual-effects-lastige Filme und ich hab mich stark in das Thema eingearbeitet. Als ich gesehen habe, was Disney mit der neuen Virtual Production-Technik bei „The Mandalorian” gemacht hat, war für mich klar, dass das eine Zäsur ist in der Art und Weise, wie Film und Fernsehen in Zukunft hergestellt wird, ähnlich wie der Übertritt von Film auf Digital. Ich glaube fest daran, dass sich der Produktionsprozess in den nächsten drei bis fünf Jahren rasch in diese Richtung bewegen wird.

Das Virtual Production Studio Hyperbowl ist aktuell das Zentrum der Penzing Studios. © Hyperbowl

Wie wird diese Technologie die Branche verändern?

Neurauter: Es gibt kostenmäßig keinen Grund mehr, an dutzenden verschiedenen Schauplätzen zu drehen. Nicht nur die LED-Technologie ist revolutionär. Auch die Tatsache, dass die digitalen Assets und Environments, die im Computer entstehen, nachnutzbar sind. Stellen Sie sich vor, Sie drehen eine Fernsehshow, die acht Staffeln läuft und in allen kommen die gleichen Umgebungen vor. Wenn Sie die Assets einmal gebaut haben, haben Sie null Kosten für jegliche Weiternutzung. Das heißt, Sie senken über einen längeren Zeitraum die Kosten enorm. Momentan ist es ein bisschen teurer, weil alles so neu ist und sich die Best Practices gerade erst entwickeln.

Auch das Anforderungsprofil wird sich verändern im Film. Es wird weniger klassische Crewpositionen geben, vom Schreiner bis zum Maler oder Beleuchter. Was 3D/2D-Artists betrifft, die die Environments herstellen, wird die Nachfrage steigen. Auch nach Software-Entwicklern, die Game-Engines wie „Unreal” bedienen können. Wir wollen hier die führende Position in Deutschland einnehmen. Es gibt Pilotprojekte in der Bavaria und der MMC, aber die sind noch nicht so weit fortgeschritten wie wir.

Dank Ihrem Partnerunternehmen, der Hyperbowl.

Neurauter: Die Hyperbowl hat für uns zwei Values: Einerseits war es die erste Virtual Production Stage, die in Deutschland existierte. Und das Team, das die Hyperbowl bedient, ist eines der erfahrensten Europas. Die Knappheit an Fachkräften in diesem Bereich ist enorm. Bei der zweiten Staffel von „The Mandalorian”, die Disney gerade herstellt, arbeiten drei Crews simultan an der Show – eine macht die Arbeit und die anderen beiden schauen nur zu, wie es geht. Wir haben einen riesigen Vorteil, weil die Virtual Production Stage bei uns schon eröffnet ist. Wir können in den nächsten Monaten die Produktionschefs einladen und zeigen, was möglich ist. Auch wenn es seit zwei Jahren im Gespräch ist, ist noch nicht voll durchgedrungen, wie groß die Möglichkeiten sind.

Gaming-Technologie wird für Filmbranche immer wichtiger

 

Wie glauben Sie wird die Innovation im Bereich Virtual Productions aufgenommen?

Neurauter: Wenn es Veränderungen und Disruptionen gibt, ist das bei vielen mit Angst verbunden, das wird vor der Filmbranche nicht Halt machen. Die Art der Arbeitsplätze wird sich verändern, aber die Arbeitsplätze werden nicht verschwinden. Unsere Branche ist eine, in der technologische Entwicklungen zentral sind. Als der Tonfilm mal da war, ist man auch nicht mehr weitergekommen, wenn man weiterhin Stummfilm gemacht hat. Ich sehe es als große Chance und hoffe, dass es die deutsche Branche auch so sieht.

Mit welchen modernen Technologien dürfen wir in Penzing noch rechnen?

Neurauter: Es wird zu der Verschmelzung von audiovisuellen und Game-Techniken kommen. Weil die Basis der digitalen Environments, die bei Virtual Productions auf die LED-Panels gestreamt werden, Gaming Assets sind. Die Gaming-Firmen beschäftigen genau das Personal, das für die neuen Prozesse in Film und Fernsehen benötigt wird. Es ist denkbar, dass man, wenn man ein Game macht, diese Assets schon so entwickelt, dass im Idealfall Film und Fernsehen daraus entstehen können. Die Overlaps werden größer.

Die Penzing Studios werden vom Architekturbüro Snohetta entworfen. © Hyperbowl

Nun gibt es schon einen Mangel an Fachkräften in der Branche. In Penzing sollen bis 2025 mehr als 1000 Arbeitsplätze entstehen. Macht Ihnen das keine Sorgen?

Neurauter: Doch. Aber das Problem haben alle, selbst Disney auf den großen Produktionen. Bei uns laufen schon Gespräche mit Ausbildungsinstitutionen. Der Standort ist riesig, es gibt viele Bestandsgebäude, die auch als Campus nutzbar gemacht werden können. Die Gespräche gehen genau dorthin: Die bestehenden Filmschulen müssen vermehrt auch für die zukünftigen Produktionsberufe ausbilden, was im Moment nicht passiert. Wir sehen es als zentral an. Das ist ein anderer Grund, warum sich die Partnerschaft mit der Hyperbowl so gut befruchtet. Wir haben da eines der erfahrensten Teams, wir können diese Erfahrungen weitergeben und neue Leute ausbilden.

In Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Snohetta sollen die Penzing Studios zum ersten emissionsfreien Filmstudio der Welt werden. Wie wichtig ist der Nachhaltigkeitsgedanke aktuell in der Filmproduktion?

Neurauter: Absolut zentral. Das war immer ein wichtiger Bestandteil in allen Gesprächen und Planungen bei uns. Auch für die Gemeinde Penzing, die keine „Dirty Industries” auf dem Projekt will. Unser nachhaltiges Konzept und die Art und Weise, wie hier produziert wird, hat sicher den Ausschlag mitgegeben, dass wir die Penzing Studios errichten dürfen. Die neuen Gebäude werden komplett aus Stampflehm verbunden mit Holz sein. Die Häuser sind eigentlich kompostierbar. Snohetta hat das Powerhouse-Konzept, also Zero-Emission-Buildings, gemeinsam mit der Wissenschaft entwickelt. Dieses Konzept wollen wir auf die Studios übertragen.

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