Summ AI und Wortliga: So erreicht Sprache mehr Menschen

Von Dr. André Gärisch
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Fotos: Bits & Prezels, Wortliga & Tom Bauer

Flora Geske und Gidon Wagner setzen sich mit ihren Münchner Unternehmen Summ AI und Wortliga dafür ein, Sprache zugänglicher zu machen – sowohl kognitiv beeinträchtigten Menschen als auch der breiten Masse. Im Interview erläutern sie die Unterschiede zwischen sogenannter "Leichter" und klarer Sprache, kritisieren den Sprachstil in Nachrichtensendungen und geben Tipps für gelingende Dialoge.

Flora, Gidon, schildert gerne die Gründungsgeschichte eurer Unternehmen und erklärt, was ihr konkret macht.

Flora: Wir bieten mit Summ AI ein KI-Tool an, das aus normaler und komplexer Sprache „Einfache“ und „Leichte“ Sprache generiert. Die Idee dazu entstand aus persönlichen Erfahrungen: Meine Tante kann aufgrund ihrer kognitiven Beeinträchtigung komplexe Texte nicht verstehen; sie würde es aber gerne, da sie sich zum Beispiel sehr für Politik interessiert. Deshalb beschloss ich, das Wissen aus meiner Zeit in der KI-Forschung zu nutzen, um Menschen wie ihr eine bessere Teilhabe zu ermöglichen. Meine Gründungspartner:innen und ich entwickelten Prototypen der KI und optimierten sie schrittweise. Schließlich gründeten wir 2022 Summ AI, auch vor dem Hintergrund, dass Unternehmen ab 2025 sprachlich barrierefrei sein müssen. Der Start stimmt uns zuversichtlich. Wir sind in München Teil eines großartigen Ökosystems für Gründer:innen und konnten lokal ausgelobte Fördergelder sowie externes Investment einsammeln.

Danke für die Einblicke. Nun zu dir, Gidon.

Gidon: Ich habe schon während meiner Schulzeit gerne geschrieben und mich für Kommunikationspsychologie interessiert. Nachdem ich kurz bei einem Verlag gearbeitet hatte, gründete ich 2009 mein eigenes Redaktionsbüro Wortliga. Dabei habe ich mich vor allem mit der Suchmaschinenoptimierung von Texten befasst. Und irgendwie hat mich da immer die Frage beschäftigt: Wie können Texte eigentlich noch verständlicher gemacht werden?

„Wir richten uns nicht an die breite Masse.“

Und dann kam dir die Idee für ein Tool.

Gidon: Genau. Gemeinsam mit Partner:innen habe ich das Tool Wortliga Textanalyse entwickelt, das die Grundsätze klarer, verständlicher Sprache kennt und den Nutzer:innen bei Eingabe eines Textes entsprechende Hinweise gibt. Das Feedback war überwältigend, etwa aus der Marketingbranche, aber auch aus dem Gesundheitswesen und aus Bildungseinrichtungen. Im Jahr 2020 gründeten wir für die Software eine eigene GmbH. Unser Fokus lag nun auf dem Tool und sprachlicher Beratung. Im Laufe der Jahre sind wir stetig gewachsen. Zuletzt haben wir das KI-Tool Plain auf den Markt gebracht, das komplizierte Texte in klare Sprache übersetzt.

 

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Grafik: Wortliga

Was ist der Unterschied zwischen der „Leichten“ und „Einfachen“ Sprache von Summ AI und der „klaren“ Sprache von Wortliga?

Flora: Leichte Sprache ist die am stärksten vereinfachte Sprache überhaupt. Nebensätze tauchen hier nur in absoluten Ausnahmefällen auf. Einfache Sprache, die zweite Form der barrierefreien Sprache, erlaubt etwas mehr Komplexität. Wir richten uns im Gegensatz zu Wortliga nicht primär an die breite Masse, sondern an Menschen mit kognitivem Handicap oder Menschen mit Migrationshintergrund, die noch nicht so gut Deutsch können. Um sicherzustellen, dass unsere Texte verstanden werden, laden wir regelmäßig auf barrierefreie Sprache angewiesene Menschen zu Feedbackrunden ein.

Wie handhabt ihr es, wenn es kein einfaches Synonym für ein abstraktes Wort gibt?

Flora: Dann erklären wir das Wort. Es gibt zum Beispiel kein einfaches Synonym für „Künstliche Intelligenz“, der Begriff kann aber mit mehreren Sätzen umschrieben werden. Unseren Kund:innen stellen wir ein Glossar mit einfachen Erklärungen für häufig vorkommende abstrakte Wörter zur Verfügung.

Parteiprogramm schwieriger zu lesen als AGB von Banken

Gidon, schärfen Institutionen mit hohem intellektuellen Anspruch wie Hochschulen, Museen oder Literaturverlage nicht ihr Profil, wenn sie komplexe Sprache verwenden?

Gidon: Studien zeigen, dass komplexe Ausdrucksweisen als unsinnig wahrgenommen werden. Klar kommunizierende Institutionen und Menschen nehmen wir stärker und positiver wahr. Selbst Experten bevorzugen verständliche Sprache. Ein tolles Beispiel ist Professor Harald Lesch, der etwa in der Fernsehsendung Terra X wissenschaftliche Themen sehr anschaulich erklärt und damit super ankommt. Unternehmen arbeiten übrigens auch produktiver, wenn sie ihre Sprache vereinfachen, denn sie müssen Kund:innen nicht ständig erklären, was sie meinen.

In welchen Branchen ist die Sprache besonders kompliziert?

Gidon: Kürzlich haben wir uns Parteiprogramme genauer angesehen und festgestellt, dass sie sogar schwieriger zu lesen sind als die AGB von Banken. Selbst bei der Bundeszentrale für politische Bildung konnten wir keinen einzigen Text finden, der allgemein verständlich war. Mit kürzeren Sätzen wäre hier schon viel gewonnen. Außerdem wäre es wünschenswert, wenn Parteien und Unternehmen weniger Passivkonstruktionen verwenden würden, mit denen sie ihre Verantwortung verschleiern.

Wie wichtig ist es, dass Medien barrierefreie oder klare Sprache verwenden?

Flora: Besonders bei politischen Themen ist es entscheidend, Leichte oder Einfache Sprache anzubieten, um populistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Menschen mit geringem Sprachverständnis sollten politische Entwicklungen verfolgen und an Diskussionen teilnehmen können. Aber auch abseits politischer Themen ist Inklusion wichtig. Mich überrascht, dass noch nicht alle Medienhäuser diese Chance erkannt haben, eine bisher unerschlossene Zielgruppe zu erreichen.

Sind die öffentlich-rechtlichen Sender verpflichtet, barrierefreie Sprache anzubieten?

Flora: Der Medienstaatsvertrag beinhaltet den Grundsatz der Barrierefreiheit, zu dem sprachliche Verständlichkeit gehört. Mich freut, dass beispielsweise die Tagesschau künftig Ausgaben in Einfacher Sprache bereitstellen wird.

Das Ziel: Gesundheitsinformationen online in Einfacher Sprache bereitstellen

Die Tagesschau durftest du, Gidon, Anfang des Jahres beraten. Was ist dir bei der Analyse der Sendung aufgefallen?

Gidon: Aufgefallen sind mir zum Beispiel die vielen Worthülsen. So hatte die Tagesschau etwa von Christian Lindners Plänen berichtet, dem verfassungsrechtlichen Nachholbedarf beim Kinderfreibetrag gerecht werden zu wollen. Was bedeutet das? Widerspricht der Kinderfreibetrag der Verfassung? Soll ein Gesetz geändert werden? Eigentlich müssten die Redakteur:innen bei den entsprechenden Politiker:innen nachfragen, was sie konkret meinen. Doch dafür fehlt in der Regel die Zeit. Und ohne Nachfrage etwas zu vereinfachen, ist der Redaktion zu riskant. Schließlich sitzen jeden Abend zehn Millionen Zuschauer:innen vor dem Bildschirm.

Liegt der Fehler also eher bei den Politiker:innen?

Gidon: Politiker:innen verwenden oft absichtlich vage Sprache, sie wollen sich nicht auf ihre Aussagen festnageln lassen, und erschweren damit verständlichen Journalismus. Nachrichtenredaktionen werden täglich von einer Flut an Floskeln überschwemmt. Dennoch sollten sich Journalist:innen nicht hinter den Politiker:innen verstecken. Bei besonders undurchsichtigen Formulierungen ist ein Gespräch mit dem Absender angebracht, um Missverständnisse beim Publikum zu vermeiden.

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Kürzere Sätze und übersichtliche Gliederung: Dieses Beispiel zeigt, wie Summ AI komplizierte Texte in eine verständliche Sprache übersetzt. / Grafik: Summ AI

Flora, hast du auch einen spannenden Case im Gepäck?

Flora: Ja. Wir kooperieren derzeit mit dem Wort & Bild Verlag, der die Apotheken Umschau herausgibt. Unser Ziel ist es, Gesundheitsinformationen online in Einfacher Sprache zur Verfügung zu stellen. Bislang hat der Verlag diese Aufgabe manuell erledigt, nun möchte er künstliche Intelligenz einsetzen, um eine deutlich größere Menge an Informationen zugänglich zu machen.

Klar zu kommunizieren erleichtert den Zugang zu Informationen

Was sind die größten Herausforderungen bei diesem Projekt?

Flora: Wir verfügen über ein Basismodell, das beispielsweise gut für Behörden funktioniert, die unsere häufigsten Auftraggeber sind. Kommen wir in einen anderen, speziellen sprachlichen Kontext, müssen wir das Modell meist weiterentwickeln. Im Rahmen des Projekts für den Wort & Bild Verlag trainieren wir das Modell etwa mit Textbeispielen aus dem Gesundheitswesen. Außerdem begleiten Sprachexpert:innen das Projekt wissenschaftlich.

Mit Blick in die Zukunft: Welche Botschaft oder Wunschvorstellung habt ihr hinsichtlich der Verwendung von Sprache in der Gesellschaft?

Gidon: Es gibt das Dogma, Verständlichkeit sei etwas für „Dumme“. Das Gegenteil ist der Fall: Wer verständlich schreibt und spricht, erfüllt die anspruchsvollen Kriterien guter Sprache und stellt andere nicht vor unnötige Hürden. Das sollten mehr Menschen begreifen.

Flora: Gerade ältere Menschen mit akademischem Hintergrund sagen mir manchmal, dass sie sich bewusst durch ihre Sprache abgrenzen möchten. Sie finden es völlig in Ordnung, wenn sie nicht jede:r versteht. Ich halte das für eine schwache Position, sich durch die eigene Sprache abgrenzen zu müssen und dabei einen größeren Teil der Gesellschaft auszuschließen. Hier würde ich mich über ein Umdenken freuen.

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