Generation Digital: Marion Händel über die Mediennutzung von heute
Die Medienwelt verändert sich rasant. Besonders die Generation, die nach dem Jahr 2000 geboren wurde, wächst in einem digitalen Umfeld auf, das sich fundamental von dem früherer Generationen unterscheidet. Was das für ihre Sozialisation, ihr Medienverständnis und den Umgang mit Informationen bedeutet, erklärt Prof. Dr. Marion Händel, Expertin für Medienpsychologie und Medienpädagogik an der Hochschule Ansbach.
Was prägt die Medien- und Technologie-Sozialisation der zwischen 2000 und 2012 Geborenen?
Marion Händel: Medien entwickeln sich viel rasanter als in der Vergangenheit. Früher lagen 100 oder 200 Jahre zwischen disruptiven Entwicklungen. Heutzutage sind es Jahrzehnte oder nur wenige Jahre. Junge Menschen nutzen Medien zur Produktion, Übertragung und Rezeption. Statt passiven Konsums steht heute Interaktion im Vordergrund. Das führt dazu, dass sie permanent Feedback bekommen. Die mediale Kommunikation wird schneller und die private Kommunikation wird in den öffentlichen Raum getragen.
Wie verändern diese rasanten Entwicklungen den Umgang junger Menschen mit Medien?
Händel: Ich beobachte, dass sehr wenige Berührungsängste mit neuen Technologien da sind. Junge Menschen sind neugierig und technologieoffen und probieren Innovationen einfach aus. Daraus ergibt sich auch eine Verschiebung, wenn wir über Medienkompetenz sprechen. Neben der Medienkunde wird Medienkritik heute immer wichtiger: Junge Menschen müssen nicht nur wissen, wie Social-Media-Algorithmen funktionieren, sondern auch kritisch reflektieren, wie glaubwürdig Informationen sind und wie diese auf sie wirken.
Wo begegnet KI der jungen Generation im Alltag?
Händel: Junge Menschen begegnen KI oft unbewusst in sozialen Medien, wo KI-generierter Content interessengeleitet ausgespielt wird. Smart Speaker, Apps und die Google-Suche liefern KI-Zusammenfassungen. Auch Influencer:innen sind teilweise bereits KI-generiert. Wer mit generativer KI interagiert, gibt persönliche Informationen preis, welche wiederum als Trainingsdaten genutzt werden. Da entstehen neue Herausforderungen im Bereich Datenschutz. Und es stellt sich die Frage: Wann sollte man KI-generierten Informationen trauen und wann nicht? Die Bedeutung von Fachwissen und Kompetenz nimmt zu, da nur so die Glaubwürdigkeit einer Information beurteilt werden kann.
Welche Rolle spielt die zunehmende Personalisierung in diesem Zusammenhang?
Händel: Das Bedürfnis nach Personalisierung kann ich sehr gut nachvollziehen. Man muss nicht mehr selbst Informationen selektieren, sondern erhält passende Inhalte und kann tief in persönlich relevante Themen eintauchen. Minderheiten fühlen sich eher angesprochen, da sie gezielt Inhalte erhalten. Dadurch verschwimmt die Grenze zwischen Einzelmeinung und allgemeingültiger Wahrheit. Wer permanent Informationen bekommt, die zu eigenen Interessengebieten und Meinungen passen, fühlt sich schnell bestätigt. Gleichzeitig bekommt die Person andere Aspekte entweder gar nicht zu sehen oder will sie nicht sehen – das ist der Confirmation Bias. So können sich etwa Verschwörungsmythen im digitalen Raum festigen. Darüber müssen sich junge Menschen im Klaren sein. Sonst entsteht ein Medienverständnis, bei dem die Person denkt: So, wie mir etwas präsentiert wird, ist die Wirklichkeit auch für andere.
Welche Kommunikationsstrategien und Medienformate sprechen die junge Generation besonders an?
Händel: Storytelling ist heute überholt. Wir sind schon beim Storymaking angekommen. Hier wird gemeinsam mit dem Publikum eine Geschichte entwickelt. Die Marken und Unternehmen fordern ihre Kund:innen explizit dazu auf, Inhalte beizutragen und daraus eine gemeinsame Kampagne zu machen. Das ist ein Medienformat, das eher nur die junge Generation anspricht. Bezogen auf genutzte Apps sind WhatsApp, Instagram, TikTok und Snapchat die Spitzenreiter bei jungen Menschen. Aber es hängt stark von den Nutzungsmotiven ab. Zur Kommunikation wird meist WhatsApp verwendet, zum Amüsieren dienen YouTube und TikTok.
Wie müssen Medienangebote aussehen, damit sie die Bedürfnisse der jungen Generation erfüllen?
Händel: Unternehmen müssen schnell überzeugen, um junge Menschen zu erreichen. Auf Plattformen wie TikTok wird sich nicht lange mit Inhalten auseinandergesetzt. Hier können Medienangebote an den drei psychologischen Grundbedürfnissen der Selbstbestimmungstheorie ansetzen: Autonomie, Kompetenzerleben und soziale Eingebundenheit. Autonomie bedeutet, ich möchte mich als Person erleben und selbst Entscheidungen fällen. Dabei spielt die hohe Personalisierung der Algorithmen eine große Rolle, um maßgeschneiderte Angebote zu bekommen. Wichtig ist, Inhalte plattformgerecht zu gestalten. Kurz, visuell oder interaktiv und immer fürs mobile Format gedacht. Kompetenzerleben bedeutet, dass ich meine Fähigkeiten unter Beweis stellen kann, ohne überfordert zu werden. Daran schließt das Grundbedürfnis sozialer Eingebundenheit an. Das bedeutet, Mitgestaltung, Dialog und Partizipation zu ermöglichen. Zum Beispiel über Feedback, Likes oder Kommentare, Challenges, Umfragen sowie die Einbindung nutzergenerierter Inhalte.
Bannerbild: Hochschule Ansbach/Celine Schneider





