Magnus Strobel von Nexus Politics

Magnus Strobel: Mit Nexus Politics zu mehr politischer Teilhabe

Politische Partizipation scheitert oft an starren Bürgersprechstunden oder unzugänglichen Sitzungsprotokollen. Mit Nexus Politics schaffen die Münchner Startup-Gründer Magnus Strobel und Christoph Waffler eine digitale Demokratieplattform für den direkten Austausch zwischen Bürger:innen und Politik. Im Interview erklärt Magnus Strobel, wie sie die politische „Blackbox“ öffnen und den Zugang zu demokratischen Prozessen für alle Menschen vereinfachen.

08.07.2026 6 Min. Lesezeit

Magnus, gab es in deinem Leben schon mal Momente, in denen du dir mehr politische Partizipationsmöglichkeit gewünscht hättest, aber nicht die Möglichkeit hattest?

Magnus Strobel: Sicherlich. Ich bin sehr politisch interessiert und motiviert. Mein Papa war jahrelang im Gemeinderat, insofern war Politik immer auch ein Thema beim Abendessen. Ich habe Petitionen unterzeichnet und an Demonstrationen und Gemeinderatssitzungen teilgenommen. Aber mit den digitalen Partizipationsmöglichkeiten war ich nie wirklich zufrieden. Der Prozess, wie man sich an Politiker:innen wendet, wie man im Nachgang Updates aus den Sitzungen bekommt und Einblicke in die Politik erhält, ist ausbaufähig. Deshalb haben mein Mitgründer Christoph Waffler und ich Nexus Politics gestartet. Wie Demokratie funktioniert und warum gerade so viel Unzufriedenheit herrscht, beschäftigt uns beide.

Woran liegt diese Unzufriedenheit?

Magnus: Viele sind durch frühere Erfahrungen frustriert und haben das Gefühl, sie können als Einzelperson nichts erreichen oder werden nicht gehört. Denen, die noch nicht aufgegeben haben, fehlen die Tools und Möglichkeiten, sich einzubringen. Viele von uns sind in ihren Jobs beschäftigt und können nicht einfach mal einen halben Tag zu einer Bürgersprechstunde gehen. Wir möchten digitale, asynchrone Teilhabemöglichkeiten schaffen.

Drei Ziele von Nexus Politics

Es geht euch also um Inklusion und Gerechtigkeit.

Magnus: Genau. Das erste unserer drei großen Ziele ist es, Partizipation zu erleichtern und dadurch zu erhöhen. Denn umso repräsentativer wird das Meinungsbild, und das stärkt unsere Demokratie. Das zweite Ziel ist Transparenz, also die „Blackbox Politik“ zu öffnen. Die Politik tut schon viel, um transparent zu sein, aber die Dokumentationen sind nicht gut zugänglich. Kein Mensch schaut sich Sitzungsprotokolle von Parlamenten an, um zu sehen, ob ein Thema schon mal diskutiert wurde. Wir möchten einen Single-Entry-Point schaffen, um alle relevanten Informationen für die Anliegen der Bürger:innen zu bündeln. Das dritte Ziel ist die Rechenschaftspflicht. Man soll Möglichkeiten haben, die Politik daran zu messen, was versprochen und was eingehalten wurde, damit aus Transparenz auch Konsequenzen folgen. Auf diesen Zielen bauen wir unsere Tools auf.

Wie funktioniert die Plattform, wenn ich als Bürger:in mein Anliegen einreichen will?

Magnus: Du gibst auf unserer Plattform in einem Chatfenster dein Anliegen ein. Im Chatverlauf werden Rückfragen gestellt, um das Problem zu erfassen. Danach ist eine Registrierung mit E-Mail-Adresse und Name erforderlich. Die Anliegen an sich sind aber anonym, es ist auf der Plattform nicht öffentlich sichtbar, wer was eingereicht hat. Weitere Daten wie Alter und Geschlecht können optional angegeben werden, um Politiker:innen bessere datenbasierte Einblicke in die öffentliche Meinung zu ermöglichen.

Kommunal, Land, Bund – auf welchen Ebenen bietet ihr eure Plattform an?

Magnus: Unser Ziel ist eine digitale Demokratieplattform für alle Ebenen. Insbesondere auf der kommunalen Ebene findet viel Demokratie und Partizipation statt. Wir haben unsere Plattform deshalb nun um ein eigenes Modell für die Bürgerbeteiligung in Kommunen erweitert. Auf der Bundesebene ist meist viel Geld, Know-how und technische Kompetenz vorhanden, aber gerade auf kommunaler Ebene oder auf Landesebene ist das oft nicht so gut ausgeprägt. Wir wollen Kommunen die Tools an die Hand geben, die sie brauchen, um Bürgerbeteiligung gut zu ermöglichen.

Magnus Strobel

Wir sind der Meinung, dass Bürgerbeteiligung ein integraler Bestandteil der Kernaufgaben einer Kommune sein sollte.

Magnus Strobel

Fokus auf digitale Kommunalpolitik

Wie funktioniert das Modell für Städte und Gemeinden?

Magnus: Wir möchten die Bürger:innen da abholen, wo sie schon sind, also auf der Website der Kommune. Wir bieten Kommunen an, unser Chatfenster und die Karte mit den Anliegen per IFrame auf ihrer Website einzubetten. Dann kann die Gemeinde Umfragen oder Bürgerbeteiligung über ihre eigene Plattform laufen lassen. Die Daten landen bei uns und können über ein Dashboard ausgewertet werden. Wir bieten ihnen ein CRM-System, um den Bürgeranliegen mit Follow-ups gerecht zu werden und sie zu lösen.

Gibt es nicht schon vergleichbare Softwares?

Magnus: Im Gegensatz zu Wettbewerbern sind wir sehr günstig. Unser System kostet aktuell 99 Euro im Monat pro Zugang. Große Anbieter kosten oft mehrere 10.000 Euro im Jahr, was sich kleine Kommunen nicht leisten können. Open-Source-Lösungen wie „Consul“ müssen selbst implementiert werden, wofür im Rathaus meist die technische Expertise fehlt. Wir sind der Meinung, dass Bürgerbeteiligung ein integraler Bestandteil der Kernaufgaben einer Kommune sein sollte, und ermöglichen das auch bei knappen Haushalten.

Bietet eure Plattform auch eine Chance für Medienhäuser?

Magnus: Medien spielen als vierte Gewalt eine extrem wichtige Rolle in der Demokratie. Wir sehen sie als Key Stakeholder. Die Idee ist, dass wir ein Matching herstellen: Wenn Bürger:innen Anliegen einreichen, zeigen wir ihnen passenden Content, den Medien dazu bereits erstellt haben. Wir möchten auch mit Medien kooperieren, um unser Tool für Public Opinion Polling zu nutzen. Zeitungen könnten unsere Technologie für Umfragen am Ende ihrer Artikel verwenden, um diese effizienter auszuwerten. 

Skalierung und Mehrwert für Politiker:innen

Euer Konzept basiert darauf, dass Politiker:innen auf die Anliegen reagieren. Wie erfolgreich ist das bisher?

Magnus: Wir sind in der Aufbauphase. Wir implementieren gerade Prozesse, um Anliegen automatisiert zu klassifizieren, zu kategorisieren und zu bündeln, damit wir gebündelte Policy Briefings weiterreichen können. Mit dieser Idee wollen wir zukünftig mehr Politiker:innen auf die Plattform bekommen. Bisher haben etwa 50 Politiker:innen einen Account erstellt. Im Bundestag und den 16 Landtagen sitzen etwa 2.700 Politiker:innen. Ziel ist es, alle oder zumindest einen großen Anteil auf der Plattform zu haben.

Wir profitieren Politiker:innen von eurer Plattform?

Magnus: Politik inklusiver zu machen bedeutet für uns auch, die Barriere für den Einstieg in die Politik zu senken. Junge Politiker:innen brauchen Sichtbarkeit, was oft Geld kostet, etwa für eine eigene Website. Wir möchten eine Plattform wie LinkedIn schaffen, auf der alle Politiker:innen einfach ein aussagekräftiges Profil erstellen können. Wir bieten außerdem ein Umfragetool für Feedback und entwickeln weitere Tools, etwa für Newsletter- und Kampagnenmanagement.

Finanzierung und Förderung am Standort

Wie finanziert ihr eure Plattform außerhalb dieses Abo-Modells?

Magnus: Wir arbeiten for-profit. Wir möchten politisch unabhängig und neutral sein. Als Non-Profit wären wir von Spenden abhängig, mit denen oft politische Ziele verfolgt werden. Zudem möchten wir nicht mit Organisationen um Spendengelder konkurrieren, die darauf angewiesen sind. Ich bin überzeugt: Wenn man ein Businessmodell bauen kann, sollte man das tun. Wir sind aber „impact first“ und nicht profitmaximierend. Unser Ziel ist es, kostendeckend zu sein, um die Plattform weiterzuentwickeln. Aktuell finanzieren wir uns mit Eigenmitteln und haben noch Gelder aus Wettbewerben, die die laufenden Kosten decken.

Ihr könnt also auf Förderungen am Standort zurückgreifen?

Magnus: Ich sage gern: Wenn wir scheitern, dann liegt es an uns, denn der Standort oder das Ökosystem können es nicht sein. Wir sind eine Ausgründung der TU München und haben einen Platz im TUM-Inkubator und ein Büro im Munich Urban Colab. Wir waren eines von fünf Impact-Startups der Stadt München und Teil der Social Impact Republic. Am Anfang hatten wir das EXIST-Gründungsstipendium und Mittel vom Europäischen Sozialfonds. München und Bayern bieten uns alle Möglichkeiten.

Über den Autor/die Autorin

Nina Labaute

Nina beschäftigt sich als Teamlead von XPLR: MEDIA in Bavaria intensiv mit dem Medienstandort und berichtet regelmäßig über innovative Medienprojekte aus Bayern. Davor studierte sie European Studies in Passau, absolvierte ein Stipendium beim Institut für Journalistenausbildung der Passauer Neue Presse und arbeitete drei Jahre in Paris als Online-Redakteurin.

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