Thomas Laschyk: Der Elefant sitzt nicht im Klassenraum – ein Gastbeitrag

Wer auf Fake News hereinfällt, ist eher nicht Schüler:innen mit dem Handy in TikTok. Es ist der Mittfünfziger auf Facebook. Der dann die AfD wählt. Es wird in den Medien gerne über „die Jugend“ hergezogen, wenn es um Desinformation geht, aber dadurch rückt das viel größere Problem in den Hintergrund. Zeit, den Elefanten im Klassenraum zu adressieren. Ein Gastbeitrag von Thomas Laschyk vom Volksverpetzer.

23.09.2026 6 Min. Lesezeit

Wer fällt vor allem auf Fake News herein? Es sind Erwachsene, nicht Jugendliche. Ich mache mit Volksverpetzer seit über zehn Jahren Faktenchecks. Und wenn ich in Talkshows, Leitartikeln und bei Workshop-Anfragen höre, wo man nach einer Lösung für die viel zitierten Probleme mit Fake News sucht, fällt sehr oft die Antwort: bei der Jugend. Lösungen für Schulklassen, Social-Media-Verbote. Zu viel TikTok, zu wenig Tagesschau, kein Gespür für wahr und falsch, das hätten die halt nie gelernt. Es ist eine der beliebtesten Erzählungen dieser Debatte. Sie hält der Forschung tatsächlich nicht stand. Und ist auch nicht das, was ich im Alltag erlebe.

2014 gründete Autor Thomas Laschyk zusammen mit Freunden „Der Volksverpetzer“ als regionalen Blog in Augsburg. Das Format hat sich mittlerweile zu einer bekannten Medienmarke etabliert. Heute klärt der Volksverpetzer über Rechtsextemismus und Fake News auf.

Fangen wir mit dem Klassiker an. Schon 2019 zeigten Forscher, wer im US-Wahlkampf 2016 Links von Fake-News-Seiten auf Facebook geteilt hatte: nur 3 Prozent der 18- bis 29-Jährigen, aber 11 Prozent der über 65-Jährigen. Die Älteren teilten im Schnitt fast siebenmal so viele solcher Artikel wie die Jüngsten, und zwar unabhängig von Parteizugehörigkeit und Bildung. In Deutschland ist das ähnlich: Eine Studie von 2021 stellte fest, dass die Informationskompetenz „im Schnitt mit dem Alter – und zwar deutlich und signifikant“ sank. 

Aber es sind auch nicht alle „Älteren“. Das wäre auch ein unvollständiges Bild, das uns wenig hilft bei der Bekämpfung des Problems. Man kann nämlich auch ganz genau sagen, welche politischen Anschauungen diejenigen haben, die in der Regel auf Fake News hereinfallen. Aus der Auswertung von 2021 kam heraus: Sortiert nach Parteipräferenz landeten in Sachen Informationskompetenz die Anhänger einer Partei abgeschlagen auf dem letzten Platz: die der AfD.

Wer in Deutschland unseriöse Nachrichtenseiten ansteuert, ist in der Regel rechts. Das ist, verkürzt, das Ergebnis einer Studie der Goethe-Universität Frankfurt und der Hertie School, die das tatsächliche Surfverhalten deutscher Erwachsener aus den Jahren 2017 und 2024 mit Umfragedaten verknüpft hat. Der verlässlichste Vorhersagefaktor dafür, ob jemand unglaubwürdige Quellen konsumiert, war die Präferenz für die AfD und die Unzufriedenheit mit der Demokratie. Alter, Geschlecht und Bildung zeigten keinen konsistenten Zusammenhang.

Rechtsextremismus als ein wesentlicher Einflussfaktor

Das passt zur Absenderseite. Eine Auswertung von 32 Millionen Tweets von Abgeordneten aus 26 Ländern fand heraus, dass rechtsradikaler Populismus der stärkste Faktor dafür ist, ob eine Partei Falschinformationen verbreitet. Nicht Populismus an sich, nicht Linkspopulismus, nicht konservative Politik. Für Deutschland zeigt eine Analyse in PNAS Nexus, dass 6,4 % der von AfD-Abgeordneten geteilten Links auf unglaubwürdige Seiten führten, bei CDU und CSU waren es 0,18 %, bei der SPD 0,03 %. Die AfD war die einzige europäische Partei, deren Quellenauswahl der der inzwischen auch rechtsextremen US-Republikaner glich.

Rechtsextreme sind diejenigen, die die meisten Fake News verbreiten, und ihre Anhänger die, die sie am meisten glauben. Laut Bundeszentrale für politische Bildung neigen knapp 60 Prozent der Wähler mit geschlossenem rechtsextremen Weltbild der AfD zu, und Verschwörungsmythen finden unter ihren Anhängern meist mehrheitliche Zustimmung. In der Bertelsmann-Studie „Verunsicherte Öffentlichkeit“ sind AfD-Wähler in der Gruppe mit niedrigem Medienvertrauen überproportional vertreten. Und wie alt sind AfD-Wähler? Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die Partei laut repräsentativer Wahlstatistik 27,1 % bei den 25- bis 44-Jährigen und 25,7 Prozent bei den 45- bis 59-Jährigen, aber nur 19 Prozent bei den 18- bis 24-Jährigen. Das Kernmilieu ist also nicht die Schülergeneration. Es ist die Elterngeneration.

Plattformen müssen dazu verpflichtet werden, Faktenchecks einzubinden, statt sie sogar abzuschaffen. Die Plattform-Milliardäre machen aber sogar Wahlkampf für die Rechtsextremen. Wir müssen aufhören, Desinformation als Generationenfrage zu behandeln.

Thomas Laschyk

Aber haben wir nicht viel gelesen über hohe Zustimmung für die AfD unter Erstwählern? In Sachsen-Anhalt erhielt die AfD vor wenigen Wochen laut Infratest dimap 42 Prozent der Stimmen der 18- bis 24-Jährigen. Das ist viel. Aber bei den 35- bis 44-Jährigen und den 45- bis 59-Jährigen kam sie allerdings auf eine absolute Mehrheit. Wo junge Menschen rechts wählen, wählen ihre Eltern noch rechter. Sie haben das aber nicht auf TikTok gelernt. Sondern ihre Eltern. Ja, der Anteil der AfD ist teilweise bei Jugendlichen im Vergleich zu früher gestiegen. Aber der Anteil ist überall gestiegen, nicht besonders bei jungen Menschen. Eine Studie von 2024 suggeriert, langfristig lässt sich noch kein „Rechtsruck“ bei jungen Menschen herauslesen.

Aber was ist mit solchen Meldungen? Laut JIM-Studie 2025 sind 67 Prozent der 12- bis 19-Jährigen im vergangenen Monat Fake News begegnet. Das wird gern als Beleg für ihre Anfälligkeit gelesen. Ich lese es umgekehrt: Wer eine Falschmeldung als solche bemerkt und benennt, ist ihr nicht auf den Leim gegangen. Wer auf Fake News hereinfällt, merkt das ja nicht. Auch bei Bertelsmann berichten Jüngere häufiger als Ältere, Desinformation wahrgenommen zu haben, selbst wenn man die intensivere Nutzung herausrechnet. Wahrnehmen ist der erste Schritt zum Erkennen, nicht zum Draufhereinfallen.

Die Jugend rückt in den Fokus – aus Bequemlichkeit

Warum erzählen wir uns trotzdem so gern das Gegenteil? Weil es bequem ist. Wenn die Jugend das Problem ist, sind wir es nicht. Dann braucht es keine Selbstprüfung, sondern einen Medienkompetenz-Workshop in der neunten Klasse. Und dafür kriegen wir bei Volksverpetzer viele Anfragen. Die Jugend, das ideale Ziel für die Schuldzuweisung: Sie sitzt nicht in Talkshows, schreibt keine Leitartikel, hat keine Lobby im Feuilleton. Über sie wird geredet, nicht mit ihr. Wer sich nicht wehren kann, dem kann man den Schwarzen Peter zuschieben. 

Übrigens eignen sich darum auch Schutzsuchende so gut als Feindbild.

Der Preis dieser Bequemlichkeit ist hoch. Schon die Autoren der Facebook-Studie warnten, Medienbildung an Schulen werde das Problem kaum lösen, wenn vor allem Ältere Fakes verbreiten. Bevor irgendwelche Workshops im Klassenzimmer Wirkung zeigen könnten, könnte eine von Mittfünfzigern gewählte Regierung jeden Lehrer mit Migrationshintergrund aus dem Land vertreiben und nach Herkunft und Behinderung getrennte Klassen einführen. Und ja, das sind echte Pläne der AfD Sachsen-Anhalt.

Was hilft also stattdessen? Nachrichtenkompetenz gehört dorthin, wo sie fehlt: in die Erwachsenenbildung und berufliche Weiterbildung, in Betriebe, Vereine, Volkshochschulen. Plattformen müssen, wie die Bertelsmann-Stiftung fordert, dazu verpflichtet werden, Faktenchecks einzubinden, statt sie sogar abzuschaffen. Die Plattform-Milliardäre machen aber sogar Wahlkampf für die Rechtsextremen. Wir müssen aufhören, Desinformation als Generationenfrage zu behandeln. Sie ist eine politische Frage. Das Eingeständnis ist unangenehm, weil es uns selbst meint: unsere Eltern, unsere Kollegen, unsere WhatsApp-Familiengruppen. Aber ein Problem, das wir nicht korrekt benennen, werden wir nicht lösen.

Bannerbild: Dominik Asbach

Über den Autor/die Autorin

Thomas Laschyk

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