Ein Portrait von Thorsten Braun.

Thorsten Braun von RTL2: „Ohne starke Inhalte bleibt jede Community leer“

Die Zukunftsthemen im Fernsehen drehen sich vor allem um Streaming, Kooperation und guten Content – davon ist Thorsten Braun überzeugt. Seit November ist er Geschäftsführer und CEO von RTLZWEI. Wenn es um die Markenstrategie eines Fernsehsenders geht, weiß er wovon er spricht: Zuvor führte er als Chief Marketing, Brand & Consumer Products Officer RTL Deutschland voran. Über seine ersten Monate im Amt, seine Zukunftsvision für RTLZWEI und die Strategie hinter der Marke, spricht er im Interview.

28.05.2026 6 Min. Lesezeit

Herr Braun, Sie sind nun seit einigen Monaten im Amt. Welches war das erste Projekt bei RTL2, das Sie angegangen sind, und was unterscheidet Ihre Vision für den Sender von der Ihrer Vorgänger?

Thorsten Braun: Bei der Weiterentwicklung der Strategie richte ich den Blick vor allem auf die Geschäftsmodelle. Lineares TV und Streaming folgen unterschiedlichen Logiken und erreichen unterschiedliche Zielgruppen. Diese Erkenntnis war auch vor meinem Antritt schon im Sender etabliert. Ich versuche jetzt mit größtmöglichem Tempo konkrete Antworten auf die Frage zu finden: Wie funktioniert unser Geschäft in Zukunft? Dabei sind wir maximal ehrlich zu uns selbst. 

Ein erstes sichtbares Zeichen dafür ist, dass wir uns im linearen TV künftig auf das Publikum 30-59 konzentrieren. Auch mit dieser Zielgruppe werden wir immer noch einer der jüngsten Sender sein. Im Streaming passt die Referenzzielgruppe 14-49 weiterhin, da ist RTLZWEI der junge Sender, als der er immer wahrgenommen wurde. 

Das heißt nicht, dass wir künftig ganz andere Programme machen. Zu einem großen Teil ist das eine planerische Aufgabe, die Inhalte zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort bringen. TV bleibt noch viele Jahre unsere wirtschaftliche Basis und ein starker Reichweitenmotor, wenn wir uns besser an den Sehgewohnheiten von 30+ ausrichten. Das eigentliche Wachstumsfeld ist aber Streaming.

Erzählbögen und Langzeiterzählung: Reality-TV ist nah am echten Leben

RTL2 gilt als das „Home of Reality“. In einer Welt, in der Realität auf Social Media im Sekundentakt stattfindet: Wie muss sich Reality-TV 2026 anfühlen, um noch relevant zu sein?

Braun: Social Media und TV bedienen unterschiedliche Bedürfnisse. Instagram oder TikTok sind instant gratification. Wir begleiten Menschen über längere Zeit, mit Entwicklungen, Brüchen und Konsequenzen. In Social Media gibt es keine langen Erzählbögen. Reality-TV ist also insofern näher dran am echten Leben.

Auch hier gilt: Linear funktioniert Reality anders als im Streaming. TV ist breiter und verbindender, Streaming kann spitzer und radikaler sein. 

Wo sehen Sie bei RTL2 neue Wachstumsfelder?

Braun: Vor allem im Streaming – aber nicht als Plattform, sondern als Content-Lieferant. Wir wollen bevorzugter Lizenzpartner sein für jeden Bewegtbild-Anbieter, mit dem sich Reichweiten erzielen lassen. Das Spielfeld ist sehr breit, von klassischem Streaming über YouTube, Fast Channels und Social Media bis zu Vertical Dramas, über die wir ebenfalls nachdenken.

Deshalb sind wir sehr offen für Partnerschaften aller Art – von Co-Produktionen über Distributionspartner bis hin zu neuen Erlösmodellen. Als unabhängiger Player war und bleibt RTLZWEI immer besonders flexibel bei der Wahl seiner Strategien und Kooperationen. 

Formate wie „Berlin – Tag & Nacht” waren Pioniere in der Community-Bindung. Wie wichtig sind heute „Closed Communities“ (z. B. Broadcast Channels, Discord) für die Bindung an Ihre Programmmarken?

Braun: Wichtig – aber sie sind nicht der Ausgangspunkt. Wenn Inhalte relevant sind, entstehen Communities automatisch. Im Streaming oft intensiver, im linearen TV breiter. Closed Communities sind dann die nächste Stufe: Sie verlängern Geschichten und machen aus Zuschauern Fans. Diese Bindung eröffnet weitere kommerzielle Möglichkeiten, wie Merchandising und Events. „GRIP – Das Motorevent“ beispielweise feiert 2026 sein zehnjähriges Jubiläum. Ohne starke Inhalte bleibt jede Community leer.

RTLZWEI ist zugleich TV-Sender, Medienmarke und Content-Anbieter. Diese Rollen werden gerade neu definiert und gewichtet, weil sich die Nutzung so stark fragmentiert. Es geht darum, Inhalte so zu entwickeln und zu vermarkten, dass sie auf den Plattformen funktionieren, auf denen die Zielgruppen sind.

Thorsten Braun

Welches RTL2-Format schauen Sie selbst am liebsten zum Abschalten – ganz ohne „CEO-Brille“?

Braun: Zurzeit unsere Sozialdokus. Weil sie sehr direkt zeigen, worum es uns geht: echte Lebensrealitäten, nicht inszenierte Wirklichkeit. Das ist manchmal unbequem – aber genau deshalb relevant. Unsere Spielfilmauswahl liebe ich auch sehr. 

Welche Marketing-Strategien und Kooperationen sind besonders wichtig für RTL2? 

Braun: RTLZWEI ist zugleich TV-Sender, Medienmarke und Content-Anbieter. Diese Rollen werden gerade neu definiert und gewichtet, weil sich die Nutzung so stark fragmentiert. Es geht darum, Inhalte so zu entwickeln und zu vermarkten, dass sie auf den Plattformen funktionieren, auf denen die Zielgruppen sind. Jede Partnerschaft, die uns dabei hilft, ist willkommen. 

Ein gutes Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit TikTok rund um „Kampf der RealityAllstars“: Live-Formate, Creator-Kollaborationen, eigene Content-Hubs – also nicht einfach nur Ausspielung, sondern echte Verlängerung des Formats in die Plattform.

Wie stark experimentieren Sie mit neuen Werbeformen? Welche versprechen besonders viel Erfolg? Welche bleiben bewährt?

Braun: Die Vermarktung liegt bei El Cartel Brothers – und das bewusst. Was wir gemeinsam sehen: Die kommerziell interessantesten Modelle entstehen dort, wo Inhalt und Werbung näher zusammenrücken.

Das können Integrationen sein oder auch neue Modelle, bei denen Inhalte gemeinsam mit Partnern entwickelt und finanziert werden – wie etwa bei der Comedyshow „Nightwash“, die RTLZWEI zusammen mit Banijay und dem Sponsor Ecover zurück auf den Bildschirm gebracht hat. 

Kurze Wege, schnelle Entscheidungen und Vielfalt machen den Medienstandort Bayern aus

RTL2 sitzt in Grünwald bei München. Was macht den „Spirit“ des bayerischen Medienstandorts für ein Unternehmen aus, das bundesweit und in der kompletten DACH-Region sendet?

Braun: Grünwald verbindet optimale Standortfaktoren mit so etwas wie Heimatgefühl – einer Atmosphäre, die den Gemeinschaftssinn fördert und unsere spezifische Arbeitsweise:  kurze Wege, enge Zusammenarbeit, schnelle Entscheidungen. 

Wie wichtig ist der Austausch mit der bayerischen Medienbranche? Nutzen Sie lokale Synergien für Innovationen in der Content-Erstellung?

Braun: Sehr wichtig – weil vieles nur im Netzwerk entsteht. Natürlich haben wir starke Verbindungen mit unserem größten Gesellschafter und Wettbewerber in Köln, aber wir profitieren als unabhängiges Medienhaus sehr von der Vielfalt und Qualität der Medienlandschaft in München und darüber hinaus. 

Wenn wir auf die nächsten ein, zwei Jahre blicken: Welches Thema wird die Branche dann am meisten beschäftigen?

Braun: Die Transition der Geschäftsmodelle inmitten eines unglaublich dynamischen Markts, der maßgeblich von den großen US-Plattformen getrieben wird. Kooperation ist das Gebot der Stunde, um unsere vielfältige heimische Medienlandschaft zu erhalten – auch die Kooperation der Politik. Sie muss mehr als bisher für gleiche Wettbewerbsbedingungen sorgen. Es steht viel mehr auf dem Spiel als die Bilanzen von ein paar Unternehmen.  

Welche Veränderungen bzw. Projekte wird RTL2 in Zukunft formen? Wo sehen Sie den Sender in fünf Jahren? 

Braun: Unser Projekt ist die Trennung von Content und Distribution: Wie schaffen wir es, Inhalte so zu entwickeln, dass sie für unterschiedliche Zielgruppen und Plattformen funktionieren, ohne beliebig zu werden? Ich sehe RTLZWEI in fünf Jahren als größten Lizenzpartner für deutschsprachigen Bewegtbild-Content. Als starke Medienmarke, die unabhängig vom Ausspielweg funktioniert. 

Bannerbild: RTL2

Florentina Czerny
Über den Autor/die Autorin

Florentina Czerny

Florentina ist Teil des Content-Teams bei XPLR: MEDIA und Geschichtenerzählerin aus Leidenschaft. Für unser Onlinemagazin spürt sie regelmäßig Erfolgsstorys über Medienmacher:innen und innovative Projekte am Medienstandort auf. Zuvor hat sie in Eichstätt Journalistik studiert, im Lokaljournalismus volontiert und drei Jahre lang als Redakteurin bei der Passauer Neuen Presse gearbeitet.

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