eSport: Vom Keller in die großen Hallen

Von Richard Löwenstein

eSport ist einer der Gewinner in der Corona-Krise – zumindest der Teil davon, der auf dem virtuellen Platz stattfindet. Doch auch ohne die Krise entwickelte sich eSport vom Phänomen in der Nische zu einer ernstzunehmenden Industrie; Liveturniere füllen riesige Hallen und hohe Preisgelder fließen. Das haben auch Unternehmen wie BMW oder Vereine wie der FC Bayern erkannt – und steigen mit ein.

Wie eine Zäsur wirkt die Ankündigung des bayerischen Fußball-Rekordmeisters FC Bayern München vom Dezember 2019. „Die Fußball-Abteilung hat sich lange Zeit gegen den Einstieg in den eSport gewehrt. Letzten Endes haben die Manager aber einsehen müssen, welche Chancen sich ergeben“, glaubt Heiko Heidenreich. Er ist Doktorand am Lehrstuhl für Sport Governance und Eventmanagement der Universität Bayreuth und befasst sich wissenschaftlich mit den Themen Gaming und eSports.

Dieses E-Sport-Quartett soll für den FC Bayern München siegen (v.l.n.r.): José Carlos Sánchez, Miguel Mestre, Alex Alguacil und Trainer Matthias Luttenberger. Foto: FC Bayern München

Nach langem Zögern gab der FC Bayern seine ablehnende Haltung auf und machte seinen Einstieg in den eSport offiziell – allerdings nur im Bereich Fußballsimulationsspiele, wie Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge betonte. Die drei eSport-Profis José Carlos Sánchez, Miguel Mestre und Alex Alguacil sind seitdem Teil des Kaders und kämpfen für den FC Bayern in der virtuellen Liga „eFootball PES2020“ des japanischen Herstellers Konami.

Eine Handvoll Nerds

Die Integration von eSport in die Gesellschaft ist unvermeidlich und nur eine Frage der Zeit, glaubt Heidenreich: „Ich denke, aufgrund des Generationenwandels und der damit verbundenen Einstellung der Bevölkerung zu digitalen Freizeitbeschäftigungen und Gaming wird sich zwangsläufig bald eine neue Perspektive ergeben.“

Der eSport keineswegs eine neue Strömung. Die Wurzeln reichen bis in die Mitte der 1990er-Jahre. Damals kamen ein paar hundert Gamer in Partykellern zusammen, bauten ihre Computer auf und vernetzten sie, um anschließend die ganze Nacht hindurch gemeinsam virtuelle Spielewelten zu erobern. Heute messen sich laut E-Sport-Bund Deutschland (ESBD) rund drei Millionen Deutsche regelmäßig online oder im LAN-Netzwerk. Von einer Freizeitbeschäftigung für eine Handvoll Nerds kann längst keine Rede mehr sein.

Der Münchener Automobilbauer BMW engagiert sich seit 2019 im E-Sport, unter anderem als Veranstalter der eigenen Rennserie „SIM LIVE“. Für die Zukunft sind weitere Sim-Racing-Serien nebst passender Hardware geplant. Foto: BMW

Gaming voller Innovation und Emotion

Dass die Industrie dem eSport mittlerweile Rückenwind gibt, namhafte Unternehmen ihn sponsern und fördern, belegt die Trendumkehr. Die ideellen Werte des Gaming und des eSport erhalten zunehmend Anerkennung, Berührungsängste verschwinden.

„Unsere Marke und eSports teilen ähnliche Werte, wie zum Beispiel Emotionalität, Innovation, Pioniergeist oder Faszination“, erklärt zum Beispiel BMW-Sprecher Christopher Koenig. Der Münchner Automobilbauer engagiert sich seit 2019 im eSport und veranstaltet im Rahmen der „SIM LIVE“-Serie virtuelle Wettbewerbe auf Basis der realexistierenden Motorsport-Serien DTM und Formula E. Dabei verquicken die Münchner schonmal Virtualität und Realität: etwa, als sie ihre Werkspiloten Bruno Spengler und Nick Catsburg zur Community-Veranstaltung „SIM Racing EXPO“ an den Nürburgring holten und gegen eSport-Profis in den digitalen Wettbewerb schickten.

Funktioniert eSport im Pay-TV?

Angesichts der steigenden Popularität des eSport überrascht es nicht, dass das Genre – ebenso wie der athletische Sport – Millionen passive Zuschauer begeistert. Der US-Streamingdienst Twitch lebt seit 2011 davon, bedeutende eSport-Partien live in alle Welt zu übertragen. Mit SPORT1 und Motorvision.tv haben sich zwei bayerische Kanäle dem Thema auf konventionelle Weise genähert: Sie übertragen eSport-Wettwerbe auf traditionellen linearen Medienkanälen, für eine Zielgruppe, die sonst Streamingdienste abonniert.

„Wir betrachten uns als komplementäres Angebot zu Twitch und YouTube, nicht als Konkurrenz. Wir unterscheiden uns durch die journalistische Aufbereitung, durch die eSport einen deutlichen Mehrwert erfährt“, erklärt Florian Merz, eSport-Experte bei SPORT1. Der Sender aus Ismaning hat schon 2016 die eSport-Veranstaltung ESL One aus Frankfurt live ins Free TV übertragen und engagiert sich seitdem zunehmend, hat im Januar 2019 eSPORTS1 als Pay-TV-Spartensender aus der Taufe gehoben. Florian Merz freut sich über erste Erfolge: „Wir haben bis zu 200.000 Zuschauer in der Spitze. Unser Highlight war der Sieg des deutschen FIFA-Profis Mohammed Harkous bei der Weltmeisterschaft in FIFA 19 im August 2019“.

Überträgt zahlreiche E-Sport-Events ins lineare Pay-TV: Der TV-Sender eSPORTS1, hier live beim „FIFA eWord Cup Grand Final 2019“ mit den Moderatoren Konni Winkler, Georg Raffelt und Gordon Lesser (v.l.n.r.) Foto: eSPORTS1

Corona-Boost für den eSport?

Gerade auf medialer Ebene, erklärt Heiko Heidenreich, erfährt eSport durch die Corona-Krise einen riesigen Schub – und damit auch bezüglich seiner Präsenz in der Bevölkerung. „Als Format während der Krise ist zum Beispiel die die „Bundesliga Home Challenge“ entstanden und wird auch live im Free-TV gezeigt.“

Für Heidenreich ist die Spiele-Industrie klarer Sieger der Krise. „Die Ausgangsbeschränkungen haben dazu geführt, dass traditioneller Sport nur eingeschränkt möglich war und immer noch ist. Gaming als Zeitvertreib ist allerdings auch von zuhause aus möglich, was zu einem erhöhten Konsum in diesem Bereich führte.“ Ob die sich daraus ergebenen Chancen nicht nur kurzfristig, sondern auch nachhaltig genutzt werden, bleibt abzuwarten.

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