OUT OF THE BOWL

DAS PRODUKTIONSSTUDIO HYPERBOWL KREIERT VIRTUELLE BILDWELTEN AUF DEM LED SCREEN – UND REVOLUTIONIERT DAMIT DEN BEWEGTBILD-MARKT.

Text: Kathrin Hollmer
Fotos: Janek Stroisch / Marc Müller

In der Halle C5 der Messe München geht die Sonne in Sekunden auf und wieder unter: Auf den konkaven LED-Bildschirmen der Hyperbowl kann man der Natur erstaunlich rasant auf die Sprünge helfen. Die rund 500 Quadratmeter große LED-Fläche kann sich in die Skyline einer fiktiven Stadt verwandeln, genauso wie in einen Nadelwald oder eine Mondlandschaft.

In der Hyperbowl, einem virtuellen 360-Grad-Filmstudio, lassen sich über eine Echtzeit-3-D-Software sowohl virtuelle Welten als auch reale Schauplätze einblenden. Die Technologie kommt aus Hollywood. Zum ersten Mal wurde sie für die Serie „The Mandalorian“ eingesetzt. Als im Frühjahr 2020 durch den Lockdown auch die Filmbranche stillstand, haben das Hamburger Planungsbüro für audiovisuelle Medien TFN und die Frankfurter Kreativstudios ACHT und NSYNK das erste europäische Studio dieser Art in München gebaut. Die drei Firmen arbeiten schon seit Jahren zusammen, meist bei digitalen Messeauftritten von Autoherstellern. „Bayern ist der perfekte Standort für unser Studio“, sagt Frank Foerster, CEO von Hyperbowl und TFN. Die meisten deutschen Automobilhersteller, die zu den wichtigsten Kunden von Hyperbowl gehören, haben ihren Firmensitz in Süddeutschland. Und die Messe München, die pandemiebedingt nicht ausgelastet war, bot genug Platz für das Konstrukt aus 2.000 LED-Modulen, dessen Dach allein 16 Tonnen wiegt.

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Technologie aus dem Games-Bereich

Gegenüber der LED-Wand sitzen zwei Programmierer vor Laptops und Bildschirmen und spielen das nächste Set ein: eine Landstraße für einen Auto-Werbespot. Hinter der Hyperbowl steckt eine Spiel-Engine, eine Plattform, auf der normalerweise Computerspiele basieren. Die Programmierer:innen können die Hintergründe, die sich durch ein Tracking-System an die Bewegung der Kamera anpassen, jederzeit ändern. Dadurch wirkt es so, als würde das Auto tatsächlich an einem Wald vorbeifahren. Beim Dreh bewegen sich die Schauspieler:innen in der virtuellen Umgebung statt wie bisher üblich vor einem Greenscreen.

»In der Hyperbowl interagieren Schau­spieler:innen viel besser, weil sie sehen, was passiert, und nicht einfach in einem grünen Nichts stehen.«

Frank Foerster

Berechenbar und nachhaltig

Die Hyperbowl hat viele Vorteile. Man ist unabhängig von Jahreszeiten und Wetter – oder pandemiebedingten Reiserestriktionen. „Ich bestimme, wie viele Wolken am Himmel sind oder ob es neblig ist“, sagt Frank Foerster. „Theoretisch kann man 24 Stunden lang dieselbe Szene im selben Tageslicht drehen und sie jederzeit reproduzieren, neu oder weiterdrehen.“ Der Boden wird meist real gebaut, er lässt sich aber auch in der Postproduktion virtuell einspielen.

Für den Auto-Werbespot verlegen zwei Männer Gummi-Asphalt. Als Requisiten dienen Schotter und Felsen aus Plastik. Der Aufwand für den Setbau, schätzt Julian F. Krüger, Director of Virtual Production bei Hyperbowl, reduziert sich durch die Technologie um bis zu 90 Prozent – verglichen mit regulären Filmsets. Oft führen Dreharbeiten Filmteams um die ganze Welt – die neue Technologie macht viele Reisen überflüssig und Filmproduktionen damit nachhaltiger.

Zwar brauchen die LEDs und Rechner viel Strom – im Serverraum, dem „Gehirn“ der Hyperbowl, berechnen zehn Computer die virtuellen Umgebungen in Echtzeit –, doch die Messe München hat bereits 2020 komplett auf regenerativ erzeugten Strom umgestellt.

Neue Storytelling-Welten

Auch der Kreativität sind dank Hyperbowl keine Grenzen gesetzt. „Sehr oft werden beim Filmskript viele Ideen gestrichen, weil der Aufwand zu groß ist“, erklärt Julian F. Krüger. „Hier ist man völlig frei.“

»Die Hyperbowl eröffnet ganz neue Möglichkeiten im Storytelling.«

Julian F. Krüger

Um sich in dem neuartigen Studio zu orientieren, brauchen die Kreativen laut Foerster meist einen halben Tag am Set. „Dann beginnen sie, mit den zusätzlichen Möglichkeiten neue Ideen zu spinnen.“ Etwas länger dauert die Umgewöhnung bei der Drehplanung. „Einer der beliebtesten Sätze bei jedem Filmdreh ist: Den Hintergrund entscheiden wir in der Postproduktion“, so Frank Foerster. „In einem virtuellen Set müssen die Hintergründe allerdings vorbereitet werden. Dafür sieht der Kunde direkt das Resultat und kann trotzdem noch Änderungen vornehmen.“

Meistens erstellt Hyperbowl die virtuellen Welten gemeinsam mit den Produktionsfirmen vor Ort. Die Kund:innen können mit dem Steuerungs-Tool „Hyper Control“ in die Szenen eingreifen und werden dabei von Programmierer:innen unterstützt. Einer von ihnen ist Dennis Boleslawski, der eigentlich Computerspiele entwickelt. „Wir produzieren nicht nur Filme, sondern programmieren auch die Software um und entwickeln diese Produktionsweise und die Technologie dahinter weiter“, sagt Boleslawski.

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Maßstäbe in Europa setzen

Bisher hat das Hyperbowl-Team mehr als 30 Produktionen durchgeführt, überwiegend Werbefilme, aber auch Keynotes und Live-Produktpremieren, unter anderem mit einer mobilen Mini-Hyperbowl. Die Kunden kommen aus der ganzen Welt, darunter Audi, Mercedes-Benz, Volkswagen, Visa, Aldi und Amazon – demnächst könnten noch zwei Serien im Studio gedreht werden. Gegen Jahresende, das traditionelle Umsatzhoch in der Werbebranche, ist die Hyperbowl besonders gut gebucht. Trotzdem zieht das Studio bald um, weil man nicht dauerhaft eine Messehalle reservieren kann. Foerster hofft auf Unterstützung aus der Politik:

»Wir leisten Pionierarbeit. Wir wollen auch in Zukunft Maßstäbe setzen und die Technologie in Europa voranbringen.«

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