Eric Lehmann von Constantin: Die Qualität muss stimmen
Constantin Film schafft erstmals eine eigene CTO-Position und baut einen KI- und Technologiebereich auf. Der neue CTO Eric Lehmann spricht im Interview über KI in Filmprojekten, veränderte Produktionsprozesse und darüber, warum technologische Veränderungen für das Publikum möglichst unsichtbar bleiben sollen.
Herr Lehmann, Sie übernehmen bei der Constantin Film die neu geschaffene Position des Chief Technology Officer. Was bedeutet diese Rolle in einer Filmproduktions- und Verleihfirma konkret?
Eric Lehmann: Im Zentrum stehen dabei KI-Themen, aber auch alle angrenzenden technologischen Fragen. Wir haben unterschiedliche Herausforderungen: Zum einen alles, was – wie in anderen Unternehmen auch – im administrativen Bereich an Veränderungen ansteht. Zum anderen betrifft es aber genauso unsere Kernprozesse in Produktion, Herstellung und Auswertung unserer Projekte.
Was heißt das konkret für Ihre Rolle: Sind Sie dafür verantwortlich, KI-Lösungen auszuwählen und zu implementieren, oder verstehen Sie sich eher als strategischer Begleiter der einzelnen Bereiche?
Lehmann: Sowohl als auch und das macht die Aufgabe so spannend. Wir haben bereits für alle Mitarbeitenden Lösungen zur Unterstützung der täglichen Arbeit. Diese werden fortlaufend erweitert. Für einzelne Bereiche und Projekte haben wir ganz spezifische Lösungen gesucht, pilotiert und auch in den täglichen Einsatz integriert.
„Disruptiven Wandel“: Die Filmbranche ändert sich gerade grundlegend
Die Constantin Film spricht von einem „disruptiven Wandel“ in der Filmbranche. Wie würden Sie diesen Wandel in eigenen Worten beschreiben?
Lehmann: Man merkt einfach, wie wahnsinnig schnell neue Player auf den Markt kommen, wie schnell sich vorhandene Prozesse und Firmenstrukturen ändern – um uns herum, aber auch innerhalb unseres eigenen Unternehmens. Und das war der Punkt, an dem wir gesagt haben: Wir müssen uns anders aufstellen, strukturell und personell, um nicht abgehängt zu werden.
Ist die Formulierung vom disruptiven Wandel also eher eine Zustandsbeschreibung oder steckt darin im positiven Sinn auch eine Agenda?
Lehmann: Wandel in der Filmbranche war immer wieder ein Thema und ist über die letzten Jahre – nicht nur durch KI – massiver geworden. Aber wir haben in der Vergangenheit sehr gute Erfahrungen damit gemacht, weil wir dadurch immer wieder die Gelegenheit hatten, Sachen anders zu machen. Wir haben keine Angst vor Veränderung, sondern sehen sie als Chance, Projekte anders zu realisieren – auf einem anderen Level oder mit einem anderen Setup.
Sie sagen, der Wandel habe viele Ursachen und nicht nur mit KI zu tun. Welche Faktoren spielen aus Ihrer Sicht darüber hinaus eine Rolle?
Lehmann: Die Ursachen für den Wandel sind vielschichtig: die Finanzierung von Filmen und Serien ist komplexer geworden, ebenso das Konsumverhalten: Es steht linear vs. die Mediatheken und Streamer. Auch die Internationalisierung von Content spielt eine Rolle. Sprachbarrieren reduzieren sich, Stoffe werden für ein weltweites Publikum konzipiert. Weitere Themen sind unter anderem Green-Shooting und Virtual Production, die Produktionsprozesse massiv beeinflussen. KI ist da ein weiterer Faktor, der Veränderungen beschleunigt.
Wo steht Constantin Film heute beim Einsatz von KI – und wo möchten Sie das Unternehmen in zwei bis drei Jahren sehen?
Lehmann: Wir haben schon 2021 angefangen, uns mit dem Thema zu beschäftigen, nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern zentral mit der Fragestellung: Wie kriegen wir diese Technologien ins Unternehmen, sodass Mitarbeitende die Möglichkeit haben, sie in einem sicheren Rahmen zu erkunden? Nicht jeder probiert gerne eigenständig Tools aus. Wir schaffen Raum dafür.
Die Schwierigkeit ist im Anschluss natürlich auch: Wie kriegen wir die Technologie in komplexe Filmprojekte? Ein Filmprojekt dauert mindestens zwei-drei Jahre, von der Drehbuchentwicklung bis zur ersten Auswertungsstufe. Wenn man sieht, was in den letzten zwei Jahren an technischen Möglichkeiten dazugekommen ist, ist es schwer, heute schon zwei Jahre nach vorne zu planen. Gleichzeitig liegt darin aber auch eine Chance. Weil bei uns ständig neue Projekte starten, können wir Technologien fortlaufend testen, Erfahrungen sammeln und dieses Wissen direkt in kommende Produktionen übertragen.
Wie wird die KI-Abteilung, die Sie aufbauen werden, besetzt sein?
Lehmann: Wir haben den Luxus, dass wir bereits sehr interessierte Kolleg:innen im Unternehmen haben. Es gibt ein Kernteam – das sind sicher zehn Personen, die sich aus verschiedensten Bereichen zusammensetzen und sich mit KI beschäftigen. Wir tauschen uns dazu kontinuierlich aus und arbeiten bereits mit verschiedenen Partnern zusammen. Gleichzeitig prüfen wir, mit welchen Technologie- und Entwicklungspartnern wir künftig noch enger kooperieren können, um neue Lösungen schneller in unsere Arbeitsprozesse zu integrieren. Wie in anderen Bereichen wollen wir uns auch hier breiter aufstellen – sowohl mit Partnern in Deutschland als auch international. Das passt zu uns, weil unsere Projekte ohnehin stark international ausgerichtet sind.
Kosten senken: Wie KI dabei helfen kann, längst verworfene Filmprojekte zu finanzieren
Die Filmbranche treibt beim Thema KI natürlich auch die Perspektive auf mögliche Kostensenkung um. Kann man durch KI effektiv schon sparen?
Lehmann: Wir stehen immer wieder vor der Frage: Wie kriegt man aufwendige Projekte mit begrenzten Mitteln realisiert? Da bietet KI neue Möglichkeiten, wieder über Projekte nachzudenken, die früher aus Kostengründen nicht realisierbar waren.
Aber nur weil man die Chance hat, Sachen anders zu machen, heißt das nicht, dass sie sofort umsetzbar sind. Bis man Prozesse umstellt und in etablierte Workflows integriert, braucht es Zeit.
Welche Bereiche der Filmproduktion sehen Sie als erstes durch KI transformiert – Pre-Production, Drehbuchentwicklung, Planung, Editing, VFX, Lokalisierung?
Lehmann: Wir stürzen uns nicht auf einen bestimmten Bereich. Wir schauen jeweils projektbezogen. Bei welchem Projekt brauchen wir welche Möglichkeiten am ehesten? Mal kommt KI sehr früh zum Einsatz, in Form von Analysen als Grundlage für Gespräche mit Kreativen und Beteiligten. Mal geht es um Previsualisierung oder Projektplanung. Wir schauen uns die ganze Produktionskette an und überlegen, wo KI sinnvoll ist.
Welche Tools und Workflows sind für Sie heute schon praktikabel und marktreif?
Lehmann: Wir haben natürlich die klassische Chat-Oberfläche für Mitarbeitende. Aber es gibt nicht das eine Tool, auf das wir setzen. Wir versuchen eher, mehrere Tools auf unseren Oberflächen zu vereinen oder angepasste Workflows auf unsere Bedürfnisse zu bauen. Unser Ziel ist, Prozesse zu verbessern und dann mit den richtigen Tools zu unterstützen.

Sie kommen aus dem digitalen Marketing und haben unter anderem den TikTok-Kanal von Constantin Film mitaufgebaut. Welche KI-Methoden werden künftig im Marketing eine Rolle spielen?
Lehmann: Marketing war immer offen für neue Möglichkeiten. Für uns ist der Bedarf, kreativ „anders“ zu werden, gar nicht so groß, weil wir mit hochwertigen Produkten arbeiten und gutes Material haben. Aber wir können Sachen schneller und maßgeschneiderter an Zielgruppen ausliefern und mit unseren Marketing- und Vertriebspartnern effizienter zusammenarbeiten.
Inwiefern wird die Arbeit mit dem Partnern effizienter?
Lehmann: Wir haben in Deutschland eine sehr fragmentierte Kinolandschaft und daraus ergeben sich eine Vielzahl unterschiedlicher Anforderungen an uns. Ein Beispiel ist das Werbematerial, das für verschiedene Formate angepasst werden muss. Ähnlich ist es im Home-Entertainment, auch da hat jeder Partner andere Anforderungen und Möglichkeiten und diesen wollen wir nachkommen, aber den Aufwand dafür reduzieren.
Die Qualität muss stimmen: Am besten erkennt man KI im Endprodukt nicht
Bei generativer Bild- oder Tonproduktion gibt es viel Skepsis – auf Seiten der Kreativen und des Publikums. Wie begegnen Sie der Sorge, dass KI menschliche Kreative verdrängt?
Lehmann: Am Ende entscheiden die Konsument:innen, ob sie sich auf die Technologie einlassen. Für uns ist wichtig: KI muss in unseren Produkten so funktionieren, dass unsere Zuschauer:innen im besten Fall gar nicht merken, dass sie im Einsatz ist. Die Qualität steht im Vordergrund.
Natürlich wird es Personen geben, die KI grundsätzlich ablehnen. Das gab es früher auch, zum Beispiel wurden schon vor den KI-Zeiten Schauspieler:innen digital verjüngt, was einige Menschen nicht gerne gesehen haben.
Die kulturelle Skepsis wird also nie ganz abebben?
Lehmann: Ich glaube, der Markt wird sich so positionieren, dass es am Ende Angebote in alle Richtungen gibt. In der Musik sieht man das auch. Spotify ist voll von menschengemachter Musik, und dann gibt es KI-Überraschungen, die funktionieren.
Woran werden Außenstehende zuerst bemerken, dass Constantin mit Ihnen als CTO „technologischer“ geworden ist?
Lehmann: Bei unseren Produkten hoffentlich gar nicht, denn im Vordergrund steht weiterhin die Qualität. Technologische Veränderungen sollen die Arbeit im Hintergrund verbessern, ohne dass das Publikum davon etwas bemerkt. Hinzu kommt, dass wir meist gar keinen unmittelbaren Kontakt zum Endkunden haben, weil zwischen uns und dem Publikum Partner wie Kinos, Streamingdienste oder der Handel stehen.
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