Grusche Juncker: „Bücher entstehen mit Leidenschaft und Vertrauen“
Grusche Juncker hat in über 25 Jahren den Literaturmarkt aus fast allen Perspektiven erlebt: als Lektorin, Übersetzerin, Programmleiterin und heute als verlegerische Geschäftsführerin bei Penguin Random House. Im Gespräch erklärt sie, wie sie neue literarische Stimmen entdeckt, welche Rolle die Persönlichkeit hinter der Stimme spielt und auf was es bei Buchprojekten ankommt.
Frau Juncker, Sie blicken auf über 25 Jahre Erfahrung in renommierten Verlagen zurück. Welche drei zentralen Erkenntnisse haben Sie in dieser Zeit über den Literaturmarkt gewonnen?
Grusche Juncker: Erstens: Leidenschaft prägt die Branche. In Verlagen und Agenturen arbeiten Menschen, die selbst sehr gerne lesen und Freude daran haben, sich mit Autor:innen, Stoffen und Plots zu beschäftigen. Zweitens: Alles steht und fällt mit den Autor:innen. Man kann das beste Team im Verlag haben – ohne starke Autor:innen entstehen keine starken Bücher. Und drittens: Es braucht Vertrauen. Wenn Autor:innen sich bei uns zu Hause fühlen und wir offen und partnerschaftlich miteinander arbeiten, fällt es leichter, gemeinsam durch gute wie durch schwierige Zeiten zu gehen.
War für Sie früh klar, dass Sie in der Literaturbranche arbeiten möchten?
Juncker: Ja, absolut. Als Teenagerin konnte ich mir sogar vorstellen, selbst ein Buch zu schreiben – das ist heute in weite Ferne gerückt. Dass ich aber in die Branche wollte, stand früh fest. Ich habe Bücher schon immer geliebt.
Penguin Random House: „Jede Marke hat ihre eigene Tradition“
Was haben Sie studiert und wie verlief Ihr Einstieg?
Juncker: Ich habe in Münster Germanistik und Geschichte studiert. Während des Studiums arbeitete ich in einer Buchhandlung; eine spannende und wertvolle Erfahrung, weil ich das Geschäft von der Verkaufsseite kennenlernen konnte. Nach dem Studienabschluss startete ich bei Piper in der Presseabteilung, mit dem Ziel, ins Lektorat zu wechseln. Das Angebot von Droemer Knaur führte mich dann dorthin. Später war ich einige Zeit in den USA und England freiberuflich als Lektorin und Übersetzerin tätig, bevor ich zu Rowohlt wechselte, zuletzt mit Programmverantwortung.
Wie unterscheidet sich der Literaturbetrieb in den USA und England von dem in Deutschland?
Juncker: Strukturell unterscheiden sich die Märkte stark. In den USA gibt es keine Buchpreisbindung, Amazon dominiert, viele unabhängige Buchhandlungen sind verschwunden, große Ketten konzentrieren sich, in manchen mittelgroßen Städten gibt es keinen einzigen Buchladen mehr. Auf den Bestsellerlisten stehen seit Jahrzehnten etablierte Namen, Neues hat es schwer, verlegt zu werden, weshalb Self-Publishing boomt. In England ist diese Entwicklung etwas schwächer ausgeprägt, aber erkennbar. In Deutschland schätze ich die Vielfalt. In den letzten fünfzehn Jahren haben wir sehr viele deutschsprachige Autor:innen mit großen Erfolgen erlebt. Das liegt unter anderem daran, dass die Verlage bei der Wahl neuer Titel nicht mehr so stark ins Ausland schauen. Und: Es gibt weiterhin viele unabhängige Buchhandlungen, nicht mehr wie vor zwanzig Jahren, aber immer noch erfreulich viele.
Wenn Sie Ihre frühere freiberufliche Arbeit mit Ihrer heutigen Position als verlegerische Geschäftsführerin vergleichen – was hat sich für Sie am meisten verändert?
Juncker: Das freiberufliche Arbeiten ist ein einsames Geschäft. Man sitzt zu Hause, betreut nur einen Abschnitt des Projekts und muss annehmen, was einem auf den Tisch gelegt wird. Das vermisse ich nicht. Heute trage ich Verantwortung für die Attraktivität und Wirtschaftlichkeit unserer Programme, für die Teams und für unsere Autor:innen. Mein Blick ist viel breiter: internationaler Austausch, Branchenpolitik und übergreifende Themen, die alle Verlage betreffen, wie zum Beispiel das Urheberrecht – diese Vielfalt hatte ich früher nicht.
Persönlichkeiten und Community als Vermarktungstaktik
Sie verantworten bei Penguin Random House mehrere Verlagsmarken wie Goldmann, Luchterhand, btb oder Mosaik. Wie gelingt es Ihnen, deren Profile klar voneinander abzugrenzen?
Juncker: Jede Marke hat ihre eigene Tradition. Trotzdem stellen wir die Profile regelmäßig auf den Prüfstand und gleichen sie mit aktuellen Trends ab. Mir ist wichtig, dass Leser:innen wissen, wofür ein Verlag steht. Dabei arbeiten wir mit sogenannten Lesemotiven, also Kategorien aus Sicht der Leser:innen, die deren Leseantrieb beschreiben: Spannung, „leicht lesen“, Wissensdurst, Debatte, Entspannung. Für jede Marke prüfen wir, welche Bedürfnisse wir bedienen und welche Zielgruppen wir ansprechen. Daran richten wir die Auswahl von Autor:innen, Stoffen und Themen aus.
Wie entdecken Sie neue literarische Stimmen?
Juncker: Über viele Wege. Angeboten werden sie oft über Agenturen, die in letzter Zeit wirklich tolle Autor:innen entdeckt und vorgestellt haben. Dazu kommen erfolgreiche Titel von internationalen Verlagen. Oft ist es aber auch Eigeninitiative: Man liest einen Zeitungsartikel über eine interessante Geschichte oder stößt auf ein Thema, das nach einem Buch verlangt. Dann suchen wir die passende Person und entwickeln gemeinsam ein Projekt. Buchmessen, Preisverleihungen und Festivals sind zudem wichtige Orte, um neue Talente kennenzulernen.
Wie viele Manuskripte erreichen Sie pro Woche und wie schnell erkennen Sie Potenzial?
Juncker: Das schwankt stark. Rund um die Buchmessen können es bis zu hundert pro Woche sein, sonst eher einige Dutzend. Wir lesen, bis wir zu einer fundierten Einschätzung des Potenzials kommen, in der Belletristik oft den gesamten vorliegenden Text, manchmal reichen aber auch 50 Seiten oder ein längeres Exposé, wie beim Sachbuch. Bei einem Debüt ist der Anfang selten perfekt, und der Text entfaltet sich oft erst nach zwanzig oder dreißig Seiten. Dennoch muss bereits der Einstieg etwas haben, das einen „catcht“. Ein erfolgreiches Buch braucht auf jeden Fall ein starkes Thema und eine überzeugende Umsetzung – Stil, Struktur und Figuren müssen stimmen. Außerdem prüfen wir immer, ob der Stoff zur Marke, zur Zielgruppe und in unser Programm passt.
Wie wichtig ist heute die Person hinter dem Buch, etwa deren Social-Media-Auftritt?
Juncker: Die Persönlichkeit der Autor:innen ist wichtiger geworden, weil sich heute in der Vermarktung viel mehr damit arbeiten lässt. Früher haben wir uns oft auf Print-Anzeigen konzentriert. Heute bieten Social Media und BookTok enorme Chancen. Leser:innen schätzen auch den direkten Austausch. Besonders im New-Adult-Bereich ist der Community-Gedanke zentral. Wer als Autor:in offen arbeitet, etwa mit Werkstattberichten, Veranstaltungen und einer begleitenden Strategie, nimmt Leser:innen mit auf den Weg und bindet sie.
Grusche Juncker: „Gute Übersetzer:innen kann KI nicht ersetzen“
Ihr Verlagssitz ist München. Welche Vorteile hat der Standort?
Juncker: München und Berlin sind die wichtigsten Standorte der Literaturbranche. Viele Agenturen und Journalist:innen sitzen hier, der Austausch ist eng, und durch die Nähe zum Beispiel zu Filmhochschulen trifft man auch viele potenzielle Drehbuch-Autor:innen. Gleichzeitig ließe sich heute vieles digital abbilden, theoretisch könnte man also von überall arbeiten. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die persönliche Begegnung nicht gänzlich zu ersetzen ist.
Künstliche Intelligenz hält Einzug in die Literaturwelt. Wo sehen Sie sinnvolle Einsatzfelder und was empfehlen Sie Autor:innen?
Juncker: Wir fragen uns: Was kann KI übernehmen und was sollte sie übernehmen? Im Operativen sehe ich Potenzial, zum Beispiel bei Auflagenplanung oder Bestandsmanagement. Alles, was den kreativen Prozess betrifft, sollte jedoch beim Menschen bleiben. Einige Autor:innen nutzen KI für Recherche oder Faktenchecks, was besonders bei Sachthemen hilfreich sein kann. Zum Schreiben selbst greifen unsere Autor:innen meines Wissens nicht auf KI zurück – und das wünsche ich mir auch nicht. Wir suchen individuelle Stimmen mit Ecken und Kanten. Dasselbe gilt für Übersetzungen: Gute Übersetzer:innen kann KI nicht ersetzen. Eine gute Übersetzung ist ein ganz eigener kreativer Prozess.



Bannerbild: Peter von Felbert









