Julia Eisele vom Eisele Verlag: Klasse statt Masse

Julia Eisele führt einen der profiliertesten Indie-Verlage Deutschlands. Seit 2016 setzt die ehemalige Programmleiterin bei Piper auf klare Fokussierung: nur acht bis zehn Bücher pro Jahr, jedes einzelne persönlich ausgewählt und begleitet. Im Interview erzählt sie, wie sie mit Autor:innen zusammenarbeitet, warum ihr Name für den Verlag wichtig ist und wie sie über Wachstum denkt.

07.01.2026 6 Min. Lesezeit

Frau Eisele, wann haben Sie gemerkt, dass Bücher und der Literaturbetrieb Ihre Welt sind?

Julia Eisele: Ich habe schon immer viel gelesen und als Kind die Idee gehabt, Lektorin zu werden – ohne genau zu wissen, was sich hinter dem Berufsbild verbirgt. Außerdem bin ich in der Bertelsmann-Stadt Gütersloh aufgewachsen und kam dadurch früh mit dem Verlagswesen in Berührung. Nach dem Abitur habe ich eine Ausbildung zur Verlagskauffrau gemacht und anschließend Germanistik, Philosophie und Romanistik studiert. Nebenbei arbeitete ich für verschiedene Fernsehsender. Nach dem Studium war ich kurz in einer Fernsehproduktion tätig, merkte allerdings schnell: Mein Herz schlägt fürs Büchermachen. Ich begann bei Penguin Random House als Lektoratsassistentin und wechselte später zu Piper, wo ich in die Programmleitung aufstieg.

Was hat Sie anschließend dazu bewogen, Ihren eigenen Verlag zu gründen?

Eisele: Ich wollte mehr Gestaltungsspielraum, Dinge mit meinem eigenen Stempel versehen und weniger Austauschbarkeit. Dass ich in dieser neuen Rolle bereits eine Menge Branchenerfahrung im Gepäck hatte, hat mir extrem geholfen. Bei Piper lernte ich, nicht nur einzelne Bücher zu denken, sondern ganze Programme zu entwickeln. Büchermachen lebt von Erfahrung. Ich würde niemandem empfehlen, einen Verlag zu gründen, ohne zuvor in der Branche gearbeitet zu haben. Das Geschäft ist anspruchsvoll, folgt eigenen Gesetzen und erfordert Kompetenzen, die man nur durch tägliches Tun und Ausprobieren erwirbt.

Sich auf dem Buchmarkt zu etablieren, ist schwer

Welche Herausforderungen waren in den Anfangsjahren besonders präsent?

Eisele: Am Anfang stellten wir uns vor allem die Frage: Schaffen wir das überhaupt? Sich am Markt zu etablieren, ist nämlich keineswegs selbstverständlich. Glück hatten wir mit unserem Pressebüro Politycki & Partner und der Vertriebskooperation mit Ullstein – wir erlangten rasch Bekanntheit. Darüber hinaus gaben uns erste erfolgreiche Bücher Auftrieb und sorgten dafür, dass wir bald schwarze Zahlen schrieben.

Ihr Verlag trägt Ihren Namen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Eisele: Das Thema hat mich lange beschäftigt. Es gibt ja die Tradition, Verlage nach ihren Gründer:innen zu benennen. Zunächst wollte ich meinen schwäbischen Nachnamen nicht unbedingt verwenden, weil ich ihn nicht besonders schön fand und unsicher war, ob er als Markenname funktioniert. Meine Pressefrau machte mir jedoch klar, dass es schließlich ein sehr persönlich geführter Verlag ist, alles unter meiner Handschrift steht und der Name sich daher anbietet. Sebastian Guggolz vom Guggolz Verlag, den ich um Rat fragte, meinte, ich würde mich schnell daran gewöhnen. Genau so war es. Mittlerweile sehe ich kaum noch einen Unterschied zwischen Julia Eisele als Privatperson und als Verlegerin, was ich als angenehm empfinde.

Bei großen Verlagen laufen viele Prozesse standardisiert ab, bei uns ist alles persönlicher. Ich bin als Verlegerin sichtbar, stelle unsere Titel in Buchhandlungen vor und erkläre den Buchhändler:innen, warum wir genau diese Bücher machen. Das schafft Vertrauen.

Julia Eisele

Sie setzen bewusst auf ein überschaubares Portfolio an Titeln.

Eisele: Das stimmt. Ich veröffentliche nur acht bis zehn Bücher pro Jahr. Jedes einzelne soll zum Profil des Verlags passen und die Erwartungen unserer Leser:innen erfüllen. Rasantes Wachstum oder Masse sind nicht mein Ziel. Mehr Titel würden Austauschbarkeit und Verdrängungswettbewerb fördern, wie es bei großen Verlagen üblich ist. Umsatzwachstum strebe ich zwar an, aber Qualität hat für mich immer Vorrang.

Wie würden Sie das literarische Profil Ihres Verlags beschreiben?

Eisele: Wir bieten gehobene Unterhaltung mit besonderem Erzählstil, oft aus weiblicher Perspektive. Die Leser:innen sollen herausgefordert, inspiriert und zugleich emotional berührt werden. Claire Chambers ist zum Beispiel eine Autorin, die den Verlag perfekt repräsentiert: mit ausgesuchter Sprache, feinem Humor, gesellschaftskritisch, feministisch, empowernd – aber immer warmherzig und unterhaltsam. 

Familiäre Atmosphäre: Der Eisele Verlag setzt auf Persönlichkeit und Vertrauen

Welche Strategien verfolgen Sie neben Ihrem spitzen Portfolio, um sich gegenüber den großen Verlagen zu behaupten?

Eisele: Bei großen Verlagen laufen viele Prozesse standardisiert ab, bei uns ist alles persönlicher. Ich bin als Verlegerin sichtbar, stelle unsere Titel in Buchhandlungen vor und erkläre den Buchhändler:innen, warum wir genau diese Bücher machen. Das schafft Vertrauen. Auch die Zusammenarbeit mit den Autor:innen ist intensiv, oft sogar freundschaftlich. Sie sollen schreiben, was sie wirklich wollen, nicht so sehr das, was ich mir wünsche oder was die breite Masse verlangt. Ich begleite sie bis zum fertigen Buch, bespreche Cover und Marketingideen. Diese Nähe ist ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit und unterscheidet uns von großen Verlagen.

Wie entdecken Sie neue literarische Stimmen?

Eisele: Ich arbeite vor allem mit Agent:innen zusammen, die mir Manuskripte vorschlagen. Das klassische, unverlangte Manuskript spielt für unser Programm nur eine geringe Rolle. Mit Kolleg:innen im Ausland tausche ich auf Messen Akquiselisten aus und bespreche aktuelle Projekte; das liefert oft wertvolle Impulse. Gelegentlich kommen auch Autor:innen auf mich zu, die bereits woanders veröffentlicht haben und sich eine intensivere, transparentere Zusammenarbeit wünschen.

Künstliche Intelligenz beschäftigt derzeit auch die Literaturwelt. Können Sie KI-generierte Manuskripte erkennen?

Eisele: Schwer zu sagen. Der Reiz beim Schreiben liegt ja gerade darin, sich individuell auszudrücken – nicht durchschnittlich. Deshalb wollen literarisch Schreibende, schätze ich, meist gar nicht mit KI arbeiten. Beim Sachbuch kann das anders sein, etwa bei Recherchen. Ich selbst nutze KI durchaus im Verlagsalltag, zum Beispiel für Ideen zu Klappentexten oder Übersetzungen anspruchsvollerer E-Mails. Einen literarischen Text ausschließlich darauf aufzubauen, sehe ich derzeit aber noch nicht.

Aktuelle Erscheinungen im Eisele Verlag. / Cover: Eisele Verlag

Welche Rolle spielt Social Media in Ihrem Marketing?

Eisele: Da es zunehmend schwieriger wird, über klassische Printmedien Aufmerksamkeit zu erzielen, gewinnt Social Media für uns immer mehr an Bedeutung. Daher halten wir engen Kontakt zu Influencer:innen und stellen Blogger:innen Boxen mit Büchern und Giveaways zur Verfügung, um damit mehr Leser:innen zu erreichen.

Sie haben in den vergangenen fünf Jahren dreimal den Deutschen Verlagspreis gewonnen. Welche Bedeutung haben diese Auszeichnungen für Sie?

Eisele: Der Deutsche Verlagspreis ist derzeit mit 18.000 Euro dotiert und damit vor allem eine wirtschaftliche Hilfe. Für einen kleinen Verlag wie unseren macht das schon einen Unterschied. Außerdem stärkt der Preis die Außenwahrnehmung und bestätigt uns darin, dass wir kulturell wertvolle Arbeit leisten. Letztes Jahr kam noch der Deutsche Jugendliteraturpreis hinzu. Das freut uns sehr und zeigt, dass wir die richtigen Entscheidungen treffen.

Der Standort bringt Vorteile: München ist Verlagsstadt Nummer eins

Wie profitiert Ihr Verlag davon, in München ansässig zu sein?

Eisele: München ist kulturell sehr spannend und die Verlagsstadt Nummer eins in Deutschland. Es ist angenehm, viele Kolleg:innen in der Nähe zu haben. Ich war drei Jahre im Vorstand des Börsenvereins Bayern und bin in der IG Belletristik/Sachbuch aktiv. Dort trifft sich die Branche einmal im Jahr im Literaturhaus München – da ist es schön, direkt vor Ort zu sein.

2026 feiern Sie Ihr zehnjähriges Jubiläum. Welche Ziele verfolgen Sie für die nächsten zehn Jahre?

Eisele: Der Markt stagniert, daher ist es für uns schon ein Erfolg, den positiven Status quo zu halten. Viel wichtiger als Zahlen hinterherzujagen ist mir, weiterhin relevante Bücher zu verlegen, hinter denen ich stehe, und die Autor:innen so persönlich wie möglich zu betreuen.

Bannerbild: Irène Zandel

Über den Autor/die Autorin

Dr. André Gärisch

Jedes unbeschriebene Blatt ist eine Einladung, Welten entstehen zu lassen, sei es in Features, Reportagen, Essays, Interviews oder Kurzgeschichten. Diesem Motto folgt André Gärisch seit über zehn Jahren als freier Redakteur, mit Veröffentlichungen unter anderem in Frankfurter Rundschau, Welt, Jetzt, Horizont und Strive.

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