Markus Knall: KI als Überlebensgarant für den Lokaljournalismus
Als Chefredakteur bei Ippen.Media führt Markus Knall Marken wie den Münchner Merkur oder die Frankfurter Rundschau durch den digitalen Wandel. Im Gespräch erklärt er, wie ihn die Kombination aus journalistischer Ausbildung und betriebswirtschaftlicher Expertise prägt, was er unter moderner Führung versteht und warum ohne KI manche lokale Berichterstattung gar nicht mehr möglich wäre.
Herr Knall, Sie sind seit fünf Jahren Chefredakteur bei Ippen.Media. Wenn Sie auf Ihren Weg dorthin zurückblicken: Welche Stationen haben Sie besonders geprägt?
Markus Knall: Ich habe nach meinem Magister in Politikwissenschaft und Geschichte ein Volontariat beim Münchner Merkur gemacht und dort Journalismus von Grund auf gelernt. Diese Basis ist für mich bis heute extrem wertvoll. Dann kam eine Phase, die ich rückblickend als entscheidend bezeichnen würde: die damals noch junge Schnittstelle zwischen Print und Online. Ich war Zeitungsredakteur und begann parallel für Online zu arbeiten. Dabei wurden mir die Unterschiede der Welten klar: auf der Printseite hohe Ansprüche und tief recherchierte Inhalte, auf Onlineseite die hohe Veränderungsgeschwindigkeit und ein Nutzerverhalten, das oft andere Themen belohnte. Als ich 2011 Chefredakteur von zunächst Merkur.de, tz.de und der Ippen.Media-Zentralredaktion wurde, konnte ich mich intensiv mit dieser neuen Situation auseinandersetzen, was mein Verständnis für digitale Prozesse, Produktentwicklung und publizistische Verantwortung nachhaltig geprägt hat. Heute geht es mir vor allem darum, dem ganzen Netzwerk von Ippen.Media in seiner Vielfältigkeit an Marken, Ausspielwegen und Produkten eine gemeinsame publizistische Vision zu geben.
Verändertes Nutzerverhalten: Redaktionen müssen sich professionalisieren
Zusätzlich zu Ihrer beruflichen Tätigkeit haben Sie einen MBA in General Management absolviert. Was hat Sie dazu bewogen?
Knall: Mir wurde irgendwann klar, dass die Rolle eines Chefredakteurs heute zu einem großen Teil Management ist. Man baut Strukturen auf, entwickelt Konzepte und führt Teams durch ständige Veränderungen. Das erworbene Wissen hat meinen Blick auf Innovation, Führung und Change Management fundamental erweitert.
Ist eine derartige Professionalisierung in Redaktionen inzwischen unverzichtbar?
Knall: Davon bin ich überzeugt. Medien befinden sich in einem radikalen Strukturwandel: Geschäftsmodelle und Nutzerverhalten ändern sich, Marken müssen aktiv erneuert werden, neue Produkte entstehen. Wer Medien führt, muss verstehen, wie Erlösströme funktionieren, wie Organisationen stabil bleiben und wie man Wandel gestaltet. Und über all dem steht die Frage, welche publizistische und redaktionelle Zukunft wir anstreben.
Was sind Ihre Kernaufgaben als Chefredakteur bei Ippen.Media?
Knall: Das Netzwerk Ippen.Media ist sehr heterogen im Bezug auf die Marken und unterschiedlichen Redaktionen. Das sieht man an den mehr als 70 Domains, die wir redaktionell bespielen. Meine Aufgabe ist, dieses Gesamtsystem zu steuern: Worauf wollen wir den Fokus legen, worauf eher nicht? Dazu kommen Content-Strategien – zum Beispiel die Frage, in welche Richtung wir innovativ gehen wollen – sowie die Koordination von Partnern, die Kommunikation im Netzwerk und natürlich die Personalführung. Insgesamt geht es um die Transformation von redaktionellen und Content-Strategien.
Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
Knall: Transparenz ist für mich zentral. In einer Welt, in der jede Entscheidung durch Daten überprüfbar ist, funktioniert klassisches Top-down-Führen nicht mehr. Einzelentscheidungen sind in diesem rasanten wandelnden Umfeld ohnehin weniger wichtig als die Fähigkeit, Organisationen durch Transformationen zu steuern. Für mich bedeutet Leadership: Visionen formulieren, Ziele setzen, Verantwortung verteilen und Menschen mitnehmen.
Schützt die Demokratie: Lokaljournalismus ist unverzichtbar
Sie halten Lokaljournalismus heute für wichtiger denn je. Warum?
Knall: Lokaljournalismus ist entscheidend für unser demokratisches Gefüge. Jeder Bürger sollte die Möglichkeit haben, sich gut über das eigene Umfeld zu informieren, um mündig und entscheidungsfähig zu sein. Das ist gefährdet, wenn Tageszeitungen irgendwann nicht mehr erscheinen können und gleichzeitig kein digitales Angebot für die Bürger bereitsteht. Nur durch die Übermittlung umfassender und vielfältiger Informationen können sich Menschen eine Meinung bilden und beispielsweise fundiert darüber entscheiden, welche Partei sie wählen möchten. Wir brauchen daher dringend digitale Perspektiven für Lokaljournalismus in Deutschland.
Sie argumentieren, dass KI diese Zukunft absichern kann. Worin genau sehen Sie Ihren Beitrag zum Überleben des Lokaljournalismus?
Knall: Lokale Berichterstattung ist in sehr kleinen Räumen wirtschaftlich oft schwierig. Für eine 500-Einwohner-Gemeinde kann ein Medienunternehmen nicht dauerhaft einen Redakteur abstellen. Mit KI können wir aber Basisinformationen für solche kleinen Communities bereitstellen. Das machen wir zum Beispiel, indem wir effizient und ohne Qualitätsverlust lokale Wahlergebnisse aufbereiten – das ist im Kern ein zutiefst demokratischer Ansatz. Außerdem hilft KI, dem Mechanismus entgegenzuwirken, dass vor allem Themen umgesetzt werden, die der Algorithmus bevorzugt. Wird KI eingesetzt, erhalten auch weniger massentaugliche Themen Raum.
Sie haben im Rahmen der Bundestagswahl ein KI-Projekt mit automatisch generierten Artikeln zu Wahlergebnissen auf Gemeindeebene umgesetzt: Über 1000 KI-generierte Texte erschienen auf 13 Nachrichtenportalen, mit mehr als 440.000 Seitenaufrufen. In einem zweiten Schritt folgte im Mai eine Analyse zu Wählerwanderungen im kommunalen Raum. Welche Ziele haben Sie mit diesen beiden Projekten verfolgt?
Knall: Wir erfassen seit Jahren die Wahlergebnisse aller 11.000 Gemeinden in Deutschland – so detailliert macht das sonst niemand. Für die Bundestagswahl haben wir getestet, ob wir aus diesen Zahlen automatisiert Berichte erzeugen können. Unser Ziel war, die lokalen Einzelergebnisse auffindbar und jederzeit lesbar zu machen, über Google, Apps und Social Media. Das war der erste Test: Können wir KI fehlerfrei und publizistisch verantwortbar einsetzen? Und ja, das hat sehr gut funktioniert. Zum „Tag des Lokaljournalismus“ folgte dann das nächste Projekt: diesmal Analysen über drei Bundestagswahlen hinweg – 2017, 2021, 2025. Wir konnten damit zeigen, wie sich einzelne Gemeinden politisch entwickelt haben: stabil oder mit Mehrheitswechseln. Am Ende wurden erneut über 1.000 Texte generiert; dabei haben wir mehr als hunderttausend Page-Impressions erzielt.
Eine manuell nicht zu bewältigende Menge. Was war Ihnen bei der Umsetzung wichtig, speziell im Hinblick auf Neutralität, die bei politischen Inhalten essenziell ist?
Knall: Wichtig war uns, dass keine Verzerrungen oder verkürzten Narrative entstehen und die KI keine parteiischen Muster erzeugt. Wir haben in einem sieben Seiten langen KI-Prompt strikte Vorgaben für die Texte definiert. Das Ergebnis war bewusst sehr nüchtern und sachlich, mit geringer sprachlicher Varianz, weil wir die Neutralitätsvorgaben besonders hoch angesetzt hatten – dafür aber verlässlich.
Erleichterung in der Redaktion: KI ist mehr Hilfe als Gefahr
Wie nehmen Ihre Redakteure den Einsatz von KI wahr? Überwiegt eher die Sorge oder die Erleichterung durch die Entlastung?
Knall: Die Erleichterung überwiegt. Manche haben Sorgen, die oft aus fehlendem Wissen entstehen. Wer versteht, dass KI vor allem bei standardisierten Aufgaben hilft – die einen überschaubaren Teil der journalistischen Tätigkeit ausmachen – wird schnell entspannter. Viele sagen ganz pragmatisch: „Ich habe ohnehin zu viel Arbeit, jede Entlastung ist willkommen.“ KI ersetzt nicht journalistische Expertise, sondern unterstützt bei Routinen, zum Beispiel beim Umschreiben von Pressemitteilungen.
Was sind die drängendsten Fragen, die im Zusammenhang mit KI noch beantwortet werden müssen?
Knall: Zum einen bewegen wir uns urheberrechtlich in ungeklärtem Terrain, dazu kommt das Leistungsschutzrecht. Hier stehen noch viele Antworten aus. Zweitens erleben wir, dass die Effizienz zwar zunimmt, aber echte neue Geschäftsmodelle immer noch fehlen. Wenn alle dieselben Tools nutzen, hat niemand einen Wettbewerbsvorteil. Die Suche nach großen Lösungen hat also gerade erst begonnen. Drittens müssen Anwender verstehen: KI braucht menschliche „Freshness“. Wenn wir uns darauf beschränken, nur bereits vorhandenen Content zu reproduzieren, werden Innovationen verhindert – genau die Art von neuen Ideen, die bei bestimmten Aufgaben entscheidend sind. Innovation kann nur vom Menschen ausgehen.
Bannerbild: IPPEN DIGITAL MEDIA.









