Susanne Eiber von Engelszungen: Wie behaupten sich Stimmen gegen KI?

Seit mehr als 20 Jahren vermittelt die Münchnerin Susanne Eiber professionelle Sprecher:innen für Werbung, Film und Fernsehen. Im Gespräch erzählt die Gründerin von Engelszungen, wie sie zur Agenturchefin wurde, was eine gute Besetzung ausmacht und in welchem Bereich sie gerade eine Rückkehr zu menschlichen Stimmen beobachtet.

16.09.2026 7 Min. Lesezeit

Frau Eiber, Sie leiten seit über 20 Jahren die Sprecher:innenagentur Engelszungen. Wie sind Sie in diese ungewöhnliche Branche gekommen?

Susanne Eiber: Eigentlich durch Zufall. Mein damaliger Mann war Rundfunkjournalist und baute gerade ein Tonstudio auf. Eine Mitarbeiterin fiel krankheitsbedingt aus und er fragte mich, ob ich nicht einspringen könne. Dort kam ich zum ersten Mal mit professionellen Stimmen und den Menschen dahinter in Berührung und war sofort fasziniert. Rückblickend war die Leidenschaft dafür schon früher da. Als Jugendliche habe ich ständig Fernsehspots nachgesprochen und konnte Menschen gut imitieren.

Wann wurde aus dieser Leidenschaft ein Beruf?

Eiber: Während meiner Zeit im Tonstudio kamen die Sprecher:innen häufig früher zu ihren Aufnahmen. Sie haben mir ihre Geschichten erzählt, und ich habe mich um sie gekümmert. Trotz meines jungen Alters war ich so etwas wie die Mutter dieser Sprecher:innen. Als sich meine damalige Beziehung und damit auch meine Arbeit im Studio veränderten, wusste ich zunächst nicht, was ich machen sollte. Dann traf ich zufällig einen der Sprecher in einer Münchner Bar. Er sagte zu mir: „Du fehlst uns.“ Da merkte ich, dass ich offenbar eine Lücke hinterlassen hatte.

Die Agentur verhandelt faire Honorare für Sprecher:innen

Und daraus entstand die Idee für die eigene Agentur?

Eiber: Genau. Zu dieser Zeit gab es in Deutschland praktisch nur eine Sprecher:innenagentur. Ich dachte: Das ist ein Wagnis, aber vielleicht funktioniert es. Ende 2002 fiel die Entscheidung, im September 2003 habe ich Engelszungen gegründet. Ich konnte dabei auf mein Netzwerk aus der Tonstudiozeit zurückgreifen.

Welche konkreten Vorteile bietet Ihre Agentur den Sprecher:innen und Ihren Kunden?

Eiber: Das anfragende Unternehmen erhält eine Stimme, die auf sein Projekt und die damit verbundenen Anforderungen zugeschnitten ist: männlich, weiblich, dunkel oder hell, mit einem bestimmten Stimmalter, tonalen Besonderheiten oder bestimmten Assoziationen. So muss es nicht selbst unzählige Sprecher:innen durchtelefonieren. Wir haben ein riesengroßes Archiv an Sprachsamples, auf das wir zurückgreifen können. Zudem kann uns ein Kunde einen Castingtext schicken, für den ich geeignete Kandidat:innen auswähle, die ihn einsprechen – so hat das Unternehmen den direkten Vergleich. Für die Sprecher:innen handle ich attraktive Konditionen aus. Dabei stellen wir Fragen, die entscheidend sind, um das finanzielle Potenzial eines Projekts beurteilen zu können: Wie wird der Spot oder die Sendung verwertet? In welchen Ländern? Wie lange? Auf welchen Medien? Daraus ergibt sich das jeweilige Honorar.

Die Kunst des Sprechens: Was machen Sprecher:innen besonders gut?

Welche Projekte lohnen sich für Sprecher:innen besonders?

Eiber: Hörbücher sind oft mit viel Arbeit verbunden. Sprecher:innen müssen vorab den Text durchgehen, Markierungen für Betonungen machen und Zeitblöcke reservieren, in denen sie für andere Produktionen nicht zur Verfügung stehen. Die Bezahlung ist dafür nicht wahnsinnig toll. Anders sieht es bei Werbung aus: Für wenige Stunden Arbeit gibt es ein ordentliches Honorar. Abgesehen davon sind hochwertige Dokumentationen, etwa für das ZDF, ARTE oder die BBC, die in der Primetime laufen, bei den Sprecher:innen beliebt. Sie können hier einem spannenden, anspruchsvollen Thema noch einmal eine eigene Note verleihen.

Woran erkennen Sie eine gute Stimme?

Eiber: Ich höre eine Stimme und weiß oft nach drei Sekunden, ob sie mich interessiert. Sie muss Charisma haben. Es geht nicht darum, dass eine Stimme perfekt oder glatt ist. Im Gegenteil: Ein leichter Sprachfehler, ein Knacken oder eine gewisse Brüchigkeit können eine Stimme besonders machen. Einer meiner Sprecher hatte beispielsweise einen leichten S-Fehler, der seine Stimme gerade deshalb so charakteristisch machte.

Was ist für Sie die Kunst beim Sprechen?

Eiber: Der Umgang mit Sprache. Nicht nur das einzelne Wort zählt, sondern die Betonung, die Tonalität und vor allem die Pausen. Ich habe einmal ein Interview mit Christian Brückner gehört, der deutschen Stimme von Robert De Niro. Da bekam ich Gänsehaut. Er hat genau das beschrieben: Die Pausen erzeugen die Spannung.

Susanne Eiber

Früher war mir wichtig zu wissen, wie es in zwei, drei, vier oder fünf Jahren aussieht. Heute verändert sich das Geschäft teilweise von Monat zu Monat; wir müssen uns ständig anpassen.

Susanne Eiber

Gibt es Trends bei Stimmen?

Eiber: Absolut. Vor 15 oder 20 Jahren waren tiefe, bärige Männerstimmen gefragt. Danach kamen jüngere Stimmen. Inzwischen erleben wir einen Trend zu höheren Frauenstimmen. Solche Entwicklungen werden teilweise durch prominente Schauspieler:innen ausgelöst. Wenn beispielsweise ein Film wie „Twilight“ ein großer Erfolg wird und die Stimme von Robert Pattinson plötzlich überall zu hören ist, wollen viele Unternehmen diese Stimme für ihre Werbung nutzen.

Wie hat sich Ihr Geschäft in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Eiber: Seit Corona hat sich die Branche komplett auf den Kopf gestellt. Viele Unternehmen haben damals ihre Werbebudgets gekürzt, gleichzeitig hat sich die Kommunikation zunehmend ins Digitale verlagert. Früher saßen wir teilweise zu sechst im Büro und verhandelten über Gagen, da ging es um Tausende Euro, es fühlte sich an wie auf dem Börsenparkett. Heute ist der Ablauf einfacher und übersichtlicher, aber auch ruhiger.

KI-Ära: So blickt die Sprecher-Branche in die Zukunft

Und dann kam der große KI-Boom.

Eiber: So ist es. Für die Sprecher:innen ist künstliche Intelligenz verheerend. Im Moment kommen zwei Faktoren zusammen: Die Wirtschaft schwächelt, Budgets sind begrenzt, und gleichzeitig setzt sich KI immer mehr durch. Wenn ein Unternehmen sagt: „Überlegt euch eine Gage, ansonsten macht es die KI“, haben wir kaum Möglichkeiten, diesen Preiskampf mitzugestalten.

Glauben Sie, dass sich menschliche Stimmen trotzdem behaupten werden?

Eiber: Ich beobachte speziell bei Dokumentationen eine leichte Rückkehr. Einige Kunden haben einen Ausflug in die künstliche Welt gemacht und schätzen jetzt wieder die Zusammenarbeit mit Menschen. Denn gute Sprecher:innen lesen nicht einfach einen Text ab. Sie denken mit. Sie merken, wenn ein Satz nicht rund ist, überlegen, wie er flüssiger klingt, und achten auf Aussprache und Übergänge. Deutschland hat traditionell einen hohen Anspruch hinsichtlich synchronisierter Inhalte. Wie lange die KI noch braucht oder ob sie es jemals schaffen wird, diesen Anspruch vollständig zu erfüllen, lässt sich nicht zuverlässig sagen. Derzeit gibt es allerdings genügend Beispiele für den stimmlichen Einsatz von KI, die nicht überzeugend sind.

Sie haben auch Sprecher:innen, die ihre Stimme für das Training von KI zur Verfügung stellen. Wie sehen Sie das?

Eiber: Ich persönlich sehe das kritisch, aber letztlich muss jede:r Sprecher:in selbst entscheiden. Viele haben solche Verträge unterschrieben, weil sie sagen: Ich muss meine Familie ernähren und meine Miete bezahlen. Sprecher:innen, die breiter aufgestellt sind, etwa zusätzlich als Autor:in, Regisseur:in oder Schauspieler:in arbeiten, können eher sagen: Solange ich noch andere Möglichkeiten habe, mache ich das nicht.

Würden Sie jungen Menschen heute noch empfehlen, Sprecher:in zu werden?

Eiber: Ehrlich gesagt: Nein. In einer Zeit, in der die Branche unter wirtschaftlichem Druck steht und KI den Arbeitsmarkt zusätzlich verändert, halte ich es für problematisch, jungen Menschen zu empfehlen, Sprecher:in zu werden. Etablierte Stimmen werden allerdings weiterhin gute Chancen haben, gebucht zu werden.

Wie sieht Ihre eigene Planung für die kommenden fünf Jahre aus?

Eiber: Früher war mir wichtig zu wissen, wie es in zwei, drei, vier oder fünf Jahren aussieht. Heute verändert sich das Geschäft teilweise von Monat zu Monat; wir müssen uns ständig anpassen. Natürlich hoffe ich, dass der leichte Aufwärtstrend, den wir gerade bei manchen Kunden beobachten, sich stabilisiert. Aber ich weiß es nicht. Und das ist für mich tatsächlich eine neue Erfahrung.

Bannerbild: Engelszungen

Über den Autor/die Autorin

André Gärisch

Jedes unbeschriebene Blatt ist eine Einladung, Welten entstehen zu lassen, sei es in Features, Reportagen, Essays, Interviews oder Kurzgeschichten. Diesem Motto folgt André Gärisch seit über zehn Jahren als freier Redakteur, mit Veröffentlichungen unter anderem in Frankfurter Rundschau, Welt, Jetzt, Horizont und Strive.

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