Portrait von Waheed Zamani, KI-Chef der Bavaria Film.

Waheed Zamani von Bavaria Film: „Plötzlich werden Dinge möglich“

Seit Februar 2025 übernimmt Waheed Zamani eine Schlüsselrolle in einem der wichtigsten Film- und Fernsehproduktionshäuser Deutschlands: der Bavaria Film mit Sitz in München-Grünwald. Als Head of AI Solutions soll er die Unternehmensgruppe ins KI-Zeitalter bringen. Ein Interview.

22.04.2026 7 Min. Lesezeit

Herr Zamani, Sie arbeiten seit Jahren im Bereich VFX, also visueller Effekte. Was von dem, was Sie früher händisch machen mussten, kann heute die KI übernehmen?

Waheed Zamani: Enorm viel. KI ist schon jetzt ein fester Bestandteil unseres Workflows – und wird nicht mehr wegzudenken sein. Aber: Sie ersetzt den Menschen nicht einfach. Man muss KI immer noch steuern, kontrollieren und oft auch korrigieren. 

Gerade in unserem Bereich muss generative KI kreativ sein, das ist auch ihre Stärke. Gleichzeitig produziert sie manchmal Dinge, die man wieder „einfangen“ muss. Außerdem arbeitet KI nicht immer konsistent, sie vergisst Dinge. Genau deshalb braucht es weiterhin Menschen und klassische VFX-Prozesse. 

KI-Einsatz verschiebt sich: Von der Postproduktion zur Stoffentwicklung

Trotzdem klingt das nach einem Umbruch.

Waheed Zamani: Absolut. Wir sehen, dass sich Prozesse verschieben. Dinge, die früher erst in der Postproduktion oder bei den Visual Effects passiert sind, wandern jetzt nach vorne – in die Entwicklung und in die Preproduction. Das ist eine enorme Veränderung.

Bevor wir uns das genauer anschauen, sprechen wir über Ihre Aufgabe bei der Bavaria Film. Sie haben die neue Rolle des Head of AI Solutions übernommen. Warum wurde diese Position geschaffen?

Waheed Zamani: Weil wir gesehen haben: Mit KI kommt etwas auf die Branche zu, das man früh verstehen und gestalten muss. Die Bavaria Film hat über hundert Jahre Erfahrung und auch eine lange Innovationsgeschichte. Es gehört zu unserem Selbstverständnis, neue Technologien nicht nur zu beobachten, sondern aktiv in sinnvolle Prozesse zu übersetzen. Genau darum geht es in meiner Rolle.

Dieses Interview ist Teil unseres KI-Reports „Zwischen Handwerk und High-Tech – Künstliche Intelligenz im Bewegtbild“.

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Was heißt das konkret?

Waheed Zamani: Ich beschäftige mich damit, welche KI-Modelle und Workflows für professionelle Filmproduktionen wirklich taugen. Wie kann man KI in einem realen Produktionsumfeld einsetzen? Wie kombiniert man Modelle? Wie kann man sie feinjustieren? Welche Infrastruktur braucht man dafür? Wie baut man Workflows, die stabil genug für große Produktionen sind?

Und wie sieht Ihr Alltag aus?

Waheed Zamani: Ich bin bei neuen Film- oder Serienprojekten viel früher dabei. Ursprünglich kam ich aus der Produktion und Postproduktion, heute arbeite ich schon in der Stoffentwicklung mit. Gemeinsam mit den Teams schauen wir uns an, wo KI helfen kann – manchmal schon in der Drehbuchphase, manchmal in der Finanzierungsphase. 

Wir nutzen KI zum Beispiel, um Projekte zu visualisieren: mit Moodboards, Look-Entwürfen oder Trailern. Das ist hilfreich, weil man früher ein Gefühl dafür bekommt, wie ein Stoff aussehen kann.

KI hilft dabei, das Risiko bei Produktionen überschaubarer zu halten

KI also nicht erst am Ende, sondern schon ganz am Anfang?

Waheed Zamani: Genau. Das ist eine der größten Veränderungen. Viele Dinge, die man früher erst später gemacht hat, kann man heute schon vorher testen, bauen und in Teilen sogar fertigstellen. Man kann mit KI vorab Looks trainieren, visuelle Welten anlegen, komplexe Szenen vorab entwerfen.

Sobald ein Projekt anläuft, kommt die Frage: Welche Szene muss wirklich gedreht werden – und welche lässt sich anders lösen? Besonders spannend sind sehr aufwendige Szenen. Da schaue ich mir an, ob man Teile mit KI generieren oder ergänzen kann, statt alles klassisch umzusetzen.

Haben Sie ein Beispiel?

Waheed Zamani: Nehmen wir Szenen, die mit viel Risiko oder großem logistischem Aufwand verbunden sind – Explosionen, Kriegsbilder, komplizierte Außenmotive. Früher war das oft entweder sehr teuer oder schlicht nicht machbar. Heute kann man in hybriden Setups arbeiten: Ein Teil wird real gedreht, ein Teil später mit KI ergänzt.

Wir haben oft „über den Teich“ geschaut und gesehen, was dort alles möglich ist, weil die finanziellen Mittel riesig waren. Viele Geschichten konnten wir gar nicht so erzählen, wie wir es eigentlich wollten, weil wir nicht über die Budgets der großen US-Studios verfügten.  Mit KI können wir diese Lücke kleiner machen.

Waheed Zamani

Heißt: weniger Green Screen, mehr KI?

Waheed Zamani: In manchen Fällen ja. Man braucht nicht unbedingt mehr große Green-Screen-Aufbauten, sondern kann Bildbestandteile direkt miteinander kombinieren. Dazu kommen neue Möglichkeiten: Ich kann Posen verändern, Emotionen anpassen, Blickwinkel verschieben, also mit Material anders arbeiten als früher.

Das klingt, als würden Sie nicht mit den üblichen Consumer-Tools arbeiten.

Waheed Zamani: Nein, überhaupt nicht. Wir arbeiten im professionellen Bereich mit sehr komplexen Setups, zum Beispiel mit Software wie ComfyUI. Das sind keine einfachen Tools, sondern Systeme, in denen man sich eigene Workflows baut und verschiedene KI-Modelle miteinander kombiniert. Diese Workflows passe ich für jedes Projekt an oder setze sie teilweise sogar neu auf.

Die Rechenleistung kommt dabei oft aus Rechenzentren mit speziellen GPUs. Man schickt die Daten dorthin, und dort werden die Bilder oder Sequenzen berechnet.

Ambitionierte Stoffe können nun auch hier, nicht nur in Hollywood umgesetzt werden

Was machen diese neuen Möglichkeiten für einen Standort wie Bayern interessant?

Waheed Zamani: Sehr viel. Gerade für Bayern und Deutschland ist das eine echte Chance. Wir haben oft „über den Teich“ geschaut und gesehen, was dort alles möglich ist, weil die finanziellen Mittel riesig waren. Viele Geschichten konnten wir gar nicht so erzählen, wie wir es eigentlich wollten, weil wir nicht über die Budgets der großen US-Studios verfügten. 

Mit KI können wir diese Lücke kleiner machen. Plötzlich werden Dinge möglich, die früher am Budget gescheitert wären. KI gibt uns die Chance, ambitioniertere Stoffe auch hier umzusetzen – mit einer Kombination aus klassischer Produktion und neuen KI-Workflows.

Also mehr Hollywood-Niveau mit weniger Geld?

Waheed Zamani: Genau. Wir werden international konkurrenzfähiger. 

Gleichzeitig gibt es große Ängste in der Branche: Schauspieler:innen und Synchronsprecher:innen protestieren. Das Urheberrecht und die menschliche kreative Handschrift scheinen in Gefahr. Wie schauen Sie darauf?

Waheed Zamani: Diese Sorgen sind absolut nachvollziehbar. Natürlich muss man sehr sensibel damit umgehen. Aber die Filmbranche hat in ihrer Geschichte immer wieder massive Umwälzungen erlebt und sich angepasst. 

Und ich glaube nicht, dass jetzt plötzlich alles nur noch mit KI gemacht wird. Vieles wird weiterhin ganz klassisch entstehen. Gerade bei Serien mit bestehenden Sets oder wiederkehrenden Kulissen macht es oft gar keinen Sinn, etwas komplett anders zu machen.

Aber braucht es in Zukunft noch menschliche Schauspieler:innen, wenn per KI schon jetzt ganze Szenen, zum Beispiel für Actionsequenzen, erzeugt werden?

Waheed Zamani: Definitiv. KI ist stark in Perfektion. Aber genau das Unperfekte, die feinen Nuancen, das Menschliche im Gesicht – das ist es, womit wir uns identifizieren. Diese Nuancen fehlen der KI heute noch. Und ich glaube, sie sind zentral dafür, warum uns Schauspiel berührt. Darum wird es menschliche Schauspieler:innen weiterhin brauchen.

Reine KI-Produktionen als eigenes Format

Das heißt, es wird keine reinen KI-Produktionen geben?

Waheed Zamani: Doch, aber nicht als Ersatz, sondern als eigene Erzählform. KI kann helfen, neue Figuren und neue Formen zu schaffen – zum Beispiel virtuelle Charaktere oder comicartige Welten. Dann hat man niemanden verdrängt, sondern etwas Neues etabliert.

Wie wird die Filmbranche Ihrer Meinung nach in zehn Jahren aussehen?

Waheed Zamani: Wir werden durch KI einen Qualitätsschub erleben. Es wird auch viel mehr produziert werden können. Gleichzeitig wird sich der Wettbewerb stärker globalisieren.

Mit KI wird es möglich, Inhalte stärker zu lokalisieren. Man könnte zum Beispiel verschiedene Versionen eines Films für verschiedene Länder produzieren, obwohl man nur einmal wirklich gedreht hat. Ein erfolgreicher Film, der in Deutschland spielt, könnte einmal mit deutschen Schauspielern gedreht werden und dann in einer Version mit indischen Schauspielern in Indien spielen, die per KI erstellt wurde.

Trotzdem wird sich der Wettbewerb sogar noch stärker über die Geschichte entscheiden. Bildqualität allein reicht nicht. Das haben wir schon bei früheren Technologiesprüngen gesehen. Wenn künftig weltweit viele Produktionen ähnliche visuelle Qualität erreichen können, wird die Frage noch wichtiger: Wer erzählt die besseren Geschichten?

Bannerbild: Bavaria Film

Über den Autor/die Autorin

Wolfgang Kerler

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