DOK.fest goes digital: Not macht erfinderisch

Von Benedikt Frank

Am 6. Mai hätte das DOK.fest in München starten sollen. Doch die Corona-Krise macht den Gang ins Kino derzeit unmöglich. Deshalb begibt sich das Team auf ungewöhnliche Pfade und übersetzt das Dokumentarfilm-Festival ins Internet. Ein Gespräch mit Festivalleiter Daniel Sponsel über eine rasante Veränderung, die auch Chancen bringt.

Foto: DOK.fest

Herr Sponsel, was haben Sie sich gedacht, als im März nach und nach die Festivals abgesagt wurden?

Daniel Sponsel: Das war mehr ein Prozess als ein einzelner Gedanke. Nach der Berlinale ging es los, dass die Dinge sich schnell verändert haben. Anfang der zweiten Märzwoche wurde uns klar, dass das DOK.fest nicht wie geplant stattfinden kann. Es gab drei Optionen: Absagen, verschieben oder online gehen. Wir haben dann sehr schnell an einem Wochenende Skizzen gemacht und gerechnet – es hat ja auch mit Geld zu tun – herausgekommen ist die Entscheidung für die Online-Edition. Absagen wäre ein zu großer Verlust für die Filme gewesen und hätte das Festival in seiner Struktur perspektivisch gefährdet. Verschieben geht auch nicht, weil der Festivalkalender sehr eng gesteckt ist.

Wie wird das DOK.fest nun online stattfinden?

Sponsel: Wir haben von den 159 Filmen, die wir ursprünglich im Programm hatten, jetzt noch 121 dabei. Die größten Teile des ausgewählten Programms gehen mit in die Online-Edition. Das ist ein tolles Signal von allen Seiten. Die Filme sind auf unserer Website verfügbar. Sie kosten Geld. Das ist wichtig, denn wertvolle Kulturarbeit muss auch im Internet etwas kosten. Mit einem Ticket können sie dann 24 Stunden lang abgerufen werden. Die meisten Filme sind auch den ganzen Festivalzeitraum über verfügbar, die wenigsten sind zeitlich eingegrenzt.

Wie reagieren Filmemacher darauf, wenn ein Online-Festival den gewohnten Auswertungszyklus verändert?

Sponsel: Dokumentarfilme werden ja bereits im weiteren Verlauf der Verwertungskette gestreamt. Ich sehe es als Zeichen, dass die Macher etwas ausprobieren wollen, wenn so viele Filme in die Online-Edition mitgehen. Die Branche beschäftigt, wie es überhaupt weitergeht in der Auswertung. Wir haben eine Kinosperre, von der wir noch nicht wissen, wie lange sie anhält. Dann werden sich die Filme bei den Kinostarts im Herbst drängeln. Da wird sicherlich der eine oder andere Dokumentarfilm zu kurz kommen. Wenn Kino aktuell nicht funktioniert, muss man versuchen, Filme auch anders sichtbar zu machen. Denn was jetzt nicht stattfindet, findet möglicherweise nie mehr statt.

Wie funktioniert nun die Zusammenarbeit mit den Kinos, die jetzt nicht nur auf das DOK.fest-Publikum verzichten müssen?

Sponsel: Wir haben ein System eingerichtet, bei dem die Besucher*innen entscheiden können: Zahle ich 4,50 Euro für den Film oder 5,50 Euro? Der eine Euro mehr geht dann direkt an die Partnerkinos. Wir haben das bewusst den Leuten sichtbar gemacht. So hoffen wir, dass das Publikum ein Bewusstsein für die Lage der Kinos entwickelt und sich solidarisch zeigt.

DOK.fest Plakat 2020. Alle Filme können von zuhause aus gestreamt werden.

Und wie wird die Begegnung mit den Leuten hinter den Filmen, die ein Festival ausmacht, online stattfinden?

Sponsel: Wir haben ein Studio eingerichtet und produzieren gerade die ersten Q&As. Dabei machen wir eine ganz tolle Erfahrung: Wir können in den Filmgesprächen jetzt viel mehr Leuten begegnen, denn bisher konnten wir die Reise nach München nur wenigen finanzieren. Jetzt haben wir aber zum Beispiel ein Vierergespräch mit Regie, Protagonist*innen, Kameraleuten und dem Produzenten. Das führt zu Gesprächen, die eine ganz andere Qualität haben. Da jetzt alle in Videokonferenzen geübt sind, sind auch online intensive Unterhaltungen möglich. Einen Teil zeichnen wir vorher auf, wir werden aber auch während des Festivals ein Dutzend Live-Gespräche haben, bei denen sich die Zuschauer*innen mit Fragen einbringen können. Auch das DOK.forum mit dem Marktplatz, den Case-Studies und den Workshops funktioniert zu 90 Prozent online. Ich glaube, dass manche ganz froh sind, dass sie nicht mehr weit reisen müssen.

Wie wirkt sich der Online-Modus auf DOK.education aus, nachdem auch die Schulen geschlossen sind?

Sponsel: Eigentlich wären Anfang Mai 60 Schulklassen ins Kino gekommen. Wir haben bereits vor drei Wochen die Workshops sozusagen verfilmt. Sie stehen als Angebot für Lehrer*innen online. Das wird sehr rege angenommen, in einem höheren Maße sogar als der Kinobesuch. Letztes Jahr hatten wir 61 Schulklassen, auf der Online-Plattform haben sich dieses Jahr schon über 160 angemeldet.

Was denken Sie wird von all dem bleiben, wenn die Corona-Epidemie überstanden ist?

Sponsel: Es wird spannend sein zu sehen, welche Erfahrungen wir jetzt sammeln. Was haben wir gewonnen, was verloren? Für uns stellt sich zunächst die Frage, wie gut wir unsere Reichweite als Festival online übertragen können. Wenn das erfolgreich ist, kann man sich natürlich vorstellen, etwa über das Jahr hinweg ein Best-Of-Programm oder ausgewählte Festivalfilme online anzubieten. Was wir aber definitiv vermissen werden, ist, in den Saal gehen zu können und den Applaus zu hören. Die Festivaltage werden sich für uns ganz merkwürdig anfühlen, weil wir am Schreibtisch sitzen und Support geben, statt das gewohnte Festivalfeeling zu erleben.

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