Verena Nierle: „Klassische Journalisten und Datenexperten müssen Hand in Hand arbeiten“

Von Julia Hägele

Media-Managerin und BR-Redakteurin Verena Nierle

Digitale Recherchewege in einer immer digitaleren Welt

Verena Nierle baute BR Recherche, die Investigativ-Einheit des Bayerischen Rundfunks, mit auf und ist heute Teamleiterin von BR Recherche/BR Data. Zuvor arbeitete sie als Redakteurin beim Politikmagazin Kontrovers und für aktuelle Sondersendungen. Sie findet, in einer immer digitaleren Welt muss auch die Recherchetechnik digitaler werden.

Sie haben im Bayerischen Rundfunk ein Recherche-Team aufgebaut. Was war 2016 daran neu?

Verena Nierle: Das Handwerk war daran nicht neu, das Mindset aber schon: zuerst das Thema denken und dann überlegen, welche Veröffentlichungsform es hat. Als multimediale Content-Einheit für den ganzen BR recherchieren wir exklusive Inhalte und bieten sie dann den passenden Programmen an – im Hörfunk, im Fernsehen und digital, im BR und in der ARD.

Wie schwierig war es, diese Neuerung umzusetzen?

Nierle: Es war ein neues Konzept und das brauchte eine gewisse Anlaufphase. Eine unserer ersten Recherchen betraf freiheitsbeschränkende Maßnahmen in bayerischen Kinderheimen. Das haben wir einen Tag lang multimedial ausgespielt. Dadurch gab es eine große Resonanz, das Sozialministerium stieß Veränderungen an. Mit ernsten Geschichten, von denen nicht nur eine Redaktion alleine profitiert hat, ist deutlich geworden, dass die zentrale Recherche-Einheit sinnvoll ist. Das Hörfunk-Stück am Morgen ist keine Konkurrenz für das Magazin-Stück am Abend.

Sie sind Teamleiterin von BR Recherche und BR Data und beide Bereiche sind eng miteinander verzahnt. Bedeutet das, dass Datenjournalismus heute der eigentliche Investigativjournalismus ist?

Nierle: Nein, vielmehr wollen wir mit dieser Verzahnung die klassische Investigativrecherche im Zusammenspiel von BR Recherche und BR Data weiterentwickeln. Seit diesem Jahr arbeiten wir auch sehr eng mit dem BR AI (Artificial Intelligence) und Automation Lab zusammen, um Machine Learning und Automation für Recherchen einzusetzen. Die Welt wird digitaler und deswegen muss auch die Recherchetechnik digitaler werden. Wir haben es immer öfter mit Datenmengen zu tun, die wir händisch nicht mehr auswerten können.

„Die Welt wird digitaler und deswegen muss auch die Recherchetechnik digitaler werden. Wir haben es immer öfter mit Datenmengen zu tun, die wir händisch nicht mehr auswerten können.“

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nierle: Zusammen mit NDR, WDR und Report München haben wir uns die „Hassmaschine Facebook“ vorgenommen. Ein Informant hatte uns eine Liste mit etwa 200 rechtsextremen, meist geschlossenen Facebook-Gruppen gegeben. Mithilfe unserer Entwickler haben wir aufwendige Skripte programmiert, die Inhalte aus Facebook-Gruppen automatisch extrahieren. Aus einer Datenbank mit Informationen aus rund zehn Jahren und etwa 2,6 Millionen Posts und Kommentaren konnten wir so Beleidigungen, Drohungen und verfassungsfeindliche Äußerungen herausfiltern. Auch eine Screenshot-Sammlung von Bildern haben wir nach verfassungsfeindlichen Symbolen automatisiert durchsucht. Das Besondere daran war, dass wir einen von Facebook selbst entwickelten Bilderkennungsalgorithmus weitertrainiert haben, um Hakenkreuze und dergleichen herauszufiltern. So konnten wir zeigen, wie Facebook beim Hass auf seiner Plattform versagt.

Wo bewegt sich der Datenjournalismus thematisch hin?

Nierle: Thematisch sind dem Datenjournalismus keine Grenzen gesetzt. Journalismus, den man am Reißbrett plant, wäre mir zu seelenlos und zu weit weg vom Leben der Menschen. Methodisch konzentrieren wir uns auf die Analyse großer Datenmengen und den Einsatz von Algorithmen und Automatisierung. Unser Team besteht aus Investigativjournalisten, Datenjournalisten, Programmierern, Statistikern und Webdesignern.

„Thematisch sind dem Datenjournalismus keine Grenzen gesetzt. Journalismus, den man am Reißbrett plant, wäre mir zu seelenlos und zu weit weg vom Leben der Menschen.“

Wenn viele Leute aus verschiedenen Bereichen miteinander arbeiten müssen, was bedeutet das für das Profil von Journalist*innen?

Nierle: Investigativjournalismus funktioniert heute anders als früher. Der Mann im Trenchcoat, der gelegentlich seine ein, zwei Quellen trifft und dann gute Geschichten gesteckt bekommt – das mag es vereinzelt noch geben. Aber im Großen und Ganzen ist Investigativjournalismus heute eine systematische, akribische Teamarbeit.

Wie verbinden sich investigative Recherche und Datenkenntnisse?

Nierle: Der Knackpunkt ist, in den Daten Geschichten zu erkennen und herauszuarbeiten. Vergangenes Jahr haben wir einen Hinweis auf ein Datenleck hochsensibler Patientendaten im Netz bekommen – weltweit 16 Millionen, in Deutschland waren 13.000 Datensätze betroffen. Wir haben ein Ad-hoc-Team aus Datenexperten und Investigativjournalisten gebildet. Die einen haben die Daten ausgewertet und die anderen parallel die Geschichte gedacht. Es musste schnell gehen: Sind die Daten echt? Was verraten sie? Wo sind die Patienten? In Bayern war Ingolstadt besonders betroffen. Die Reporter sind losgefahren und haben bei diversen Praxen geklingelt, Interviews geführt und die Datenanalysten haben parallel ausgewertet. Klassische Journalisten und Datenexperten müssen Hand in Hand arbeiten.

„Der Knackpunkt ist, in den Daten Geschichten zu erkennen und herauszuarbeiten.“

Welche politischen Implikationen hat Datenjournalismus angestoßen?

Nierle: Der Durchbruch von Datenjournalismus war 2010 mit Wikileaks, als der Spiegel, der Guardian und die New York Times die geheimen Militärdokumente der USA veröffentlicht haben. Das waren mehr als 90.000 Dokumente. Mit dem Aufkommen des Datenjournalismus hat sich der Umgang mit Quellen gewandelt: Ein Ziel ist es, Daten und Dokumente zugänglich zu machen – um Recherchen überprüfbar zu machen und für mehr Transparenz zu sorgen. Manche Recherchen können nur mit zugänglichen Daten und Dokumenten umgesetzt werden.

Sind Sie mit der Transparenz der deutschen Behörden zufrieden?

Nierle: Da ist definitiv Luft nach oben. In Bayern gibt es nicht mal ein Informationsfreiheitsgesetz. Da stoßen wir manchmal an Grenzen.

Hat Corona die Zuschauer*innen und Zuhörer*innen an Balkendiagramme und exponentielle Kurven gewöhnt?

Nierle: Inzidenzwert, Infektionsraten, R-Wert – all das gehört seit März 2020 zu unserem Alltag. Wir haben das vor allem auch intern gespürt. Viele Reporter haben sich gemeldet, die auf einmal tagtäglich Zahlen einordnen mussten. Um das besser zu bewältigen, haben wir mit BR Data und dem AI und Automation Lab eine Webseite entwickelt, die automatisiert Daten des Robert-Koch-Instituts in Grafiken wandelt. Die Seite erneuert sich automatisch und nutzt nun sowohl den Redaktionen intern als auch den Usern extern. Es gibt ein größeres Bedürfnis der Einordnung von Zahlen. Die Pandemie hat auch deutlich gemacht, wie wichtig Datenjournalismus ist.

Wie kann der Datenjournalismus sein nerdiges Image verlieren?

Nierle: Hier würde ich gern gegenfragen: Muss er das denn? Ob Archimedes oder Bill Gates – die Welt wäre nicht so weit gekommen ohne Nerds. Solange alle gut zusammenarbeiten, kann und soll jeder sein, wie er ist.

Bleibe mit dem XPLR: Newsletter immer auf dem Laufenden!

Newsletter abonnieren