freundin-Doppelspitze: „Wir sind keine übergeordneten Leit-Feen“

Von Liza Marie Heuring

Anke Helle und Mateja Mögel bilden die Doppelspitze der freundin.

Im September 2019 haben Anke Helle (39) und Mateja Mögel (42) die Chefredaktion der „freundin“übernommen. Seit vier Quartalen können sie sich über eine wachsende Auflage freuen. Ein Gespräch über Teamwork, radikale Digitalisierungsprozesse und das Einreißen von Grenzen.

Anderthalb Jahre freundin-Doppelspitze: wie teilen Sie sich die Aufgabe und welche Vorteile hat das?

Mateja Mögel: Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir keine starre Aufteilung wollen, damit wir beide immer im Bilde sind. Deshalb benutzen wir auch eine gemeinsame Mailadresse. Der Vorteil daran ist, dass wir sehr schnell und effektiv reagieren und voneinander lernen können. Durch die Doppelspitze haben wir doppelt so viele Ressourcen und auch doppelt so viel Wissen. Aber es gibt natürlich Bereiche, in denen wir uns unterscheiden. Anke kann sich wahnsinnig gut in den Dreh von Geschichten reinfuchsen. Ich bin dafür diejenige, die sehr schnell auf den Punkt bringt, was auf dem Cover funktioniert und die insgesamt verkäuferischer denkt.

Anke Helle: Ich glaube, dass wir beide keine Einzelkämpferinnen sind und immer besser werden, je mehr wir uns austauschen. Wir haben ineinander die perfekte Sparringspartnerin gefunden. Jede von uns hat ihre Schwerpunkte, aber nach anderthalb Jahren habe ich das Gefühl, dass wir beide in den jeweiligen Stärken der Anderen total aufgeholt haben. Nach jedem Gespräch mit Mateja habe ich mindestens einen neuen Gedanken, der mich weiterbringt. Das macht unsere Zusammenarbeit wahnsinnig fruchtbar. Gleichzeitig braucht man großen Respekt vor den Fähigkeiten der Anderen, um auch deren Kritik annehmen zu können. Ich halte Mateja für eine der besten Blattmacherinnen Deutschlands und diese Hochachtung muss man haben.

Eine neue Chefredaktion bedeutet meist Änderungen im Ablauf und im Heft. Welche tragen Ihre Handschrift?

Mögel: Wir sind keine übergeordneten Leit-Feen, sondern arbeiten beide sehr hands-on und intensiv mit im Heft. Wir gehen in jeden Text selbst rein, zur Not schreiben wir ein Motto um oder auch mal den Inhalt. Darin sind wir uns zum Glück sehr ähnlich: Wenn eine von uns nur Kommandos geben würde, könnte das nicht funktionieren. Wir arbeiten beide sehr gerne und viel, aber wir haben beide auch Kinder und wollen die auch sehen. Um flexible Arbeitszeiten und Standortunabhängigkeit zu haben, braucht es aber funktionierende digitale Prozesse und Systeme und das war von Beginn an eines unserer wichtigsten Ziele. Layouts nehmen wir heute auch mal vom Handy ab, und wir tragen grundsätzlich keine Papiere mehr durch den Flur.

Helle: Wir haben wirklich an allen Stellschrauben gedreht. Das fängt bei der Grundausstattung an: Wir haben für alle Laptops angeschafft und viele haben auch ein Arbeitshandy. Vor kurzem haben wir unsere Festnetztelefone abgeschafft und telefonieren nun nur noch über Microsoft Teams. Parallel haben wir Hierarchien abgebaut. Für uns ist Vertrauen und Anerkennung das Wichtigste in einem Team und nicht irgendwelche Titel.

„Die Redaktionen werden seit Jahren immer kleiner und das wird sich vermutlich auch erstmal nicht ändern. In so kleine Teams passen keine Einzelkämpfer, da müssen alle füreinander und für eine gesamte Marke denken.“ (Anke Helle)

Vertrauen und Anerkennung, das klingt auch nach Eigenverantwortung?

Mögel: Wir erwarten von jeder Redakteurin, dass sie eine Managerin ihrer Geschichte ist und sich verantwortlich für eine Geschichte fühlt, bis sie in den Druck geht. Das heißt, sie muss nicht unbedingt selber Bilder raussuchen, aber sie muss alle Termine im Kopf haben, nachfragen und sicherstellen, dass alle Korrekturen der Textchefinnen eingearbeitet sind. Zudem fördern wir, dass man Ressortübergreifend denkt und auch eine Moderedakteurin ein Psychologie-Thema vorschlägt oder eine Beauty-Redakteurin eine Living-Geschichte schreibt.

Helle: Die Redaktionen werden seit Jahren immer kleiner und das wird sich vermutlich auch erstmal nicht ändern. In so kleine Teams passen keine Einzelkämpfer, da müssen alle füreinander und für eine gesamte Marke denken.

Als freundin standen Sie ihren Leserinnen auch 2020 zur Seite. Welche Freundschaft hat Ihnen während der Pandemie geholfen?

Helle: An Silvester habe ich Mateja geschrieben: „Ohne Dich hätte ich dieses Jahr nicht geschafft“. Schon vor Corona haben wir gewusst, dass die Doppelspitze eine gute Idee ist, aber wie gut, war uns nicht klar. Bei Mateja ist grade Homeschooling angesagt, ich habe ein Kindergartenkind zuhause. Da müssen wir füreinander einspringen und dann übernimmt die eine die Abendschicht und die andere die Morgenschicht. Gleichzeitig hat unser gesamtes Team fantastisch gearbeitet, während wir in diesen sowieso schon herausfordernden Zeiten sehr viel im Heft verändert und eingefordert haben. Ich glaube, dass das Team sicher mal genervt von uns ist, aber sie ziehen auch alle mit und haben Spaß dabei. Dafür bin ich wahnsinnig dankbar.

Mögel: Für mich war ebenfalls Anke eine der wichtigsten Personen. Wir haben schwierige Entscheidungen treffen müssen und dieses zweiwöchentliche Heft mit unserem Anspruch rauszubringen, ist ein Wahnsinnsritt.

Was für Themen wurden im Corona-Jahr besonders gern gelesen? Welche sind Ihnen persönlich wichtig?

Mögel: Logischerweise haben Kochen, DIY und Interior gut funktioniert. Das wird sich jetzt mit Sicherheit auf den Garten ausweiten, sobald das Frühjahr kommt. Gleichzeitig war es uns wichtig, den Frauen zu sagen: stärkt und unterstützt euch gegenseitig. Das sind gerade wahnsinnig schwierige und anstrengende Zeiten, selbst dann, wenn man persönlich einigermaßen unbeschadet ist, ein sicheres Gehalt und keine Kurzarbeit. Deshalb machen wir Themen wie „Besser abschalten“ oder auch „Das gibt uns Zuversicht“, die die Leserinnen bestärken und ihnen Kraft geben.

„Wir sind uns sicher, dass es das eine zeitgemäße Frauenbild nicht gibt und deshalb ist für uns der Begriff der Freundin so gut, denn der steht für die Vielfalt der Frau.“ (Mateja Mögel)

Wie nehmen Sie bei allen Neuerungen und Homeoffice-Distanz das Team mit?

Mögel: Wir sind mit der Aussage gestartet, dass wir immer eine offene Tür haben. Dabei sind wir auch während Corona geblieben. Als es in den ersten Lockdown ging, war es wichtig, den Teamspirit aufrechtzuerhalten – insbesondere, da wir alle grade erst eine Zeit der Umstrukturierung hinter uns hatten. Wir haben dann angefangen, jeden Dienstag einen Call in kleinen, zufällig zusammengewürfelten Gruppen zu machen. Es wird ein bestimmtes Thema vorgegeben von Blattkritik bis zur Frage: „Wie geht es euch gerade?“ und jede und jeder hat fünf Minuten Redezeit von der Praktikantin bis zu uns. Dieser offene Austausch hat uns sehr eng verbunden und dadurch haben wir von jedem was mitbekommen, auch wenn jemand Neues da war.

Wie fördern Sie Nachwuchs bei der freundin?

Helle: Ich bin Absolventin der Burda-Journalistenschule und arbeite dort bis heute als Dozentin. Neulich habe ich mit einer Redakteurin von uns, die letztes Jahr noch selbst Volontärin war, ein Seminar zum Thema „Gendern im Journalismus – ja oder nein?“ gegeben. Ich fand es gut, dass sie mit in dieses Seminar kommt, weil sie zehn Jahre jünger ist und einen ganz anderen Blick auf das Thema hat. Uns ist dieser Austausch unglaublich wichtig. Wir haben tolle junge Redakteurinnen und Volontärinnen, die viel besser mit Plattformen wie Instagram umgehen, ganz selbstverständlich in die Kamera sprechen und neue Ideen für Online-Formate oder Podcasts haben. Wir finden: man kann grade jungen Frauen nicht genug zutrauen.

Die freundin gibt es seit über 70 Jahren. Was verstehen Sie unter einem zeitgemäßen Frauenbild und wie lässt sich das ins 21. Jahrhundert transferieren?

Mögel: Wir sind uns sicher, dass es das eine zeitgemäße Frauenbild nicht gibt und deshalb ist für uns der Begriff der Freundin so gut, denn der steht für die Vielfalt der Frau.

Helle: Wir sind als Magazin jetzt sicher nicht die Vorreiterin in Sachen Feminismus und Diversität. Aber auch wir haben in den letzten Jahren sehr viel dazu gelernt und uns verändert. Ich sage immer: Der Missy Magazine-Leserin muss man nicht mehr erklären, wie wichtig Gleichberechtigung ist. Bei unserer Leserin kann man dagegen wirklich etwas bewegen, wenn wir über die Wichtigkeit der Altersvorsorge oder Wege zu einer gerechteren Arbeitsaufteilung zu Hause sprechen. Auch gerade, weil wir dabei nicht dogmatisch sind.

„Wir sagen bei vielen Sachen: Einfach mal machen! Als Journalistinnen müssen wir neue Dinge ausprobieren.“ (Anke Helle)

Eine Stärke der freundin sind die sozialen Netzwerke, vor allem Facebook (400k Follower) und Pinterest (230k Follower). Wie bauen Sie diesen Bereich weiter aus?

Helle: Wir haben von Beginn an viel auf Instagram gemacht und dafür auch unser Team verstärkt eingesetzt. Wir sagen bei vielen Sachen: Einfach mal machen! Vielleicht findet man das Video auf Insta von sich am Ende nicht perfekt, aber es ist auch nach 24 Stunden wieder weg. Als Journalistinnen müssen wir neue Dinge ausprobieren. Wir haben zum Beispiel gerade den bekannten Sex-Podcast „Oh Baby!“ übernommen. Audio ist generell ein Punkt, den wir sehr gerne noch ausbauen würden. Unsere Leserin hat wenig Zeit und da kommt ihr dieses Medium, das sie auf dem Spielplatz oder beim Joggen nutzen kann, entgegen. Allerdings ist ein guter Podcast sehr aufwendig und die Vermarktung immer noch nicht leicht.

Bei welchen Medienhäusern in Bayern gucken Sie sich etwas ab? Wer agiert besonders innovativ?

Mögel: Sie meinen neben dem Burda-Verlag, für den wir arbeiten und der sich ständig weiterentwickelt? Unser aller Herausforderung ist es, profitabel zu bleiben. Wie stellt man sich kostenoptimiert auf, ohne gleichzeitig die journalistische Qualität zu verlieren? Ich finde sehr beeindruckend, wie die Süddeutsche Zeitung das schafft und verfolge gespannt, wie dort Digital und Print zusammengeführt werden.

Helle: Auch kleine Unternehmen sind interessant, weil die oft schneller und agiler sind und Dinge einfach ausprobieren. Ich habe bei Nansen & Piccard gearbeitet. Das sind die alten NEON-Macher, die sich zusammengetan haben und als Redaktionsbüro unter anderem viel Corporate Publishing machen. Die gehen extrem innovativ an Storytelling ran und zeigen, dass Journalismus und Content Marketing nicht weit voneinander entfernt sein müssen, wenn es darum geht, gute Geschichten zu erzählen.

Und wovon muss es Ihrer Meinung nach mehr geben in Bayern?

Helle: Kinderbetreuung! Ich kenne so viele Eltern, die nicht wissen, ob sie im nächsten Jahr einen Hortplatz haben und dementsprechend nicht, wo und wann sie arbeiten können. Alle, die im Medienbereich arbeiten, und natürlich nicht nur dort, würden sehr davon profitieren, wenn beispielsweise eine Ganztagsbetreuung in den Schulen sichergestellt ist.

Mögel: Schnelles Internet ist definitiv eine Grundvoraussetzung. Angefangen in den Schulen, denn dort bilden wir die Zukunft aus. Die brauchen Laptops und Videokonferenztools und das Wissen, welche Plattformen sie nutzen können. Auch schnelle Lösungen wie mobile Hotspots müssen jetzt möglich sein. Uns ist die Wichtigkeit der Digitalisierung bei „freundin“ von vorne rein klar gewesen.

Helle: Und das schon vor Corona. Die Pandemie hat alles beschleunigt, aber wir hätten auch ohne sie genau das Gleiche gemacht.

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