„Auf die Freundschaft“: Weltkunst und AD Germany machen gemeinsame Sache
So geht Innovation beim Oldschool-Medium Print: Die Redaktionen von Weltkunst und AD Architectural Digest Germany haben für ihre Septemberausgaben erstmals verlagsübergreifend zusammengearbeitet. Unter dem Motto „Auf die Freundschaft“ verbinden sie Kunst, Architektur und Design – im Heft, digital und am Kiosk.
Zwei Redaktionen, zwei Verlage, ein gemeinsames Thema: Für „Auf die Freundschaft“ haben Weltkunst und AD Architectural Digest Germany nicht einfach nur ihre Kompetenzen gebündelt. Autor:innen wechselten die Seiten, Interviews und Fotoproduktionen entstanden gemeinsam, Geschichten wurden aus unterschiedlichen Perspektiven weitererzählt. Im Interview erklären Weltkunst-Herausgeber Christoph Amend und Felix Wagner, Head of Editorial Content bei AD Architectural Digest Germany, was hinter dem ungewöhnlichen Projekt steckt – und ob solche Kooperationen ein Modell für die Zukunft sein können.
Herr Amend, Herr Wagner, wie kam es zu dieser Idee, erstmals redaktionsübergreifende Ausgaben zu produzieren?
Christoph Amend: Sie entstand vor knapp einem Jahr in Berlin, als Felix Wagner und ich uns über den Weg gelaufen sind. Wir haben uns über unsere Arbeit ausgetauscht, auch über die beiden Magazine, bei denen es ja bei allen Unterschieden auch immer wieder inhaltliche Überschneidungen gibt. Einige Autorinnen und Autoren schreiben auch für beide Titel. Das brachte Lisa Zeitz, Felix und mich auf die Idee: Wie wäre es, einmal aus unseren unterschiedlichen Blickwinkeln heraus auf dasselbe Thema zu schauen?
Das Leitthema der beiden redaktionsübergreifenden Ausgaben lautet „Auf die Freundschaft“. Verbindet Sie eine solche?
Felix Wagner: Wir kennen und schätzen uns seit Langem, verfolgen die Arbeit des jeweils anderen und teilen eine große Neugier für Kunst, Design und Architektur. Dabei bedeutet Freundschaft für uns nicht, immer derselben Meinung zu sein. Im Gegenteil: Gute Freunde erweitern den Blick, widersprechen einander und bringen sich gegenseitig auf neue Gedanken. Genau das ist bei diesen Ausgaben passiert.
Eine Einladung an die Leserschaft des anderen
Wie unterscheiden sich die beiden Hefte inhaltlich?
Felix: Wir haben sie zwar gemeinsam konzipiert, aber abgesehen von wenigen Ausnahmen sind die Magazine im Hinblick auf Text und Optik komplett unterschiedlich. Eines der Themen, denen wir uns aus unterschiedlichen Blickwinkeln genähert haben, ist beispielsweise das Verhältnis von Kunst und Küche. Wir zeigen in AD Architectural Digest, wie Kunst in der Küche dem Raum Lebens- und Wohnqualität verleiht, und die Weltkunst widmet sich der Darstellung der Küche in der Kunst.
Christoph: Oder anders gesagt: Mal beginnt eine Geschichte in der Weltkunst, dann wird sie in AD weitererzählt. Und umgekehrt. Wer beide Hefte kauft, kann das gut nachverfolgen, aber jedes Magazin funktioniert auch für sich allein. Ich interviewe beispielsweise seit mittlerweile 14 Jahren jeden Monat den international einflussreichen Kurator Hans Ulrich Obrist für die Weltkunst. Für diese Ausgabe haben wir gleich zwei Gespräche geführt – über seine Freundschaften mit Künstlerinnen und Künstlern für die Weltkunst und über Architekten und Designer für AD Architectural Digest.
AD Architectural Digest Germany steht für Architektur, Interior und Design. Weltkunst für kunsthistorische Expertise und Nähe zum internationalen Kunstmarkt. Sprechen beide Magazine ähnliche Zielgruppen an – oder ist gerade der Zugang zur jeweils anderen Leserschaft Teil des Kalküls?
Felix: Die beiden Hefte sind rein aus der redaktionellen Idee heraus entstanden. Natürlich ist es reizvoll, die jeweils andere Leserschaft zu erreichen. Denn sie haben ein ausgeprägtes Interesse an Kultur und eine hohe Kennerschaft. Wir verstehen es als Einladung und möchten zeigen, wie viel es jenseits der vertrauten Perspektive zu entdecken gibt.
Was kann AD durch Weltkunst, was es allein nicht könnte – und umgekehrt?
Christoph: AD Architectural Digest ist bekannt dafür, Räume, Wohnungen und Häuser sehr aufwändig zu inszenieren. Die Weltkunst hat natürlich auch einen Sinn für besondere Bilder, blickt auf sie aber durch die Brille der Kunst. Gerade bei der Coverproduktion haben sich die Kompetenzen sehr schön ergänzt. Es war spannend zu sehen, wie beide Redaktionen ihre eigenen Kompetenzen eingebracht haben.
Felix: Die Weltkunst bringt eine kunsthistorische Tiefenschärfe und Nähe zu Künstlerinnen und Künstlern, Museen, Galerien und Sammlungen mit, die den Blick von AD Architectural Digest erweitert. AD Architectural Digest wiederum kann zeigen, wie Kunst tatsächlich lebt: in Häusern, Ateliers und Räumen, im Verhältnis zu Möbeln, Licht und Architektur. Davon haben wir bei diesem Projekt sehr profitiert.
Gab es eine Idee der jeweils anderen Redaktion, bei der Sie zunächst dachten: Das passt überhaupt nicht zu uns?
Felix: Es gab Geschichten, bei denen uns gerade die unterschiedlichen Perspektiven der zwei Redaktionen gereizt haben. Beispielsweise haben wir für die beiden Ausgaben mit einer Wegbegleiterin und einem Wegbegleiter des Künstlers Martin Kippenberger über das Thema Freundschaft gesprochen – für die Weltkunst mit Kippenbergers Kölner Galeristin Gisela Capitain, für AD Architectural Digest mit dem Fotografen Albrecht Fuchs.
Geruckelt hat bei der Zusammenarbeit nur der Video-Call
Zwei Redaktionen, zwei Marken, zwei unterschiedliche journalistische Kulturen: Wo hat es bei der Zusammenarbeit auch einmal geruckelt?
Christoph: Es war höchstens der Videostream, der mal hing (lacht). Wir haben Zusammenarbeit als Horizonterweiterung erlebt, auch als einen Wissensaustausch on the go, den man sich nicht ausdenken kann. Für uns war es etwas Besonderes, sich in der oft hektischen, alltäglichen Redaktionsarbeit immer wieder Zeit zu nehmen.
War der redaktionelle Aufwand am Ende sogar größer oder sind vielleicht Synergien entstanden?
Felix: Der Aufwand, zwei solche Magazine zu erstellen, ist deutlich höher, weil man wesentlich länger an so einer Ausgabe arbeitet. Im Januar 2026 fiel der Startschuss, von da an gab es wöchentlich Redaktionskonferenzen mit allen Beteiligten, von der Art Direction über Text bis hin zur Fotografie.
Christoph: Gleichzeitig ist eine positive Energie entstanden, die uns durch die lange Zeit getragen und immer wieder geradezu beschwingt hat.
Begleitet wird die Zusammenarbeit über die Digital- und Social-Media-Kanäle beider Marken. Übertragen Sie dabei das redaktionsübergreifende Prinzip?
Felix: Erstmalig arbeiten zwei Magazine auch auf den digitalen Plattformen zusammen und übersetzen Print- in digitale Video-Formate. Unter anderem haben wir eine Videoproduktion in Berlin umgesetzt, bei der Künstlerinnen und Künstler, Kreative sowie Mitglieder aus beiden Redaktionen Fragen zum Thema Freundschaft auf eine informative und unterhaltsame Weise beantworten. Ein anderes Beispiel ist das Weltkunst-Format Sammlerseminar, das wir für AD Architectural Digest ausgeliehen und ins Digitale übertragen haben. Im Video geben drei Expertinnen und Experten Tipps fürs Investieren in Möbel aus den 90er Jahren.
Gemeinsame Hefte bleiben vorerst die Ausnahme
An welchen Kennzahlen werden Sie festmachen, ob das Experiment erfolgreich war?
Christoph: Natürlich würden wir uns auch über eine erhöhte Sichtbarkeit für beide Magazine freuen. Mir liegt aber auch grundsätzlich am Herzen zu sagen, wie innovativ Print in unseren digitalen Zeiten sein kann. Wir wollten zeigen, was man mit gedruckten Zeitschriften heute machen kann, wenn man neue, ungewohnte Wege geht. Wenn wir damit ein Zeichen setzen können, würde uns das freuen.
Könnte daraus langfristig mehr entstehen als zwei gemeinsame Hefte – etwa gemeinsame Veranstaltungen, digitale Formate oder weitere redaktionelle Projekte?
Felix: Wir sind sehr zuversichtlich, dass das Projekt im Markt gut ankommt. Vorerst bleibt es allerdings einmalig.
Christoph: Zwei Magazine in zwei Städten und zwei Verlagen gemeinsam zu produzieren, ist ziemlich aufwändig. Die Zusammenarbeit geht aber über die Hefte hinaus: Zum Auftakt der Art Week in Berlin laden wir zu einem gemeinsamen Abend ein. Denn Journalismus bedeutet heute auch, analoge Orte der Begegnung zu schaffen – und Menschen zusammenzubringen, die sich sonst vielleicht nie getroffen hätten. Einen konkreten Plan für eine Fortsetzung gibt es nicht, aber die Zusammenarbeit war für beide Seiten eine echte Bereicherung. Und sie hat sich erstaunlich leicht angefühlt – eigentlich genauso, wie es bei einer guten Freundschaft sein sollte.
Bannerbild: Markus Burke










