Ein Portrait von Daniel Rosemann.

Daniel Rosemann von Raab Entertainment: Von null auf Primetime

Gemeinsam mit Stefan Raab hat Daniel Rosemann vor zwei Jahren die Produktionsfirma Raab Entertainment gegründet. Heute produziert das Unternehmen Unterhaltungsshows, Podcasts, verantwortet ESC-Vorentscheide und hat eine eigene KI-Unit aufgebaut. Im Gespräch blickt der Münchner auf die Gründungsphase zurück und skizziert aussichtsreiche Geschäftsfelder.

10.06.2026 7 Min. Lesezeit

Herr Rosemann, Sie haben vor zwei Jahren gemeinsam mit Stefan Raab die Raab Entertainment GmbH gegründet. Wie blicken Sie auf den Start zurück?

Daniel Rosemann: Als wir im Januar 2024 gestartet sind, standen wir in leeren Büros: keine Steuernummer, kein Drucker, keine Kaffeemaschine. Wir haben wirklich bei null angefangen und begonnen, unsere Vision des Unternehmens umzusetzen. Das war einerseits natürlich herausfordernd, andererseits extrem lehrreich, etwa in Sachen Bürokratie. Und ja, Deutschland ist da für Gründer durchaus fordernd. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass es so kompliziert sein kann, Firmenräder für Mitarbeitende zu organisieren, wenn man noch keinen Jahresabschluss vorweisen kann, aber schon produziert und Geld verdient? Da hilft auch ein prominenter Gesellschafter nicht… (lacht)

Großer Spannungsbogen um Stefan Raabs Rückkehr

Den ersten Coup landeten Sie mit der Ankündigung, Stefan Raab werde erneut gegen Regina Halmich in den Boxring steigen. Wie haben Sie den Hype rund um das Comeback von Raab erlebt?

Rosemann: Diese ganze Dynamik – dieses ständige Rätseln „Kommt er zurück, kommt er nicht?“ – war schon spannend und hat auch Spaß gemacht. Teilweise hatten unsere Social-Media-Videos über 100 Millionen Views. Gleichzeitig war die Rückkehr für uns nur die eine Seite. Mindestens genauso wichtig war die Arbeit für die Zeit danach: die konkreten Formate, die wir umgesetzt haben. „Stefan und Bully“ gehört inzwischen zu den beliebtesten RTL-Shows, mit „Eltons 12“ haben wir eine große neue Samstagabendshow kreiert und wir haben den erfolgreichsten ESC-Vorentscheid seit 21 Jahren für die ARD produziert. Unsere neueste Entwicklung „Wer weiß wie wann was war?“ zeigt mit großem Erfolg, dass Nostalgie funktioniert, wenn man sie richtig erzählt.

Welche Rahmenbedingungen empfinden Sie 2026 im TV-Umfeld als besonders herausfordernd?

Rosemann: Wir sehen aktuell gleich zwei vollkommen veränderte Grundvoraussetzungen. Der Zuschauermarkt hat sich massiv verändert. Die Medienlandschaft ist fragmentiert, die Auswertung findet über viele Kanäle statt. Daher war es immer unser Ziel, keine reine TV-Produktionsfirma zu werden. Wir haben unser Modell erweitert: mit einer KI-Unit, die eigenen Content entwickelt und Kunden berät, einem Podcast-Studio für eigens entwickelte Podcasts, sowie einem Sales-Bereich, der Podcasts vermarktet, Markenintegrationen in TV-Formate bringt, und besonders wichtig: direkt mit Kunden an sogenannten Branded Entertainment-Formaten arbeitet, also Marken mit Reichweiten auf allen Plattformen zusammenbringt. Parallel wächst der wirtschaftliche Druck durch steigende Kosten und sinkende Einnahmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Es wird weniger investiert und Programmbudgets werden kleiner. Alle spüren diesen Druck – Sender, Streamer, Produktionsfirmen und freie Mitarbeitende. Was mich dabei mehr beschäftigt als die wirtschaftliche Lage selbst, ist die Stimmung. Wenn in Gesprächen in unserer Branche Sätze fallen wie „Ich weiß nicht, ob es jemals nochmal besser wird“, halte ich das für gefährlich – für die Branche und für die eigene Haltung. Wenn wir selbst nicht mehr an uns und die Kraft unserer Inhalte glauben, warum sollen es andere tun?

Erfolgsshows und Podcasts aus den Reihen der Raab Entertainment. / Bilder: Raab Entertainment

Wie gehen Sie mit diesem Druck um?

Rosemann: Ich war schon in meiner Zeit als Senderchef bei ProSieben und Sat.1 nie angstgetrieben und habe häufig Entscheidungen gegen den Trend getroffen. Das größte Problem entsteht, wenn wir anfangen, uns als Opfer der Situation zu sehen. Deutschland ist nach wie vor einer der größten TV-Märkte Europas. Wir haben die Kraft, gute Ideen umzusetzen und Reichweiten zu erzeugen. Daran müssen wir uns erinnern. Werbekunden werden nicht mutiger, wenn die Branche selbst nicht an sich glaubt. Deshalb braucht es mehr Zuversicht und Mut. Ja, dabei kann man Fehler machen. Aber eben auch Hits und Erfolge landen.

Es gab Kritik, „Die Stefan Raab Show“ sei zu sehr auf bekannten Elementen aufgebaut und damit kaum innovativ. Was entgegnen Sie?

Rosemann: Ich glaube, wir haben oft ein falsches Verständnis von Innovation. Innovation heißt nicht zwangsläufig, dass etwas hundertprozentig neu sein muss. Ich vergleiche das gerne mit Konzerten: Ein Coldplay-Konzert lebt davon, dass man die großen Songs hört, nicht davon, dass durchgängig neue Stücke gespielt werden. Das würde viele eher irritieren als begeistern. Gute Formate funktionieren ähnlich. „Wer wird Millionär?“, „Let’s Dance“ oder „Germany’s Next Topmodel“ entwickeln sich weiter, ohne ihren Kern zu verlieren. Auch Stefan Raab muss Stefan Raab bleiben.

Übertreibung und Zuspitzung: Der Reiz von Satire- und Late-Nigh-Formaten

Damit verbunden ist auch die Diskussion um den Humor von Stefan Raab, der nicht mehr zeitgemäß sei.

Rosemann: Humor ist etwas sehr Persönliches. Niemand sollte entscheiden, was „richtiger“ Humor ist. Satire- und Late-Night-Formate ziehen ihren Reiz daraus, dass sie mit Übertreibung und Zuspitzung arbeiten. Natürlich gibt es Menschen, die bestimmte Witze nicht mögen. Das war schon bei Heinz Erhardt und Loriot so. Der Unterschied heute ist nur, dass jeder seine Meinung viel schneller öffentlich kundtun kann. Wir haben auch nicht den Anspruch, dass jeder über alles lacht, was Stefan sagt. Gleichzeitig hat er viele jüngere Fans gewonnen, die ihn etwa über Instagram oder TikTok kennengelernt haben, wo seine „Rabigramme“ und seine heutigen Inhalte mitunter hohe Abrufzahlen erzielen. 

Wie ist die Rollenverteilung zwischen Ihnen und Stefan Raab?

Rosemann: Wir sind beide täglich im Büro. Stefan arbeitet kreativ, entwickelt Inhalte und steht vor der Kamera. Ich kümmere mich nach wie vor gerne um Ideen und Formate für unsere Kunden und steuere mit einem großartigen Team die organisatorischen und wirtschaftlichen Themen und darf ein Unternehmen neu bauen.

Podcasts sind neben dem klassischen Bewegtbildgeschäft ein zentraler Baustein für uns geworden. Wir investieren bewusst, weil wir das Medium als wachsendes Storytelling-Format sehen und unser Portfolio erweitern wollen. Gleichermaßen möchten wir Werbekunden ein breites Zielgruppenspektrum bieten.

Daniel Rosemann

Wie entsteht bei Ihnen ein neues Format?

Rosemann: Es gibt strukturierte und unstrukturierte Prozesse. Strukturiert heißt: Wir beobachten internationale Märkte, sind in einem Netzwerk internationaler Kontakte, entwickeln gezielt Formate und berücksichtigen Anforderungen von Sendern für bestimmte Sendeplätze wie Zeitrahmen, Genre und Budget. Daneben gibt es den offenen Teil: lange Gesprächsrunden ohne Druck, in denen Ideen im Austausch entstehen können, ohne dass sofort ein Ergebnis erwartet wird. „Wer weiß wie wann was war?“ ist genau so entstanden.

Sie betreiben ein Podcaststudio und produzieren dort auch eigene Formate, etwa „Knockout Club“, einen Talk mit Gästen zwischen Kiez und Kampfsport. Welche Rolle spielt die Podcast-Sparte strategisch und wird Stefan Raab bald einen Podcast hosten?

Rosemann: Podcasts sind neben dem klassischen Bewegtbildgeschäft ein zentraler Baustein für uns geworden. Wir investieren bewusst, weil wir das Medium als wachsendes Storytelling-Format sehen und unser Portfolio erweitern wollen. Wir haben neben dem „Knockout-Club“ schon jetzt weitere Titel live und in Produktion und noch mehr folgen. Gleichermaßen möchten wir Werbekunden ein breites Zielgruppenspektrum bieten. Ob Stefan einen Podcast macht? Theoretisch jederzeit. Aber niemand muss bei uns vor ein Mikro, wenn er nicht will. 

Die DNA der Raab Entertainment liegt auch in Zukunft in Spiel- und Musikshows

Wie setzen Sie künstliche Intelligenz ein?

Rosemann: Wir nutzen KI in zwei Bereichen: operativ in Prozessen wie Buchhaltung, Personal und Organisation sowie kreativ in Audio-, Video- und Bildproduktion. Dafür haben wir eine Unit aufgebaut, die intern arbeitet und auch externe Projekte umsetzt. Entstehen können dabei Musik, Werbespots oder visuelle Konzepte. In der „Stefan Raab Show“ ist bereits KI-generierter Content enthalten. Wichtig sind klare Regeln, Datenschutz und Schulungen. KI ist bei uns kein Einzeltool, sondern Teil der Produktionsstruktur.

Wie soll sich Raab Entertainment entwickeln?

Rosemann: Im Showbereich, vor allem bei Spiel- und Musikshows, liegt unsere DNA. Dort wollen wir spannende Formate kreieren und in die Zukunft führen. Ein zweites Feld ist die Dokumentation. Wir entwickeln Inhalte rund um Persönlichkeiten und popkulturelle Phänomene. Durch Streaming ist das Publikum dafür deutlich breiter geworden. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass eine Doku über Shirin David vor fünf Jahren so großen Anklang gefunden hätte. Der dritte Bereich ist Fiction. Hier arbeiten wir an einem neuen Modell der Budgetierung. Die Frage ist nicht, ob man Fiction macht, sondern wie man sie möglich macht. Und grundsätzlich ist unsere Firma ein Produzent für Erlebnisse. In Bewegtbild, in Audio wie Podcast und Musik, sowie live – also vor Ort.

Stefan Raab hat früher einmal gesagt, mit 50 wolle er nicht mehr vor der Kamera stehen. Er hat mit 49 bei ProSieben aufgehört. Wie geht es weiter, wenn der RTL-Vertrag ausläuft?

Rosemann: Was ich sagen kann: Stefan ist ein extrem neugieriger und fleißiger Mensch. Für eine konkretere Antwort müssen Sie ihn selbst fragen.

Bannerbild: Raab Entertainment

Über den Autor/die Autorin

Dr. André Gärisch

Jedes unbeschriebene Blatt ist eine Einladung, Welten entstehen zu lassen, sei es in Features, Reportagen, Essays, Interviews oder Kurzgeschichten. Diesem Motto folgt André Gärisch seit über zehn Jahren als freier Redakteur, mit Veröffentlichungen unter anderem in Frankfurter Rundschau, Welt, Jetzt, Horizont und Strive.

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