Er sieht lieber Chancen statt Grenzen: Oliver Berben von Constantin

Wenn es ums Thema KI geht, will er keine Grenzen im Kopf haben, sondern die Möglichkeiten sehen: Oliver Berben ist Vorstandsvorsitzender bei Constantin Film und kennt die DNA des Filmunternehmens genau. Sie steckt im Kino – und in einer Unternehmensstrategie, die seit Jahrzehnten Erfolgsfilme hervorbringt. Ein Interview.

15.04.2026 8 Min. Lesezeit

Herr Berben, Sie haben ursprünglich Luft- und Raumfahrttechnik studiert. Was war der entscheidende Moment, in dem Sie wussten, dass Sie zum Film wollen?

Oliver Berben: Am Film hat mich immer fasziniert, dass er ein Gemeinschaftswerk ist. Dass dort viele Menschen zusammenarbeiten und dabei oft eine Gruppendynamik entsteht, die Großes leisten kann. Das war für mich damals ein sehr starker Gegensatz zu der trockenen, analytischen und alleinigen Arbeit, die ich aus meinem Forschungsbereich an der Uni kannte. Nach meinem Abschluss habe ich von Karlheinz Brunnemann von der Phoenix Film – damals einer der großen Produzenten in Berlin – die Chance auf ein längeres Engagement beim Film bekommen. Diese Chance habe ich genutzt, und bin seitdem nicht mehr aus der Branche weggegangen. 

Auf den ersten Blick haben die beiden Berufsfelder nicht viel miteinander zu tun. 

Berben: Ich hänge immer noch sehr an Technologie – und wenn man eine gewisse Zeit in der Filmbranche arbeitet, erkennt man, wie viele Parallelen es gibt. Technologie ist ein wichtiger Treiber in Produktion, Vertrieb und Marketing, und damit maßgeblich für den Erfolg von Filmprojekten. 

Guten Marketing und der perfekte Zeitpunkt: Das macht einen Kinohit aus

Welche Faktoren sind noch wichtig, damit ein Film erfolgreich wird? Was macht einen Stoff zu einer guten Geschichte?

Berben: Das sind zwei sehr unterschiedliche Fragen: Was macht einen guten Film aus und was macht einen Film zum Kinohit? Das eine muss nicht unbedingt mit dem anderen zusammenhängen. Es gibt unzählige richtig gute Filme, die es einfach nicht in die breite Öffentlichkeit schaffen – eine Garantie gibt es nie. Anders als früher, hat man heute als Konsumentin und Konsument jederzeit eine riesige Auswahl an Filmen, Serien, Dokumentationen und Reportagen. Das macht es uns als Filmemacherinnen und Filmemacher viel schwerer, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erreichen – und dann wollen wir es ja auch noch davon überzeugen, die Zeit und das Geld für einen Kinobesuch zu investieren. Damit die Menschen überhaupt auf einen Film aufmerksam werden, braucht es eine Strategie, bei der neben der Qualität des Films auch gutes Marketing und der richtige Zeitpunkt eine wichtige Rolle spielen. Einer der wichtigsten Faktoren heutzutage ist die kulturelle und gesellschaftliche Relevanz, die ein Film, eine Serie haben muss. Das ist die Erfolgsmatrix, die wir jedes Mal aufs Neue versuchen zu knacken. 

Constantin Film schafft es sehr oft, diese Erfolgsmatrix zu knacken. Zum Beispiel mit „Das Kanu des Manitu“, der erfolgreichste Kinofilm in Deutschland 2025. Hatten Sie diesen Mega-Erfolg auf dem Schirm oder hat der Ansturm auch Sie überrascht? 

Berben: Die Wahrheit liegt ein bisschen in der Mitte. Haben wir gedacht, dass der Film ein Erfolg werden kann? Ja. Haben wir gedacht, dass er so erfolgreich werden kann? Nein. Fakt ist: Der erste Film, „Der Schuh des Manitu“, ist 25 Jahre alt. Man kann einfach nicht wissen, wie die Menschen auf ein Comeback reagieren. Und dann zu sehen, wie so ein Film alles Erwartbare durchbricht, ist das Wunderschönste überhaupt. Michael Bully Herbig und seinem Team ist es mit seiner Erfahrung und seinem Bauchgefühl einfach sensationell gelungen, bei dem schmalen Grat zwischen Alt und Neu genau ins Schwarze zu treffen. 

„Das Kanu des Manitu“ war 2025 der erfolgreichste Kinofilm deutschlands. / Fotos: Constantin Film

Wie wichtig ist das Kino heute noch für Constantin? Und welche Kooperationen gewinnen daneben immer mehr an Bedeutung? 

Berben: Kino ist die DNA der Firma – und das wird sich auch nicht ändern: Solange wir die Möglichkeit haben, Filme im Kino zu zeigen, werden wir das auch tun. Das Schöne ist: Schaut man sich die Zahlen aus dem ersten Quartal dieses Jahres an, sieht man, dass die Leute wie verrückt ins Kino gerannt sind – auch sehr stark in deutsche Filme. Andere Ausspielmöglichkeiten wie beispielsweise Streaming, Home Entertainment, TV und Verticals sind für uns aber ebenfalls wichtig. Spannend finde ich, dass sich mit neuen technologischen Veränderungen auch die Art, wie wir Inhalte erzählen, verändert. Geschichten werden anders konzipiert, wobei auch die unterschiedlichen Ausspielwege eine Rolle spielen. Jedes Studio ist gut beraten, diese Entwicklungen ernst zu nehmen. Das tun wir, und gleichzeitig geht es uns nicht darum, neue Trends als Erste umzusetzen. Wir sind lieber der Best Mover als der First Mover. 

Keine Grenzen im Kopf: Beim Thema KI sollte man sich alle Möglichkeiten offen halten

Das Thema künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Auch Constantin baut sein KI-Team aus. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen technologischer Unterstützung und künstlerischer Integrität?

Berben: Ich versuche, erst mal keine Grenzen im Kopf zu haben, sondern mich auf die Möglichkeiten einzulassen. Vieles wird direkt als riesige Bedrohung und Katastrophe gesehen. Ich halte es für falsch, so auf Dinge zu schauen. Das bedeutet allerdings nicht, dass man beim Einsatz neuer Technologien nicht auch achtsam vorgehen muss. Aber wenn man nicht die Möglichkeit hat, erst mal nach den Sternen zu greifen, wird man sie nie erreichen. 

Wenn wir darüber sprechen, worauf man genau aufpassen muss und was es zu schützen gilt, dann ist das ganz klar das Urheberrecht der Kreativen, die die Stoffe entwickeln. Die Frage lautet: Wie kreieren wir eine Welt, in der wir mit KI arbeiten wollen? Dafür müssen wir die Technologie genau kennen und wissen, wo ihre Möglichkeiten und die Gefahren liegen. Nur so können die Risiken ausgeschlossen werden. 

Die entscheidenden KI-Werkzeuge kommen fast ausschließlich aus den USA und China – wer sie nutzt, gibt Daten und Know-how ab. Es ist eine sehr große Chance für deutsche und europäische Unternehmen hier Eigenes an den Start zu bringen. Bei Constantin bauen wir deshalb bewusst eigene Strukturen auf: eigene Technologien, eigene Server, ein geschütztes Umfeld. Das ist aufwendig und teuer – aber notwendig.

Oliver Berben

Glauben Sie, dass wir in fünf Jahren Filme sehen werden, die komplett KI-gemacht sind?

Berben: Dafür brauchen wir keine fünf Jahre mehr, im Smallscreen-Bereich gibt es das schon längst. Und auch bei Kinofilmen wird das technisch bald möglich sein. Die Frage ist: Will man das sehen? 

Und? 

Berben: Am Ende wollen die Menschen einen Bezug zu dem, was sie emotional berührt. Spotify hat letztes Jahr 75 Millionen KI-Songs von der Plattform genommen, weil sie niemand hören wollte. Nur weil etwas technisch möglich ist, heißt das nicht, dass es auch konsumiert wird. 

Am Ende des Tages ist KI ein Werkzeug, mit dem man Sphären erreicht, die man bisher nicht erreichen konnte. Sobald eine neue Technologie die Filmproduktion erreicht hat, hat die Branche nie darauf reagiert, indem sie die gleichen Produktionen in der Hälfte der Zeit und günstiger gemacht hat. Sie hat immer etwas Größeres in der gleichen Zeit geschafft. Die Filme werden fulminanter und beeindruckender. Und diese Filme werden nachgefragt. 

Es braucht europäische KI-Lösungen für mehr Unabhängigkeit

Inwiefern kann KI helfen, den Filmstandort Deutschland wettbewerbsfähiger auf dem internationalen Markt zu machen?

Berben: Besser betrachtet man Europa als Ganzes: Wir Europäer haben jetzt die Riesenchance, ein eigenes Setup zu kreieren, das uns im Bereich der Filmtechnologie (und meiner Meinung nicht nur dort) unabhängiger macht. 

Und werden wir das schaffen? 

Berben: Die entscheidenden KI-Werkzeuge kommen fast ausschließlich aus den USA und China – wer sie nutzt, gibt Daten und Know-how ab. Es ist eine sehr große Chance für deutsche und europäische Unternehmen hier Eigenes an den Start zu bringen. Bei Constantin bauen wir deshalb bewusst eigene Strukturen auf: eigene Technologien, eigene Server, ein geschütztes Umfeld. Das ist aufwendig und teuer – aber notwendig.

Zwei Kino-Highlights von Constantin 2026: „Der Magier im Kreml“ erschien Anfang April, im August folgt der neue Eberhofer-Krimi „Steckerlfischfiasko“. / Fotos: Constantin Film

XPLR: MEDIA blickt besonders auf die bayerische Szene. Was macht München für einen Global Player wie Constantin immer noch zum idealen Hauptsitz?

Berben: Unser Standort ist das A und O. Wir sind in München geboren und werden hier auch bleiben. Die Möglichkeiten, die sich uns in Bayern bieten, sind einzigartig. Das liegt nicht nur am lebendigen Kreativbereich, sondern auch an der Kulturszene, dem technologischen Hotspot, der Finanzkraft und dem Netzwerk. 

Auch 2026 stehen bei Constantin wieder spannende Veröffentlichungen an. Welches der diesjährigen Projekte liegt Ihnen persönlich am meisten am Herzen?

Berben: Das ist so, als würde man einen Vater fragen, welches sein Lieblingskind ist. (lacht) Wir werden dieses Jahr eine spannende Mischung haben, vor allem im zweiten Halbjahr. Am 9. April  ist „Der Magier im Kreml“ gestartet, eine französische Produktion und ein unfassbares Werk, das die Geschichte Putins erzählt. Und dann bewegen wir uns in schnellen Schritten in eine ganz andere Richtung, wenn wir am 13. August nach drei Jahren den nächsten Eberhofer-Krimi „Steckerlfischfiasko“ ins Kino bringen. Ein großartiger Film, den Kerstin Schmidbauer mit ihrem Team produziert hat.

Im Herbst erscheint „Das gewisse Etwas“ von Marc Rothemund (3. September) und „Der perfekte Urlaub“, die Fortsetzung von Bora Dagtekins „Das perfekte Geheimnis“ (22. Oktober). Und schließlich der internationale Bereich: Die Dreharbeiten zu „Resident Evil“ in Prag sind beendet, aktuell befinden wir uns in der Postproduktion. Zach Cregger, der gerade wohl interessanteste Regisseur in Hollywood, hat hier einen wirklich guten Film geschaffen, der am 17. September in die Kinos kommen wird.

Bannerbild: Constantin Film

Florentina Czerny
Über den Autor/die Autorin

Florentina Czerny

Florentina ist Teil des Content-Teams bei XPLR: MEDIA und Geschichtenerzählerin aus Leidenschaft. Für unser Onlinemagazin spürt sie regelmäßig Erfolgsstorys über Medienmacher:innen und innovative Projekte am Medienstandort auf. Zuvor hat sie in Eichstätt Journalistik studiert, im Lokaljournalismus volontiert und drei Jahre lang als Redakteurin bei der Passauer Neuen Presse gearbeitet.

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