Ein Portrait von Katharina Happ. Im Interview spricht sie über Journalismus von Mailanbietern und KI im Redaktionsalltag.

Katharina Happ von GMX und web.de: Journalismus vom Mailanbieter

Katharina Happ ist KI-Managerin im Editorial Office von 1&1 Mail & Media – dem Unternehmen hinter GMX und WEB.DE. Sie treibt die KI-Transformation aktiv voran, etwa indem sie maßgeschneiderte Tools für die Redaktion entwickelt. Im Gespräch erklärt sie, wie sie in diese Rolle hineingewachsen ist, warum Mailanbieter journalistische Inhalte bereitstellen und was die Medienbranche im Umgang mit KI lernen sollte.

14.01.2026 7 Min. Lesezeit

Katharina, du bist KI-Managerin in der Redaktion von GMX und WEB.DE. Wie bist du – als ursprüngliche Online-Redakteurin – in diese Rolle gelangt und was fasziniert dich an der Schnittstelle zwischen Technologie und Journalismus?

Katharina Happ: Das hat tatsächlich mit dem großen ChatGPT-Moment begonnen. Als generative KI plötzlich für alle zugänglich war, habe ich sehr früh begriffen, wie groß die Tragweite sein würde. Ich hatte damals das Gefühl, aus dem Fenster zu schauen und der Himmel ist lila, so drastisch kam mir das vor. Mir war klar: Das wird viele Bereiche auf den Kopf stellen, gerade auch Medien und Textarbeit. Und weil ich das so aufregend fand, habe ich beschlossen, die Entwicklung in meinem Berufsfeld sinnvoll mitzugestalten.

Du bist also tief ins „Rabbit Hole“ hinabgestiegen?

Happ: Ja, absolut. Anfangs habe ich in meiner Freizeit Kurse gemacht, immens viel gelesen und getestet. Irgendwann hatte ich so viele Ideen und so viel Wissen gesammelt, dass ich gesagt habe: Das möchte ich beruflich machen. Bei Funke National Brands Digital habe ich dann die KI-Transformation begleitet und seit April 2025 bin ich bei GMX und WEB.DE als KI-Managerin tätig.

Aktuelle KI-Entwicklungen beobachten und konkrete Anwendungen entwickeln

Dein Jobtitel ist noch nicht überall geläufig. Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?

Happ: Mein Arbeitstag ist sehr abwechslungsreich. Zum einen beobachte ich Entwicklungen im Bereich KI, vernetze mich mit anderen Fachleuten, probiere neue Features aus. Ich informiere und inspiriere die Kolleg:innen, berate bei strategischer Planung und überlege, welche Use Cases für uns interessant sein könnten. Zum anderen liegt mein Schwerpunkt darauf, konkrete Anwendungen zu entwickeln, die auf unsere Redaktion zugeschnitten sind und den Arbeitsalltag unterstützen.

Welche Anwendungen sind das konkret?

Happ: Es geht um Prompts für unterschiedliche Aufgaben: von Recherchehilfen – etwa der präzisen Zusammenfassung umfangreicher wissenschaftlicher Studien – über Unterstützung bei Überschriften bis hin zu Entwürfen von News-Artikeln oder Pressemeldungen, die anschließend nur noch feinjustiert werden müssen. Mittlerweile habe ich fast 40 solcher hocheffizienten Prompts entwickelt.

Steht der Name eines Redakteurs oder einer Redakteurin unter dem Text, stammt er wirklich von ihm oder ihr. KI kommt dann höchstens unterstützend zum Einsatz, etwa bei Headlines. Bei den KI-Kuratierungen, bei denen die Systeme stärker genutzt werden, gibt es einen entsprechenden Hinweis. Gesetzlich müssten wir das nicht, wenn wie bei uns redaktionelle Prüfung, aber wir informieren unsere Leser:innen aus Überzeugung.

Katharina Happ

Wie läuft so ein Entwicklungsprozess ab? Arbeitest du eher autonom oder eng mit den Ressorts zusammen?

Happ: Immer im Dialog mit den Ressorts. Ich stelle in regelmäßigen Abständen die Frage: Wo benötigt ihr konkret Unterstützung? Manchmal höre ich auch in einer Redaktionskonferenz etwas und denke sofort: Dafür könnte ich einen Prompt bauen. Das bespreche ich dann direkt mit den jeweiligen Kolleg:innen. Danach klären wir die Anforderungen: Politik hat einen ernsteren Ton als Unterhaltung, Sport einen engagierteren als Wissen, dazu kommt die Sprache der Zielgruppen. Ich schreibe anschließend den Prompt, hinterlege entsprechende Beispiele und Kontextinformationen. Den Entwurf teste ich selbst, das Team prüft nach, gibt Feedback – und selbst wenn der Prompt steht, läuft die Optimierung praktisch endlos weiter. Neue Studienergebnisse, KI-Modellentwicklungen und Ungenauigkeiten fließen fortlaufend ein, sodass die Prompts ständig verbessert werden.

Haben Leser:innen schon einmal gemerkt, dass KI bei einem Text mitgeholfen hat?

Happ: Steht der Name eines Redakteurs oder einer Redakteurin unter dem Text, stammt er wirklich von ihm oder ihr. KI kommt dann höchstens unterstützend zum Einsatz, etwa bei Headlines. Bei den KI-Kuratierungen, bei denen die Systeme stärker genutzt werden, gibt es einen entsprechenden Hinweis. Gesetzlich müssten wir das nicht, wenn wie bei uns redaktionelle Prüfung und Optimierung stattgefunden hat, aber wir informieren unsere Leser:innen aus Überzeugung.

Journalismus bei Mailanbietern: Personalisierung als große Chance

Lass uns über euer Geschäftsmodell sprechen: GMX und WEB.DE sind Mailanbieter, gleichzeitig aber auch große Content-Plattformen. Was steckt hinter diesem kombinierten Ansatz?

Happ: Menschen besuchen ihre Mailkonten sehr häufig. Dieses alltägliche, vertraute Umfeld eignet sich hervorragend, um hochwertige journalistische Inhalte anzubieten. Eine besondere Chance ergibt sich durch Personalisierung: Neben unseren Top-Themen sehen Nutzer:innen Artikel, die zu ihren Interessen passen. So wird unsere Plattform für viele zu einem täglichen Begleiter in Sachen Kommunikation und Information.

Wie entstehen diese personalisierten Feeds?

Happ: Personalisierung basiert auf zwei Komponenten: den freiwilligen Angaben bei der Registrierung und dem aktuellen Leseverhalten. KI prüft inhaltliche Zusammenhänge und spielt passende Artikel aus, alles DSGVO-konform, transparent und jederzeit widerrufbar.

Wie groß ist eure Redaktion?

Happ: Wir haben rund 70 Kolleg:innen in den Ressorts Politik, Panorama, Unterhaltung, Sport sowie Wissen & Ratgeber, die für die Inhalte bei GMX und WEB.DE verantwortlich sind. Dazu kommt ein Community-Management, das täglich rund 1.000 Rückmeldungen verarbeitet. Dieses Feedback wird für interne Prozesse strukturiert aufbereitet und fließt in Inhalte und Weiterentwicklungen ein.

Euer Team sitzt in München. Hat der Standort eine besondere Bedeutung?

Happ: Dass unsere Redaktion hier vor Ort sitzt, ist praktisch für lokale Nachrichten. Gleichzeitig sind wir überregional aufgestellt, unser Hauptstadtbüro gibt uns zum Beispiel direkten Zugang zur Bundespolitik. Und als Teil von 1&1 Mail & Media sind wir natürlich auch Teil eines Unternehmens, das in mehreren Städten vertreten ist.

Die Redaktionsräume von 1&1 Mail & Media: News werden nicht nur produziert, sondern auch zu jeder Zeit konsumiert.
Foto: Karl-Josef Hildenbrand/Picture Alliance
Die Redaktionsräume von 1&1 Mail & Media: News werden nicht nur produziert, sondern auch zu jeder Zeit konsumiert.
Foto: Karl-Josef Hildenbrand/Picture Alliance
Die Redaktionsräume von 1&1 Mail & Media: News werden nicht nur produziert, sondern auch zu jeder Zeit konsumiert.
Foto: Thomas Rebbe

Kommen wir zum Abschluss noch mal zurück zur Künstlichen Intelligenz. Viele Journalist:innen stehen KI skeptisch gegenüber, sei es aus Sorge um Qualität oder um ihre Rolle. Was entgegnest du Kolleg:innen, die KI als Bedrohung empfinden?

Happ: Naiv sollte man nicht sein: KI wird Dinge verändern, und manche Tätigkeiten werden sich verschieben. Es gibt Formate, bei denen es vor allem um reine Information geht: ohne Einordnung oder komplexe Zusammenhänge, recht standardisiert aufgebaut. Für etwa solche Inhalte bietet KI Potenzial, vor allem als Effizienzhilfe, Sparringspartnerin und Innovationsbooster – letzteres beispielsweise bei der Erstellung von Formatversionen des selbstproduzierten Contents. Aber guter Journalismus bleibt unverzichtbar und ist nicht zu ersetzen. KI kann keine originären Ideen, keine durch Erfahrung geprägte Einordnung, keine gesellschaftliche Verortung leisten oder in Interviews Neues herausfinden. Sie arbeitet auf Basis vorhandener Daten und Wahrscheinlichkeiten. Die originäre Perspektive, die Verbindung zur Zielgruppe und die persönliche Verantwortung muss vom Menschen kommen und genau das macht Journalismus zu einem Gutteil aus.

Statt blindem Hinterherlaufen innehalten: Welche KI-Trends sind wirklich nützlich?

Es herrscht das Vorurteil, dass KI niemals wirklich wie ein Mensch klingen kann. Denkst du, dass künftig ein authentischer, individuell geprägter und menschlich wirkender Schreibstil möglich sein wird?

Happ: Schon heute ist es bis zu einem gewissen Grad möglich, dass KI den für eine Anwenderin oder einen Anwender charakteristischen Schreibstil nachahmt. Dazu stellt man der KI ein oder mehrere Textbeispiele zur Verfügung, die Stil, Tonfall und typische Formulierungen widerspiegeln. Aus diesen Beispielen fasst KI die typischen Merkmale in einem kurzen, prägnanten „Voice Paragraph“ zusammen, quasi die Stimme des Textes in komprimierter Form. Dieser Paragraph dient integriert in Prompts dann als Leitfaden, damit neue Texte im gleichen Stil generiert werden können. Trotzdem muss man am Ende noch nachfeilen. Aber wie gesagt: Eine durch gesellschaftlich erlebte Momente gefärbte Schreibweise oder im tiefsten Wortsinn kreative Arbeit kann KI nicht bieten.

Was ist dein Appell an die Branche für den Umgang mit KI?
Happ: Im Bereich KI verändern sich die Dinge extrem schnell. Da ist man leicht verleitet, einfach hinterherzulaufen und alles blind mitzumachen. Ich finde es wichtig, zwischendurch innezuhalten. Weniger zu fragen, wie wir uns an KI anpassen, sondern wie KI zu uns passt. Welche Inhalte wollen wir bieten? Welche Werte vertreten wir? Und wie kann KI unsere Arbeit sinnvoll unterstützen? Die Identität eines Mediums darf KI nicht bestimmen, aber sie kann ein wertvolles Werkzeug sein – wenn man sie bewusst und kenntnisreich einsetzt.

Bannerbild: Alice Vogel

Über den Autor/die Autorin

Dr. André Gärisch

Jedes unbeschriebene Blatt ist eine Einladung, Welten entstehen zu lassen, sei es in Features, Reportagen, Essays, Interviews oder Kurzgeschichten. Diesem Motto folgt André Gärisch seit über zehn Jahren als freier Redakteur, mit Veröffentlichungen unter anderem in Frankfurter Rundschau, Welt, Jetzt, Horizont und Strive.

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