Meike Schmid: Die erste Dialogmanagerin der Main-Post
Wie gelingt es Lokalmedien in Zeiten von digitaler Reizüberflutung und wirtschaftlichem Druck, Nähe und Vertrauen zu ihren Leser:innen aufzubauen? Meike Schmid ist die erste Dialogmanagerin der Main-Post. Sie erklärt im Interview, warum Journalismus wieder erlebbar werden muss, wie Pop-up-Aktionen auf Marktplätzen die Community stärken und weshalb das direkte Gespräch vor Ort durch keine KI der Welt zu ersetzen ist.
Meike, du bist Dialogmanagerin bei der Main-Post. Was genau sind deine Kernaufgaben?
Meike Schmid: Meine Kernaufgabe ist es, dem Lokaljournalismus neue interaktive Wege zu öffnen. Wir wollen mehr in direkten Kontakt mit den Menschen in unserer Region kommen. Ich versuche, den Journalismus ein bisschen aus dem Handy oder aus dem Computer rauszuholen und hin auf die Marktplätze, in Kneipen, in Cafés und an andere öffentliche Orte zu bringen. Und zu zeigen: Wir sind vor Ort, wir sind erlebbar und wir treten mit euch in irgendeiner Form in Interaktion.
Wo ordnet sich die Position denn innerhalb des Unternehmens ein?
Meike: Ich gehöre als Dialogmanagerin fest zur Redaktion. Ich bin bei unserem Chefredakteur Ivo Knahn angesiedelt. Das ist ein bisschen die Besonderheit: Sonst liegt dieses Thema oft im Eventbereich. Trotzdem bin auch ich in engem Kontakt mit unserer Eventabteilung und dem Lesermarkt.
Investition in Nähe und Vertrauen als die Zukunft des Lokaljournalismus
Die Main-Post hat deine Position Anfang April neu geschaffen. Warum hat sie den Need dafür gesehen?
Meike: Zum einen haben die Chefredaktionen der Mediengruppe Pressedruck – also Südkurier, Augsburger Allgemeine und Main-Post – erarbeitet, welche Rollen es aktuell gibt und welche es zukünftig geben soll. Eine Rolle, die dabei eine größere Gewichtung bekommen hat, ist das Dialogmanagement. Die Grundidee war, dass diese Rolle auf die Lokalredaktionen verteilt wird. Da komme ich ins Spiel: Ich habe zehn Jahre lang in verschiedenen Funktionen in der Redaktion gearbeitet, erst als Reporterin, dann als Art Director Video und zuletzt als Themenchefin. Dazu habe ich viel moderiert und kreiert. Ich war immer der festen Überzeugung, dass wir mehr ins Gespräch mit den Leuten gehen und uns überlegen sollten: Wie kann Journalismus Spaß machen und trotzdem seriöse Inhalte vermitteln? Wie können wir uns effektiv zeigen und nicht nur im riesigen digitalen Umfeld verschwinden? Bei der Main-Post haben wir die Lösung gefunden, eine zentrale Stelle einzuführen, die das Dialogmanagement organisiert – das bin ich. Vor Ort beteiligen sich dann die Kolleginnen und Kollegen aus der Sport-, der Investigativredaktion sowie den Lokalredaktionen bei den Aktionen, sie sind ja die Gesichter und Ansprechpartner und gehen ins Gespräch.
Was genau verspricht sich das Medienhaus von dieser Stelle?
Meike: Die Schlagworte sind Nähe, Sichtbarkeit und Vertrauen. Das sind sogenannte weiche Faktoren, die aber sehr wichtig sind, auch wenn man sie schlecht in einer Excel-Tabelle abbilden kann. Das Ziel der Chefredaktion und des Verlags ist es, diese Nähe und das Vertrauen zu stärken. Wir wissen alle, dass der Lokaljournalismus unter extremem wirtschaftlichen Druck steht. Deswegen ist es wichtig, sich darauf zu fokussieren: Was macht uns eigentlich aus, was können wir bieten, was sonst keiner bieten kann? Das sind eindeutig die Vernetzung und die Anwesenheit vor Ort. Deswegen sehe ich meine Rolle als eine Investition in die Zukunft.
Ist das auch der Grund, warum dir dieser Job persönlich so am Herzen liegt?
Meike: Ich liebe Journalismus und Lokaljournalismus und finde es unglaublich wichtig, dass es ihn gibt. Ich möchte diesem Journalismus einen neuen Kanal öffnen und uns nicht unter Wert verkaufen. Eine persönliche Begegnung und das Aufbauen von Vertrauen ist etwas, das uns KI niemals abnehmen kann.
Gerade in politisch schwierigen Zeiten ist es extrem wichtig, sich zu zeigen, ins Gespräch zu gehen und aufrichtig zuzuhören. Wir haben über 30 Wahlveranstaltungen zu den Kommunalwahlen gemacht und die waren proppenvoll, in jedem kleinen Ort. Da kam uns viel Dankbarkeit entgegen.
Die Main-Post unterwegs: Lebendige Feedback-Kultur als Strategie
Als erste Dialogmanagerin der Main-Post hattest du keine Fußstapfen, in die du treten konntest. Wie hast du deine Strategie entwickelt?
Meike: Ich bin erst mal persönlich zu all unseren Lokalredaktionen, der Sport- und Investigativredaktion gefahren und habe dort jeweils zwei Workshops gehalten. Ich kann ja nicht Nähe einfordern und dann sagen: „Komm, wir machen einen Teams-Call“. Dafür habe ich Dankbarkeit erfahren. Ich habe mit ihnen kreativ gearbeitet und ein Dialogspiel vom Bonn-Institut gemacht, das heißt „Eine Stunde reden“. Damit habe ich den Redakteuren und Redakteurinnen den Raum gegeben, sich auszutauschen und in Ruhe ihre Sorgen und Ideen zusammenzubringen. Viele waren überrascht von ihren eigenen Einfällen – und es war schön, wieder diesen Funken zu spüren, mit dem man die Zukunft gestalten will.
Und die ersten Veranstaltungen habt ihr mittlerweile ebenfalls auf die Beine gestellt. Wie sind sie gelaufen?
Meike: Unser Haus hat schon immer Veranstaltungen gemacht, allerdings wusste niemand so richtig, was die anderen Lokalredaktionen schon getestet haben. Mein erster Schritt war zu sammeln, was die letzten drei bis fünf Jahre umgesetzt wurde, und das zu evaluieren. Danach habe ich Formate-Cluster gebildet. Schnell umsetzbar ist zum Beispiel unsere Pop-up-Tour: „Main-Post vor Ort“ beziehungsweise „Schweinfurter Tagblatt vor Ort“. Wir gehen mit zwei Stehtischen und Plakaten auf die Marktplätze. Da sind drei bis vier Redakteure und Redakteurinnen dabei, jemand vom Lesermarkt, manchmal unser Chefredakteur Ivo Knahn. Die Leute können auf ein großes Plakat schreiben, was sie sich für den Ort oder von der Main-Post wünschen. Das haben wir schon etwa siebenmal an unterschiedlichen Orten gemacht. Die Leser und Leserinnen nutzen das für Gespräche und freuen sich, dass wir uns zeigen.
Außerdem haben wir beispielsweise ein Sport-Kneipenquiz gemacht, eine Baustellentour im Rahmen unseres Event-Formats „Hinter den Kulissen“ oder Veranstaltungen, in denen wir über unsere eigenen Recherchen und TikTok gesprochen haben. Auch klassische Podiumsdiskussionen, Interviews oder ein Stadtgespräch zu einem Bauprojekt waren dabei. Als Nächstes testen wir das Format „Eine Stunde reden“ in Ochsenfurt mit den Menschen vor Ort.
Wichtig ist mir dabei eine offene Feedbackkultur. Wir probieren Dinge in Clustern aus und bewerten danach ehrlich, ob es gut lief oder nicht. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, nächstes Jahr etwa 50 redaktionelle Dialog- und Veranstaltungsformate zu machen.
Wer genau ist eure Zielgruppe?
Meike: In erster Linie geht es darum, unsere Abonnenten und Abonnentinnen noch enger an uns zu binden und ein „Love Brand“-Gefühl auszulösen. Wir entwickeln aber auch gezielt Veranstaltungen für andere Zielgruppen, wie beispielsweise unseren True-Crime-Podcast auf der Bühne. Je nach Ort, Thema und Moderation lassen sich im besten Fall auch neue Zielgruppe erreichen.
Wenn wir nun auf die gesamte Branche blicken: Ist Dialogmanagement der Weg, den Lokalmedien in Zukunft gehen müssen?
Meike: Der Titel ist egal, aber nah an die Menschen zu rücken, sich zu zeigen, offen zu sein und ehrlich zuzuhören, ist meiner Meinung nach entscheidend. Seriöser Journalismus und Unterhaltung schließen sich in keinster Weise aus. Mein Idealbild wäre, wenn wir auf diesen Wegen zeigen können, wie wichtig, informativ und bereichernd Journalismus für die Menschen vor Ort und die Gesellschaft ist.
Welche Soft Skills braucht man für gutes Dialogmanagement?
Meike: Allen voran: Man muss Menschen mögen. Außerdem sollte man oder frau frei im Kopf sein, offen für Kritik sein, Lust aufs Ausprobieren und Spaß an der Gestaltung haben. Im besten Fall strahlst du dann noch eine gewisse Souveränität aus und kannst andere mitnehmen und begeistern.
Die Rolle des Communitymanagements wird wichtiger werden
Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Wo stehst du als Dialogmanagerin in drei Jahren?
Meike: Auf einem Marktplatz – und die Leute kommen und fragen, wann endlich die nächste Veranstaltung oder die nächste Runde im Café stattfindet. (lacht) Mein Ziel ist, dass sich das, was wir gerade säen, in der Breite verankert. Es geht darum, dass die Menschen wissen: Wir sind da, wir sind vor Ort, wir bieten was, tauschen uns regelmäßig aus und wir machen das gerne.
Kann euer Mut ein Beispiel für andere Medienhäuser sein?
Meike: Es gibt in der Branche einige Kolleginnen und Kollegen, die wunderbare Sachen in die Richtung machen. Mit denen tausche ich mich auch sehr gerne aus. Das ist mir übrigens sehr wichtig: Lasst uns voneinander lernen! Jeder hat seine eigene Zielgruppe vor Ort, aber wir sitzen doch auch im gleichen Boot. Daher auch mein Wunsch in die Branche: Offen miteinander sprechen, voneinander lernen, miteinander profitieren. Ich fände es schön, wenn wir gemeinsam versuchen, dem Lokal- und Regionaljournalismus ein gutes Weiterleben zu ermöglichen und ihn auf neue Art erlebbar zu machen.
Bannerbild: Daniel Biscan











