SZ: WhatsApp-Channels für ländliche Regionen
Nachdem die Süddeutsche Zeitung Anfang 2025 die eigenständigen Regionalteile ihrer Zeitungsausgaben im Münchner Umland größtenteils aufgab, blieb das Gebiet leicht unterversorgt. Betroffen waren insbesondere auch die jüngeren Zielgruppen dort. Die Lösung: KI-gestützte Kanäle auf WhatsApp. Im Interview spricht Ulrike Heidenreich, Ressortleiterin München, Region, Bayern, über strategische Learnings und die Frage, warum selbst kostenlose Angebote zur Monetarisierung beitragen können.
Frau Heidenreich, welche Ziele verfolgen Sie mit den WhatsApp-Kanälen?
Ulrike Heidenreich: Im Mittelpunkt steht zunächst die Reichweite: Wir möchten Menschen erreichen, die sich für das interessieren, was in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft passiert. Die WhatsApp-Kanäle stärken unseren Regionaljournalismus und versorgen unsere Leserschaft mit relevanten SZ-Geschichten aus ihrer Region, ergänzt durch lokale Nachrichten und Termine aus dem jeweiligen Landkreis. Markenbindung ist dabei ein natürlicher Nebeneffekt – wer täglich mit guten Inhalten von uns in Berührung kommt, entwickelt Vertrauen in die Marke SZ. Und wer die SZ als tägliche Begleiterin schätzen gelernt hat, ist im Idealfall auch eher bereit, in ein Abo zu investieren.
WhatsApp ist für uns zudem ein interessanter Kanal, um jüngere Zielgruppen anzusprechen und für die SZ zu begeistern. Darum haben wir beispielsweise vor kurzem das Format „Erstmal News“ eingeführt, das sehr gut angenommen wird. Es wurde speziell für die Bedürfnisse der jungen Zielgruppe entwickelt und bietet täglich ganz kompakt eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Nachrichten als Sprachnachricht via WhatsApp.
Sehen Sie Unterschiede im Nutzungsverhalten zwischen der klassischen SZ-Leserschaft und den WhatsApp-Abonnent:innen?
Heidenreich: Es ist schwierig, diesen Vergleich so direkt zu ziehen – auch, weil es kaum möglich ist, den klassischen SZ-Leser zu definieren. Mit einem breiten Portfolio an journalistisch hochwertigen Inhalten bespielen wir täglich die verschiedensten Kanäle – sei es sz.de, die digitale Ausgabe, die SZ-Nachrichten-App, die Print-Ausgabe, Newsletter, Live-Events, Podcasts oder unsere Social-Media-Kanäle. Was alle eint: der Anspruch, mehr wissen zu wollen – und womöglich auch gut unterhalten zu werden. Unser Ziel ist es daher stets unser journalistisches Angebot im jeweils passenden Format anzubieten.
SZ WhatsApp-Channels stoßen auf Interesse
Wie messen Sie den Erfolg der Kanäle – eher quantitativ oder qualitativ?
Heidenreich: Beides hat seinen Platz. Ein erster und sehr erfreulicher Indikator ist die Follower-Zahl: Die Kanäle wurden nach dem Launch im November 2025 sofort sehr gut angenommen und zählen aktuell rund 9.000 Follower – ein klares Signal, dass das Angebot auf echtes Interesse stößt. Darüber hinaus nutzen wir die Kanäle selbst immer wieder für qualitative Abfragen. Ganz grundsätzlich sind die Kanäle für uns aber so oder so ein Erfolg – ganz einfach weil wir bei dem Projekt wahnsinnig viel lernen konnten.
Lerneffekte gab es sicher auch bei Themenauswahl sowie Tonalität. Wie unterscheiden sich diese in den WhatsApp-Kanälen von der klassischen Lokalberichterstattung?
Heidenreich: Die Kanäle greifen die journalistische Arbeit der Lokalredaktion auf – Reporterinnen und Reporter recherchieren vor Ort in den jeweiligen Landkreisen, und diese Geschichten bilden das Herzstück des Angebots. Ergänzt wird es durch Veranstaltungstipps, Termine und aktuelle Informationen zu lokalen Themen wie Verkehrsprojekten – Inhalte also, die im klassischen Printformat oft weniger Platz finden, für die Menschen vor Ort aber von großer praktischer Relevanz sind. Die Tonalität ist dabei, wie man es von der SZ kennt: klar, geradeheraus und frisch – natürlich angepasst an den Kommunikationskanal WhatsApp.
KI-Inhalte: Redakteur:innen sind immer im Loop
Vieles in den Channels wird automatisiert generiert. Wie stellen Sie sicher, dass die KI-generierten Inhalte Ihren journalistischen Standards entsprechen?
Heidenreich: Wir verfolgen einen „Expert-in-the-Loop“-Ansatz: Die KI sammelt Informationen von ausgewählten, öffentlich zugänglichen Quellen und erstellt automatisiert Beiträge – doch kein einziger Post geht ohne redaktionelle Prüfung online. Korrekturen können schnell und unkompliziert vorgenommen werden. Zu Beginn der Testphase war die Qualität der KI-generierten Inhalte noch nicht auf dem gewünschten Niveau – durch konsequentes Redigieren und Feedback an den Dienstleister Beat Squares haben wir sie jedoch schrittweise auf SZ-Niveau gebracht.
Und das ist kein abgeschlossener Prozess: Die enge Abstimmung läuft weiterhin, denn unser Anspruch ist kontinuierliche Verbesserung. Übrigens gibt es in den Channels auch Posts, die nicht KI-generiert sind, sondern von unseren Redakteurinnen und Redakteuren ganz normal verfasst wurden.
Welche Rolle spielt Ihr Dienstleister, das Startup Beat Squares, im redaktionellen Workflow?
Heidenreich: Beat Squares hat die technische Plattform entwickelt und verantwortet die KI-gestützte Sammlung und Aufbereitung von Inhalten. Die Zusammenarbeit ist dabei keine klassische Auftraggeber-Dienstleister-Beziehung, sondern eine echte Partnerschaft: Die Entwicklung der Plattform erfolgt in enger Abstimmung mit der SZ, um das System auf unsere Bedürfnisse zuzuschneiden.
WhatsApp-Kanäle sind nur ein Baustein von mehreren für modernen Lokaljournalismus. Welche weiteren gibt es in Ihrem Haus?
Heidenreich: Auch wenn die SZ eine national und international führende Tageszeitung ist, ist sie gleichzeitig tief im Lokaljournalismus verwurzelt und misst ihm einen hohen Stellenwert bei. Über die vergangenen Jahre haben wir uns immer wieder verändert und neue Formate entwickelt, um unsere Zielgruppen in allen Altersgruppen zu erreichen. Dazu gehört die Berichterstattung auf sz.de, in unserer App oder in der gedruckten Zeitung ebenso wie Live-Journalismus in Form von Events – etwa das Triell zur Oberbürgermeisterwahl in München –, unsere lokalen Podcasts wie „Hey München“, Newsletter-Formate sowie unsere lokalen Kanäle auf TikTok und Instagram. Wir verändern uns ständig und testen immer wieder Neues, weil sich auch die Ansprüche und das Nutzungsverhalten unserer Zielgruppen laufend verändern. Es ist uns wichtig, nah dran zu sein und im Austausch mit unseren Leserinnen und Lesern zu stehen.
Channels tragen indirekt zur Monetarisierung bei
Sollen die Kanäle perspektivisch auch zur Monetarisierung beitragen – oder bleiben sie bewusst kostenlos?
Heidenreich: Aktuell ist das Angebot kostenlos, und daran planen wir derzeit nichts zu ändern. Allerdings können die Kanäle bereits heute zu Inhalten hinter der Bezahlschranke führen oder einen Anreiz schaffen, ein Abo abzuschließen – womit sie indirekt zur Monetarisierung beitragen.
Ist eine Ausweitung über die Region München hinaus geplant – oder auf weitere Themenbereiche?
Heidenreich: Wir testen immer wieder Neues und entwickeln unser Angebot weiter. Eine konkrete geografische oder thematische Ausweitung der WhatsApp-Kanäle ist aktuell jedoch nicht geplant.
Zum Schluss: Welche Tipps können Sie anderen Medienhäusern geben, die ein ähnliches Projekt starten möchten?
Heidenreich: Unsere wichtigste Erkenntnis: Auch für uns war es zunächst vor allem „Learning by Doing“ – und das ist keine Schwäche, sondern Teil des Prozesses. Wer ein solches Projekt startet, sollte sich vorab sehr genau überlegen, wie die fertigen Posts später aussehen sollen – in Sprache, Struktur und Tonalität. Je klarer diese Vorstellung ist, desto gezielter lassen sich die KI-Vorschläge verbessern und desto besser zahlen sie auf das eigene Format ein. Und: Qualität braucht Zeit. Der Dialog mit dem technischen Dienstleister ist kein einmaliger Schritt, sondern ein fortlaufender Prozess.
Bannerbild: Friedrich Bungert






