Radikales, junges Kino aus Bayern: Zwei Filmemacherinnen im Interview
Daniela Magnani Hüller und Jovana Reisinger zeigen mit ihren Abschlussfilmen an der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF), wie radikal junges Kino aus Bayern sein kann. Ein Gespräch übers Anfangen.
Könnt ihr euch an eure erste eigene Kamera erinnern?
Jovana Reisinger: Mit 16 habe ich einen Camcorder zum Geburtstag geschenkt bekommen. Das war der Hammer. Damals gab es noch keine Smartphones. Damit haben wir irre viel gedreht.
Daniela Magnani Hüller: Ich war auch 16, als ich mir von meinem ersten Job an der Kasse eine Spiegelreflex gekauft habe. Dann habe ich erst mal mit Fotografie angefangen und mir alles Stück für Stück selbst beigebracht.
Filmstandort Bayern: Warum die HFF Ausbildungsort Nummer 1 ist
Ihr habt beide an der HFF studiert. Vom Camcorder und der Spiegelreflex zur Filmhochschule: Wie verlief dieser Weg?
Daniela: Ich habe zunächst etwas anderes studiert. Ich wusste, dass man sich an der HFF nur zweimal bewerben darf. Ich wollte, dass es klappt, und habe mir Zeit gelassen. Dann hat es beim ersten Versuch funktioniert.
Jovana: Bei mir war es anders. Als ich die erste Fassung von meinem Debütroman geschrieben habe, fand ich meine Sprache viel zu schwülstig. Ich dachte: Wenn ich Drehbuch studiere, wird sie pragmatischer.
Die HFF in München gilt als eine der besten Filmhochschulen des Landes. Was hat sie euch gegeben, und was abverlangt?
Jovana: Ich hatte vorher Kunst in Kopenhagen studiert und da zum ersten Mal gemerkt: So ist das, wenn man an einer großen, prestigeträchtigen Uni ist, mit Unterstützung und Möglichkeiten. Das wollte ich wieder haben. Für mich war klar: HFF oder gar nicht.
Daniela: In München sind die Budgets einfach da, Bayern ist finanziell gut ausgestattet. Und es gibt getrennte Studiengänge für fiktionale Regie und Dokumentarfilmregie, also Möglichkeiten der Spezialisierung. Allerdings ist das Leben in München teuer.
Jovana: Ich habe ununterbrochen gearbeitet, hatte drei Nebenjobs. Im zweiten oder dritten Semester hatte ich einen Hörsturz. Es gab schon Momente, wo ich dachte, ich schaffe das nicht.

Vor 14 Jahren überlebte Daniela Magnani Hüller einen Femizidversuch durch einen Mitschüler. In „Was an Empfindsamkeit bleibt“ kehrt sie zu den prägendsten Momenten zurück, durch Gespräche mit Beteiligten, Bildcollagen und eine Stimme, die sich weigert, leise zu sein. Der Film lief im Forum der Berlinale 2026 und erhielt eine Special Mention der Dokumentarfilm-Jury. Seit Mitte Mai ist er bundesweit in den Kinos zu sehen.
Porträt: Daniela Magnani Hüller
Daniela, in deinem Abschlussfilm „Was an Empfindsamkeit bleibt“ kehrst du zu einem versuchten Femizid zurück, den du als Teenagerin durch einen Mitschüler erlebt hast. Du sprichst mit deiner alten Lehrerin, einer Polizeibeamtin, einer Mitschülerin. Wann war der Moment, in dem aus deiner Erinnerung ein Drehbuch wurde?
Daniela: Bis vor Kurzem wussten nur meine engsten Freunde, was passiert ist. Dann habe ich irgendwann angefangen, mir die Akten zu meinem Fall intensiver anzuschauen, und gemerkt, dass es Aspekte in meiner Geschichte gibt, die andere Mädchen und Frauen genauso betreffen können. Da war mir klar: Ich will etwas daraus machen. Und als Filmemacherin verfüge ich über die dramaturgischen Mittel, um selbst zu entscheiden, wie ich diese Geschichte erzählen möchte.
Im Film sieht man dich kaum. Man hört deine Stimme, aber die Kamera richtet sich auf die Gesichter deiner Gesprächspartner:innen.
Daniela: Viele hatten Sorge, ob das funktionieren kann. Aber ich wusste früh: Ich möchte nicht, dass die Kamera die ganze Zeit mein Gesicht zeigt und meine Emotionen einfängt. Ich fand es stärker, die Reaktion meines Gegenübers zu zeigen und selbst etwas schemenhafter im Film aufzutauchen. Meine Stimme sollte nur die Nähe schaffen, die es dafür braucht.
In „Unterwegs im Namen der Kaiserin“ schickt Jovana Reisinger drei potenzielle Sisi-Reinkarnationen auf eine Reise durch Kitsch und Anti-Heimatidyll, in einem Farbkonzept zwischen Wes Anderson und Trash-TV. Der Grimme-Preis Spezial ehrte den Film für seine „zeitgemäße Dekonstruktion des Sisi-Hypes durch eine radikale Ästhetik“. „Unterwegs im Namen der Kaiserin“ ist in der ZDF-Mediathek abrufbar.
Porträt: Sophie Wanninger

Jovana, du hast das Gegenteil von einem autobiografischen Dokumentarfilm gedreht. In „Unterwegs im Namen der Kaiserin“ setzt du dich mit dem Sisi-Mythos auseinander. Der hat in letzter Zeit viel Beachtung erfahren, RTL und Netflix haben jeweils eine Serie gedreht.
Jovana: Das hat mich am Anfang tatsächlich ein bisschen beunruhigt. Doch dann gab es da einen Moment bei einem Filmfest: Von meiner Produzentin wurde ich einem Fernsehchef vorgestellt. Sie erzählte ihm, dass ich an einem Sisi-Film arbeite. Er hat gelacht und gesagt: „Du weißt schon, dass es jetzt ganz viele Sisi-Projekte gibt. Ich denke nicht, dass man auf deinen gewartet hat.“ Da habe ich mir gedacht: Jetzt erst recht. Mein Motor ist immer Wut.
Dein Film spielt in der Gegenwart: Drei Figuren suchen den Jungbrunnen in den Alpen und erfahren, dass eine von ihnen die Reinkarnation der Kaiserin sein soll. Ein radikal anderer Ansatz als bei den großen Sisi-Produktionen.
Jovana: Im Nachhinein war das mein großes Glück, dass alle diese Projekte vor meinem in Produktion gegangen sind und viel mehr Budget hatten. Weil dann schnell klar war: Die werden sich alle an den Historien abarbeiten, das werden Kostümfilme mit Ballkleidern. Ich arbeite anders. Mit Low-Budget. Und mit einem Stil, der eine Kombination aus Unterhaltung und Hochkultur ist, aus Trash und Arthouse.
Mit Optimismus und Mut in die Zukunft der Kinoindustrie
Seit Jahren ist vom Kinosterben die Rede, von schrumpfenden Budgets, vom Streaming als Totengräber. Warum macht ihr ausgerechnet jetzt Film?
Jovana: Seit ich an der Filmhochschule studiere, wird mir erzählt, dass die Kinos sterben und dass es keine Budgets mehr gibt. Aber ich erlebe Kinos aktuell als sehr voll. Die Leute sehnen sich in KI-Zeiten nach etwas Menschengemachtem.
Daniela: Das sehe ich genauso. Gemeinschaftlich einen Film auf einer großen Leinwand zu schauen, das ist etwas Besonderes. Vielleicht muss das Kino gerade dieses Gemeinschaftsgefühl noch stärker betonen und zu einem Austauschort werden, wo Filmschaffende und Publikum zusammenkommen.
Was ratet ihr jemandem, der heute ganz am Anfang steht?
Jovana: Wirklich die ganze Zeit etwas machen. Man darf keine Angst haben, auch mal auf die Fresse zu fallen. Ich habe mal einen Kurzfilm inszeniert, der nur aus Anschlussfehlern bestand. Mein Professor sagte: „Jovana hat jetzt einen Film gemacht, um uns zu zeigen, wie man es nicht macht.“ Aber wir mochten den Film beide und haben entschieden: Dann ist es halt ein Stilmittel.
Daniela: Absolut, man muss sich einfach trauen. Und falls man an der Filmhochschule abgelehnt wird, dann erst recht. Gerade im Dokumentarfilm gibt es so viele Formen, mit denen man auch allein anfangen kann. Dann nimmt man als Kamera eben erstmal das Handy.
Bannerbild: Sophie Wanninger






