Courage: Warum braucht es ein Finanzmagazin für Frauen?

2020 erschien die erste Ausgabe des Finanz- und Karrieremagazins Courage. Seitdem hat sich mit Webinaren, dem Money Day und der Auszeichnung Goldmarie eine Community rund um „weiblichen“ Vermögensaufbau entwickelt. Marion Lummer, Geschäftsführerin des herausgebenden Verlags Holderstock, und Courage-Chefredakteur Tobias Aigner erzählen, warum Print heute nur ein Teil der Geschichte ist.

30.09.2026 7 Min. Lesezeit

Frau Lummer, Herr Aigner, die erste Ausgabe von Courage erschien im Februar 2020. Was war damals die Grundidee hinter dem Magazin?

Marion Lummer: Am Anfang stand eigentlich ein ganz einfacher Fakt: Die Leserschaft der Finanzmedien wie Euro oder Börse Online war zum größten Teil männlich. Dabei wussten wir aus Gesprächen, dass Frauen sich durchaus für Fragen rund um Geld und Vermögensaufbau interessieren. Trotzdem war es für viele Frauen nicht selbstverständlich, sich damit auseinanderzusetzen. In Beziehungen übernimmt häufig der Mann automatisch die Finanzen. Wir wollten Frauen deshalb einen Anstoß geben, ihre Finanzen selbst in die Hand zu nehmen, auch weil eine Karriereunterbrechung oder die Situation als Alleinerziehende finanzielle Folgen haben kann.

Tobias Aigner: Der Zeitpunkt war dabei entscheidend. Vor 20 Jahren hätte ein Magazin wie Courage noch nicht funktioniert. Zwei Entwicklungen kamen zusammen: Private Altersvorsorge wurde für immer mehr Menschen relevant, gleichzeitig entstand eine Generation von Frauen, die wirtschaftliche Unabhängigkeit einfordert. Heute sprechen junge Frauen ganz selbstverständlich über Businessideen und ETF-Sparpläne. Ich glaube nicht, dass diese Entwicklung wieder zurückgeht.

Es gibt viele Lifestyle-Magazine. Unser Anspruch ist ein anderer: Wir wollen Frauen dabei unterstützen, wirtschaftlich unabhängig zu werden.

Tobias Aigner

Haben Frauen einen anderen Zugang zu Finanzthemen als Männer?

Aigner: Das erleben wir in unserer Community. Frauen wollen häufig sehr detailliert verstehen, bevor sie investieren. Sie fragen nach Zusammenhängen, Risiken und Hintergründen. Daraus entstehen echte Diskussionen.

Lummer: Deutlich wird das zum Beispiel bei unserem Money Day. Ich habe viele Finanzveranstaltungen erlebt, die fast ausschließlich von Männern besucht wurden. Bei Courage ist die Atmosphäre anders: Die Teilnehmerinnen stellen Fragen, erzählen von ihren Erfahrungen und kommen miteinander ins Gespräch. Es entsteht ein Austausch, kein Frontalunterricht. Und deshalb haben wir nach und nach mit unterschiedlichen Formaten immer mehr Möglichkeiten dafür geschaffen.

360°-Marke: Das Magazin als Startpunkt für eine ganze Markenwelt

Das klingt eher nach Markenwelt als nach klassischem Magazin.

Lummer: Genau in diese Richtung hat sich Courage entwickelt. Das Magazin bleibt unser Kern, aber darum herum ist eine ganze Welt entstanden: Newsletter, Webinare, Live-Workshops oder der Money Day. Wir haben inzwischen über 5.300 registrierte „Lounge“-Mitglieder, die über das Magazin hinausgehende Angebote nutzen. Wir wollen Frauen nicht nur Informationen geben, sondern Räume schaffen, in denen sie sich austauschen können. Denn nicht jede Frau möchte sich auf die gleiche Weise mit Finanzthemen beschäftigen: Die eine liest lieber einen ausführlichen Artikel, die nächste besucht ein Webinar oder eine Veranstaltung, eine andere sucht ganz konkrete Informationen online. Genau diese unterschiedlichen Zugänge wollen wir anbieten.

Veranstaltungen sind demnach ein zentraler Bestandteil des Geschäftsmodells.

Lummer: Absolut. Beim Money Day geht es um Finanzbildung, aber ebenso um Begegnung. Die Teilnehmerinnen bleiben nach den Panels, knüpfen Kontakte und diskutieren weiter. Mit Money Day on Tour machen wir außerdem Station bei Unternehmen, um Mitarbeiterinnen Finanzbildung näherzubringen. Denn wenn Unternehmen in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiterinnen investieren, warum nicht auch in deren finanzielle Bildung? Finanzbildung ist einer der sinnvollsten Benefits überhaupt. Mit der „Goldmarie“, die wir im Rahmen der Night of Finance verleihen, kommt nun eine weitere Säule hinzu. Wir zeichnen Unternehmerinnen, Vorständinnen, Aufsichtsrätinnen und eine Mutmacherin des Jahres aus. Darüber hinaus haben wir Stammtische in München, Hamburg und Frankfurt aufgebaut. Nach einem kurzen fachlichen Teil sitzen alle zusammen, erzählen ihre Geschichten und sprechen über ihre finanziellen Erfahrungen. Diese Veranstaltungen sind oft innerhalb weniger Tage ausgebucht. Ohne das Magazin würde dieser Kosmos allerdings nicht funktionieren.

Stammtische in mehreren Städten dienen dem Austausch und erweitern die Welt des Magazins. / Bilder: Courage

Wenn wir auf die journalistischen Inhalte schauen: Was ist der Markenkern von Courage?

Aigner: Relevanz. Das ist für mich das wichtigste Wort. Ich stelle mir bei jeder Geschichte dieselbe Frage: Warum muss jemand genau diesen Text lesen? Jede Geschichte muss einen konkreten Mehrwert haben – finanziell, beruflich oder persönlich. Zudem wollen wir möglichst wenig Denkverbote im Heft. So dürfen beispielsweise Befürworter:innen und Gegner:innen einer Frauenquote in Führungspositionen zu Wort kommen. Ich glaube, unsere Leserinnen können das vertragen. Wir wollen Meinungsvielfalt und Diskussion.

Geht es gerade im Finanzbereich darum, komplexe Themen verständlich zu machen?

Aigner: Ja, aber ohne sie zu vereinfachen. Deshalb bieten wir zum Beispiel ein Finanzlexikon, einen Sparrechner und einen wöchentlichen Investmenttipp. Außerdem gibt es Artikel, die wirtschaftliche Entwicklungen Schritt für Schritt einordnen.

Lummer: Man kann Courage lesen, wenn man noch nie investiert hat. Da stößt man dann auch schon mal auf ein Thema wie „Was finde ich zuhause, was ich zu Geld machen kann?“. Aber genauso gibt es Inhalte für diejenigen, die sich bereits intensiver mit dem Kapitalmarkt oder der Altersvorsorge beschäftigen.

Zwischen Resonanz und Glaubwürdigkeit: Politik ist zu einem wichtigen Seitenthema geworden

Welche Themen lösen bei Ihren Leserinnen die größte Resonanz aus?

Aigner: Interessanterweise nicht nur die Titelgeschichten. Eine Doppelseite mit verschiedenen Risikotypen und passenden Fonds gehört seit Jahren zu unseren erfolgreichsten Formaten. Leserinnen schreiben uns noch Monate später, wie sich ihre Anlage entwickelt hat, oder stellen Rückfragen. Besonders beliebt sind außerdem Einsteigerthemen rund um ETFs und Sparpläne.

Ihre Cover sind mit der Zeit politischer geworden. Auf der August-Ausgabe war etwa SPD-Politikerin Katharina Barley mit dem Zitat „Unbedingt für die Brandmauer“ abgebildet. War das eine bewusste Entscheidung?

Aigner: Politik gehört nicht zu unserem Markenkern. Zugleich haben geopolitische Krisen, Inflation oder Rentenpolitik unmittelbare Auswirkungen auf Vermögen und Karriere. Ich würde sogar sagen: Seit Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Börsen noch nie so politisch beeinflusst wie heute. Das können wir nicht ausblenden. Wir haben gemerkt, dass Cover mit politischen Persönlichkeiten – vor allem, wenn sie polarisieren – außergewöhnlich viel Resonanz auslösen. Trotzdem geht es uns nie um Aufmerksamkeit um ihrer selbst willen. Entscheidend ist die Relevanz für unsere Leserinnen.

Heute reicht es nicht mehr, einem Unternehmen einfach nur eine Anzeige oder ein Banner anzubieten. Wir müssen viel stärker in Konzepten denken.

Marion Lummer

Frau Lummer, was erwarten Werbekunden heute von einem Magazin wie Ihrem?

Lummer: Heute reicht es nicht mehr, einem Unternehmen einfach nur eine Anzeige oder ein Banner anzubieten. Wir müssen viel stärker in Konzepten denken. Daraus kann dann eine Kombination aus Print, Newsletter, Veranstaltungen, Gewinnspielen, Produkttests oder Formaten in der Courage Lounge entstehen.

Aigner: Bei allem gilt, dass es von kaufmännischer Seite keine Eingriffe in die redaktionelle Arbeit gibt und kommerzielle Inhalte als solche gekennzeichnet sind. Sonst machen wir uns unglaubwürdig. Gerade das Finanzthema lebt von Glaubwürdigkeit.

Welche Vorteile bringt der Standort München?

Aigner: Für die Suche nach talentierten Redakteur:innen ist München ein starker Standort. Auch im Bereich der Finanzkontakte bietet die Stadt viele Möglichkeiten. Aus meiner Sicht steht München hier direkt hinter Frankfurt – und punktet zusätzlich mit einer attraktiven Start-up-Szene. Gründer:innen und neue Geschäftsmodelle interessieren uns sehr.

Lummer: Und die Lebensqualität in München schadet natürlich auch nicht. Ein Team, das gerne hier arbeitet, ist schließlich ebenfalls ein Standortvorteil.

Im Oktober steht ein Relaunch an. Was wird sich am Magazin verändern?

Aigner: Das Magazin bekommt ein neues Design und eine klarere Struktur. Wir stärken das Finanzressort, unsere Kernkompetenz, und auch den Karriereteil. Mit noch mehr Nutzwert. Damit wollen wir noch deutlicher zeigen, was uns unterscheidet. Es gibt viele Lifestyle-Magazine. Unser Anspruch ist ein anderer: Wir wollen Frauen dabei unterstützen, wirtschaftlich unabhängig zu werden.

Und was ist Ihr größter Wunsch?

Aigner: Für uns als Verlag, dass jede:r unser Magazin kennt, wenn es um das Thema Finanzen geht. Ich höre immer noch ab und zu: „Ich kannte Ihr Magazin gar nicht.“ Das finde ich schade, weil das Interesse danach jedes Mal groß ist. Nicht jede Person muss das Heft kaufen, man kann auch unsere Webinare buchen oder zum Money Day kommen. Aber ich möchte, dass der Bekanntheitsgrad steigt. Und mein größter Wunsch für uns alle ist, dass Chancengleichheit und finanzielle Gleichstellung der Geschlechter endlich Wirklichkeit werden. So selbstverständlich, dass wir darüber gar nicht mehr reden müssen.

Bannerbild: Andreas Zitt Photography und Julian Mezger

Über den Autor/die Autorin

André Gärisch

Jedes unbeschriebene Blatt ist eine Einladung, Welten entstehen zu lassen, sei es in Features, Reportagen, Essays, Interviews oder Kurzgeschichten. Diesem Motto folgt André Gärisch seit über zehn Jahren als freier Redakteur, mit Veröffentlichungen unter anderem in Frankfurter Rundschau, Welt, Jetzt, Horizont und Strive.

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