Ein Portrait des Gründers Florian Scherl.

Wissenstransfer neu gedacht: Explaino verwandelt Dokumente in KI-Videos

Beginnt man einen neuen Job, heißt es oft erst einmal: jede Menge Anleitungen durcharbeiten, um die neuen Aufgaben zu verstehen. Viel im Unternehmen vorhandenes Wissen bleibt dabei aber auf der Strecke. Das Startup Explaino aus München möchte dieses Problem mithilfe von KI lösen. Die Idee: Die eigens entwickelte Software verwandelt Dokumentationen in KI-generierte Erklärvideos. Der Gründer Florian Scherl im Interview.

29.07.2026 6 Min. Lesezeit

Florian, was genau ist euer Konzept?

Florian Scherl: In Unternehmen liegt enormes Wissen brach – in PDFs, Präsentationen, Handbüchern, die niemand liest. Onboardings dauern Monate, der IT-Support ist überlastet und wertvolles Expertenwissen geht verloren, wenn Mitarbeitende das Unternehmen verlassen. Explaino löst genau das: Wir wandeln Dokumente vollautomatisch in animierte Erklärvideos um – in unter zwei Minuten, ohne Videoproduktions-Know-how. Das Ergebnis ist Wissen, das Menschen wirklich erreicht.

Du hast mit zwölf Jahren Programmieren gelernt, mit 15 die ersten KI-Modelle entwickelt und mit 18, noch vor dem Abi, gegründet. War dieser Weg von Anfang an der Plan?

Scherl: Geplant war das nicht, es hat sich einfach so entwickelt. Ich war schon früh fasziniert davon, wie man mit Code Dinge bauen kann. KI kam dann irgendwann dazu, weil es das spannendste Werkzeug war, das ich kannte. Die Gründung war weniger ein bewusster Schritt als eine logische Konsequenz: Ich hatte eine Idee, die ich umsetzen wollte – und habe einfach angefangen. Ich war schon immer sehr autodidaktisch, hatte mit zwölf das Privileg, über Online-Universitäten Coding zu lernen, und habe früh verstanden, dass ich Dinge bauen will, die gesellschaftlich relevant sind. 

Mehr Faszination als Unbehagen: KI als kraftvolles Werkzeug

KI verändert gerade massiv, wie Wissen erstellt und weitergegeben wird. Weckt das bei dir manchmal auch Unbehagen oder überwiegt die Faszination?

Scherl: Ehrlich gesagt überwiegt die Faszination klar. Natürlich gibt es berechtigte Fragen rund um Qualität, Kontrolle und Vertrauen in KI-generierte Inhalte. Aber ich sehe Explaino nicht als Ersatz für menschliches Wissen, sondern als Werkzeug, das hilft, dieses Wissen zugänglich zu machen. Das Unbehagen entsteht oft dann, wenn KI unkontrolliert eingesetzt wird. Wir setzen bewusst auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit.

Die ursprüngliche Idee von Explaino waren KI-generierte Spielfilme. Heute macht ihr Unternehmens-Erklärvideos. Was hat diese Kursänderung ausgelöst?

Scherl: Der entscheidende Moment war eine Begegnung mit dem Markt. Unter dem Namen Fast AI Movies hatten wir begonnen, KI-generierte Filme zu entwickeln – ein faszinierendes Feld, aber mit einem diffusen Markt. Dann kamen erste Gespräche mit Unternehmen und wir haben immer wieder dasselbe gehört: „Wir haben massiv Probleme damit, Wissen intern weiterzugeben.  Die Marktlücke war riesig – wir reden von einem Markt im zweistelligen Milliardenbereich, mit einem demografischen Druck durch Millionen von Beschäftigten, die in den nächsten Jahren in Rente gehen und dabei ihr Wissen mitnehmen.

Ein Wiki beantwortet Fragen, aber nur, wenn jemand die richtige Frage stellt und aktiv sucht. Ein Chatbot setzt voraus, dass man weiß, was man nicht weiß. Ein Video dagegen vermittelt Wissen proaktiv, in einem Format, das Menschen intuitiv verstehen.

Florian Scherl

„Vom Dokument zum Video in unter 2 Minuten” heißt es auf eurer Seite – geht das wirklich so schnell und was steckt technisch dahinter? 

Scherl: Ja, das geht wirklich so schnell. Wir haben eine eigene KI-Architektur entwickelt, die es ermöglicht, Logik in unstrukturierten Daten zu erkennen und Beziehungen zwischen Informationen zu modellieren. Diese Beziehungen sind die Grundlage für unsere automatischen Erklärvisualisierungen – sie bestimmen, wie ein Video aufgebaut ist, was betont wird und wie die Geschichte erzählt wird.

Wissenstransfer ist in vielen Unternehmen also ein echtes Problem. Warum ist das animierte Erklärvideo die Lösung und nicht einfach ein besserer Chatbot oder ein gut strukturiertes Wiki?

Scherl: Ein Wiki beantwortet Fragen, aber nur, wenn jemand die richtige Frage stellt und aktiv sucht. Ein Chatbot setzt voraus, dass man weiß, was man nicht weiß. Ein Video dagegen vermittelt Wissen proaktiv, in einem Format, das Menschen intuitiv verstehen. Wir erinnern uns an Dinge, die wir gesehen und gehört haben, deutlich besser als an Dinge, die wir gelesen haben – Studien belegen, dass audiovisuelle Formate Inhalte bis zu sieben mal verständlicher machen als reiner Text.

Onboarding, IT-Service und Sales: Use Cases für KI-Videos sind vielfältig

Was sind die typischen Use Cases? Wer sind eure Kunden und wofür nutzen sie Explaino konkret im Alltag?

Scherl: Die drei häufigsten Use Cases sind Onboarding/Offboarding, IT-Helpdesk-Automatisierung und Sales Enablement. Im Onboarding geht es darum, neue Mitarbeitende schnell auf Stand zu bringen – ohne dass HR jedes Mal dasselbe erklärt. Im IT-Helpdesk automatisieren wir die Softwaredokumentation durch Screencasts und ersetzen damit sowohl lange Textanleitungen als auch die Bearbeitung von First-Level-Support-Tickets. Und im Sales Enablement helfen die Videos dabei, Produkte und Prozesse intern so zu erklären, dass sie im Kundengespräch überzeugend rüberkommen. Unsere Kunden sind mittelständische und große Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum – darunter Namen wie Adelholzener, Sparkassenverband Bayern, AOK Baden-Württemberg, Schneider Electric und Coop.

KI-generierte Inhalte stehen oft unter dem Verdacht, generisch und austauschbar zu sein. Wie stellt ihr sicher, dass ein Explaino-Video wirklich zur Marke und zum Inhalt eines Unternehmens passt?

Scherl: Das ist einer der Punkte, auf den wir besonders viel Wert legen. Unternehmen können ihre Markenfarben, Schriften, Tonalität und Stilwelten in Explaino hinterlegen. Das Ergebnis ist kein generisches Standardvideo, sondern Content, der sich so anfühlt, als hätte ihn das Unternehmen selbst produziert. Dazu kommt, dass der Inhalt aus den eigenen Dokumenten stammt: Es ist das Wissen des Unternehmens, nur zugänglicher verpackt.

Bilder: Explaino

Welche Rolle spielt der Medienstandort Bayern für Explaino?

Scherl: Bayern ist für uns ein starker Heimvorteil. München vereint technologische Exzellenz mit einer aktiven Unternehmenslandschaft. Wir haben frühe Kunden und Partner direkt vor der Tür gefunden. Über das Münchner Startup-Ökosystem haben wir früh Zugang zu Mentoren und ersten Kunden bekommen. Das Ökosystem hier ist dichter und kollaborativer, als man von außen denkt. Der Standort hilft uns dabei, Vertrauen aufzubauen: Viele Unternehmen schätzen es, mit einem lokalen Team zu arbeiten, gerade wenn es um interne Unternehmensinhalte geht.

Der EU AI Act ist derzeit in aller Munde. Seht ihr das als Bremse oder als Chance für europäische KI-Unternehmen wie Explaino?

Scherl: Ich bin da ehrlich gesagt etwas zwiegespalten. Grundsätzlich bringt jede Regulierung europäische Unternehmen in einen kleinen Wettbewerbsnachteil gegenüber amerikanischen oder asiatischen Märkten – allein schon durch den Compliance-Aufwand. Das müssen wir nüchtern anerkennen. Gleichzeitig hat der AI Act für uns eine völlig neue Use-Case-Dimension eröffnet: Jedes Unternehmen, das KI-Systeme einsetzt, ist künftig verpflichtet, seine Mitarbeitenden zu schulen und aufzuklären. Das ist ein riesiger Bedarf – und wir können ihn mit Explaino exakt abdecken. Insofern: Kurzzeitig vielleicht eine Bremse für das Ökosystem, für uns als Unternehmen aber eine neue Chance.

Große Ziele für Explaino: vom DACH-Raum zum US-Markt

Wo soll Explaino in drei Jahren stehen, welche Entwicklung braucht es, um dieses Ziel zu erreichen?

Scherl: In drei Jahren sind wir im DACH-Raum das führende KI-System für Wissenstransfer in Enterprises – tief integriert in die Workflows unserer Kunden, von Onboarding über IT bis Sales. Wir bewegen uns auf 100 Millionen ARR zu und sind dabei, den US-Markt zu erschließen.

Wenn Explaino selbst ein Erklärvideo über Explaino drehen würde, was würde am Ende als Kernbotschaft stehen bleiben?

Scherl: Das haben wir Explaino einfach mal selbst gefragt:

Bannerbild: Explaino

Über den Autor/die Autorin

Jonas Herrmann

Ob Spiele, Bücher, Filme oder Serien: Jonas liebt gute Geschichten und schreibt leidenschaftlich gerne über sie. Als geborener Münchner interessiert ihn die bayerische Medienwelt dabei besonders.

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