Ein Foto von der Bühne des DOK.fests, auf der das XPLR-Panel stattfindet.

XPLR-Panel auf dem DOK.fest: Wenn KI den Dokumentarfilm herausfordert

Ein voller Saal, brennende Fragen und eine Technologie, die alles verändert: Beim diesjährigen DOK.forum im Rahmen des DOK.fest organisierten XPLR: MEDIA in Bavaria und der Blaue Panther – TV & Streaming Awars bereits zum dritten Mal ein gemeinsames Panel. Das diesjährige Thema „Zwischen Fakt und Fälschung: KI und Glaubwürdigkeit im Dokumentarfilm“ hat einen Nerv getroffen.

08.05.2026 4 Min. Lesezeit

Das Genre Dokumentarfilm stand schon immer im Spannungsfeld zwischen der Abbildung der Realität und deren Interpretation. Doch was passiert, wenn Stimmen Verstorbener plötzlich wieder ertönen oder historische Ereignisse durch generative Tools zum Leben erweckt werden? Gemeinsam mit dem Moderator Sebastian Sorg diskutierten Expert:innen aus Film, Fernsehen und Wissenschaft über die neuen Grenzen des Machbaren.

„Born to Fake“: Ein Film über Unwahrheiten und Fälschungen

Erec Brehmer, KI-Filmemacher, eröffnete die Veranstaltung mit einem passenden Beispiel: seinen Film „Born to Fake“ über den berüchtigten TV-Fälscher Michael Born. Für seine Dokumentation hat sich der Filmemacher viel mit KI beschäftigt, einiges getestet und den verstorbenen Born mithilfe der Technologie wieder sprechen lassen. „Wir haben viel ausprobiert und uns am Ende entschieden, vieles davon nicht zu verwenden“, gestand Brehmer. Neues Material zu erschaffen, das nicht zu 100 Prozent der Realität entspricht, habe in ihm ein seltsames Gefühl ausgelöst. Die Kernfrage des Projekts war weniger technischer Natur, sondern vielmehr philosophisch: Warum glauben wir eigentlich, was wir sehen?

In seiner Keynote ging Brehmer auf die Frage ein, was den klassischen vom modernen Dokumentarfilm unterscheidet. Während klassische Dokumentationen die Realität abbilden wollten, interpretiert der moderne Dokumentarfilm sie längst. Er verwendete den Begriff Manipulation im Kontext von Bearbeitung und erklärte, dass sie verschiedene Gesichter habe, die zum Teil schon jetzt bei der Produktion von Dokumentarfilmen zum Einsatz kommen. Zum Beispiel die narrative Manipulation, unter der man die Dramaturgie einer Erzählung versteht. Auch die ästhetische Manipulation sei gang und gäbe, etwa durch Colour Grading und Sounddesign. Schwierig werde es bei der faktischen Manipulation, bei der Informationen gefälscht und falsch dargestellt werden. Die Frage lautete für Brehmer: An welchem Punkt verliert ein Format seine Glaubwürdigkeit? Wie definieren wir „Wahrhaftigkeit“ im heutigen Sinn?

„Das Nazi-Kartell“ und die Kennzeichnungspflicht

Auf die Keynote folgte ein Panel, bei dem drei hochkarätige Speaker:innen das Thema gemeinsam ergründeten: Historikerin Tabea Henn (Klios Spiegel) beleuchtete die wissenschaftliche und geschichtliche Komponente. Den praktischen Blick aus der Filmproduktion brachte der Regisseur Erec Brehmer ein. Komplettiert wurde die Runde durch Felix Kempter von Sky, der am Beispiel der Dokumentation „Das Nazi-Kartell“ verdeutlichte, wie der Streaminganbieter bereits heute KI-generierten Content im Dokumentarfilm einsetzt. 

„Bei Sky sind wir neugierig auf AI-generated Content“, so Kempter. In „Das Nazi-Kartell“ wurden zum Teil Stimmen mit KI generiert. Er plädierte für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Technologie. Es gehe nun darum, die richtigen Regeln und Formen für den Einsatz im Dokumentarischen zu finden.

Zum dritten Mal war XPLR: MEDIA in Bavaria mit einem gemeinsamen Panel mit dem Blauen Panther – TV & Streaming Award auf dem DOK.fest vertreten. / Fotos: XPLR: MEDIA in Bavaria

Die Historikerin Tabea Henn (Klios Spiegel) mahnte jedoch zur Vorsicht, besonders bei sensiblen Themen. Sie berichtete von KI-generierten Bildern rund um den Holocaust, die täuschend echt wirkten. Ihr Befund aus wissenschaftlicher Sicht: „Authentizität ist nichts, was man wirklich erreichen kann – am Ende entscheidet der Zuschauer, ob er etwas als authentisch empfindet.“ Ein Punkt, der ihr besonders am Herzen lag: „Ich fürchte, dass eine Kennzeichnung von echtem Material den Begriff von Wahrheit erhöht. Wir dürfen nicht aufhören, Content zu hinterfragen, denn nur weil eine Aufnahme nicht KI-generiert ist, könnte sie trotzdem aus dem Zusammenhang gerissen und im falschen Kontext erzählt sein.” 

Reenactment vs. KI: Wo liegt der Unterschied?

In der Diskussion mit Moderator Sebastian Sorg wurde die Frage laut: Ist eine KI-Visualisierung nicht letztlich dasselbe wie ein klassisches Reenactment? Für Erec Brehmer gibt es einen entscheidenden Unterschied: den menschlichen Prozess. Beim Reenactment wird recherchiert, wie eine Wohnung aussah oder was in der Zeitung stand; Menschen bauen die Szene physisch nach. KI hingegen schöpft aus einem Pool an Wahrscheinlichkeiten. Anderer Meinung war Felix Kempter: Auch eine KI könne so genau gepromptet werden, dass das Resultat dem entspricht, wie es einst gewesen ist. 

Einig war sich das Panel beim Thema Kennzeichnung. Während der European AI Act erste rechtliche Rahmenbedingungen in Europa schafft, bleibt die psychologische Komponente schwierig. Brehmer gab zu bedenken: „Wir Menschen können nicht nicht glauben, was wir sehen. Die Bilder bleiben im Kopf, auch wenn ,KI’ danebensteht. Und im Zweifel können wir uns nicht daran erinnern, ob sie nun KI-gekennzeichnet waren oder nicht.“

KI im Dokumentarischen: Ein Ausblick mit Zuversicht

Trotz aller Risiken endete das Panel mit einer positiven Note. Für Felix Kempter ist KI absolut förderungswürdig, solange die Nutzung klaren Kriterien unterliegt. Tabea Henn sieht Potenzial, wenn KI Menschen zum Nachdenken anregt. Erec Brehmer sieht in der Technologie sogar eine Chance für das Analoge: „Im besten Fall findet eine Aufwertung des klassischen Dokumentarfilms statt, weil junge Filmemacher:innen bewusst darauf verzichten und wirklich an die Orte des Geschehens gehen wollen.“ Potenzial sehe er für die Technologie vor allem im Sichtbarmachen von schwer zugänglichem Material wie Archiven.

Bannerbild: XPLR: MEDIA in Bavaria

Florentina Czerny
Über den Autor/die Autorin

Florentina Czerny

Florentina ist Teil des Content-Teams bei XPLR: MEDIA und Geschichtenerzählerin aus Leidenschaft. Für unser Onlinemagazin spürt sie regelmäßig Erfolgsstorys über Medienmacher:innen und innovative Projekte am Medienstandort auf. Zuvor hat sie in Eichstätt Journalistik studiert, im Lokaljournalismus volontiert und drei Jahre lang als Redakteurin bei der Passauer Neuen Presse gearbeitet.

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