Filmemacher Jörg Gahr: Über den Geheimtipp Niederbayern
In Niederbayern ist alles da, was Filmschaffende für ihre nächste Produktion brauchen – nur die Sichtbarkeit fehlt. Davon ist Produzent Jörg Sascha Gahr überzeugt, der vor Kurzem aus Berlin zurück in seine Heimat im Landkreis Passau gezogen ist. Welche Projekte er vor Ort mit seiner Produktionsfirma 900Seconds anstößt und welche Themen ihn gerade besonders beschäftigen, verrät er im Gespräch.
Jörg, du hast Schauspiel studiert und als Schauspieler gearbeitet, bevor du hinter die Kamera gewechselt bist. Wo bist du besser aufgehoben?
Jörg Gahr: Definitiv dahinter. Ich habe im Studium schon gemerkt, dass es mir viel mehr Spaß macht, mit den Kolleg:innen etwas zu inszenieren und für andere Schauspieler:innen Demo- und Showreels zu drehen. Ich war dann noch etwa zwei Jahre an Stadttheatern als Schauspieler und habe ein bisschen Film gespielt. Aber die Rollen, die ich wollte, habe ich nicht gekriegt und die, die ich gekriegt habe, die wollte ich nicht. Also habe ich die Seiten gewechselt und bereue das keine Sekunde. Hinter der Kamera habe ich mehr Energie und der Kopf ist aktiver.
Vom Imagefilm über die ZDF-Dokumentation bis zum Musikvideo – das Angebot von 900Seconds ist breit aufgestellt. Wie würdest du euren Unternehmenskern beschreiben?
Jörg: Wir sind wie ein Taschenmesser. Die meisten in der Branche spezialisieren sich ausschließlich auf Werbefilm oder Recruiting-Videos. Für uns war es immer total wichtig, dass wir alle Arten von Film machen, weil dann alles interessant bleibt. Wir haben Imagefilm, Werbefilm, Musikvideo, interne Kommunikation und Studiodrehs für Anlagen gemacht. Wir haben Dokumentationen für das ZDF produziert und bei Kinofilmen als Second Unit, also als Randteam, gearbeitet. Karrieretechnisch oder monetär wäre eine Spezialisierung vielleicht eine gute Idee gewesen, aber wir hatten immer Spaß an der Vielfalt.
Das Team von 900Seconds setzt sich zusammen aus Maren Geupel, der Verantwortlichen für Backoffice und Organisation, Marco Seier, der primär für Postproduktion zuständig ist, den Kameramännern Finn Sattelmeier und Stefan Blahu sowie Jörg Gahr, der sich um Konzepte, Texten, Regie und den Kundenkontakt kümmert.
900Seconds: Storytelling-Fokus mit Liebe zum Tüfteln
Habt ihr eine spezielle Handschrift, die euch auszeichnet?
Jörg: Wenn es der Kunde zulässt. Wir haben größere Kunden wie die Bahn oder die Lufthansa, die natürlich sehr klare Vorstellungen haben, da ist man dann eher in der ausführenden Rolle. Wenn wir Freiraum in der Entwicklung haben, legen wir das Augenmerk auf Storytelling. Es muss nicht unbedingt visuell knallen, sondern die Geschichte muss stimmen. Wir lieben auch Projekte, in denen wir Probleme lösen und tüfteln müssen. Wir begleiten zum Beispiel gerade Daniel Deragisch, den Besitzer einer Baufirma. Er hatte die tolle und kreative Idee, mit seinen Oldtimern ein Roadmovie zu drehen. Wir brauchen für die Autos, die er und seine Freunde fahren werden, wahrscheinlich Intercoms aus der Formel 1, damit sie während der Fahrt miteinander reden und wir den Ton später verwenden können. Diese Jobs machen Spaß, weil man sich was ausdenken muss und nicht die Schablone aus der Schublade holt.
Du hast lange in Berlin gelebt, bist aber gerade wieder in deine Heimat in Aidenbach im Landkreis Passau gezogen. Was bringt dich zurück?
Jörg: Wir haben hier einen Hof im Familienbesitz und es war schon immer in meinem Sinn, irgendwann wieder zurückzukommen. Und ich bin vor 13 Monaten Papa geworden. Der Wegzug aus Berlin hat sich in Etappen immer wieder verschoben, denn dort hatte mein Berufsleben eine Dynamik: Man kennt Leute, bekommt Empfehlungen, es geht immer irgendwo weiter. Die Befürchtung, dass es eine Herausforderung wird, sich in Bayern einen neuen Markt zu erschließen, hat sich zumindest leicht bestätigt.
Wie sieht es mittlerweile mit der Auftragslage in Bayern aus?
Jörg: Es wird immer mehr. Vor allem seit Gründung der Agentur MAX&MODI können wir den Markt hier besser bedienen. Mit jedem Kunden steigt das Potenzial für Folgejobs, oder dass man beim Arbeiten neue Leute kennenlernt. Wir haben gerade eine kleinere Geschichte für die Baufirma Lindner gemacht. Der Ansprechpartner dort kennt wiederum Leute bei anderen mittelständischen Unternehmen. So kommt Dynamik rein.
Niederbayern: Potenzial vor und hinter der Kamera
Ihr arbeitet auch mit der LED-Stage VARYO in Aicha vorm Wald im Landkreis Passau zusammen.
Jörg: Ja, es ist Wahnsinn, dass es in Aicha Technik auf diesem Niveau gibt. Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet. Selbst Filmschaffende aus der Gegend fragen mich: „So was gibt es bei uns?“ Die fahren sonst oft nach München. Man muss in Niederbayern die Strukturen gar nicht massiv verändern, sondern sie sichtbar machen. Ich habe in Passau schon wahnsinnig talentierte Leute kennengelernt, die auch in Chemnitz, Berlin oder München arbeiten. Man sollte den Standort Niederbayern auch fiktional mehr berücksichtigen.
Wie meinst du das?
Jörg: Der Bayerische Wald ist wahnsinnig schön. Russell Crowe und Ethan Hawke waren erst vor Kurzem für Dreharbeiten in der Westernstadt Pullman City und in Viechtach. Es gibt bei uns auch tolle Schreiner für die Baubühne. Ich habe mich gefreut, als der „Passau-Krimi“ kam, und wollte mich als Serviceproduzent anbieten. Aber die drehen nur drei bis vier Tage in Passau und den Rest in München, wegen der Logistik. Das ist schade. In Berlin oder München sind die Leute satt und genervt, wenn eine Straße gesperrt ist. In Niederbayern freuen sich die Menschen noch, wenn was los ist. Es ist eigentlich in allen Gewerken alles da, von der Herstellungsleitung bis zum Caterer. Man muss nur das Bewusstsein schärfen.
Könnte der Wechsel aufs Land für Kreative zum Trend werden, wenn das Leben in deutschen Städten immer teurer wird?
Jörg: Ich glaube nicht, dass es eine allgemeine Tendenz ist. In meinem Bekanntenkreis verlassen zwar Leute die Stadt, aber viele lassen dann auch die Branche hinter sich. Sie machen dann hauptberuflich Airbnb-Vermietungen oder eine Lehre. Man spürt die KI schon hart. Ich finde es nachvollziehbar zu sagen: „Ich muss einen Job machen, der die Materie verändert“, also zum Beispiel eine Schreinerlehre. Denn der Rest wird immer dünner. Die Technologie ist ein großer Konkurrent. Noch ist der Unterschied qualitativ da, aber wir stehen erst am Anfang.
Wie geht ihr bei 900Seconds mit KI um?
Jörg: Wir verschließen uns nicht. Es gibt Bereiche, in denen der Einsatz von KI total sinnvoll ist und die Arbeit beschleunigt. Aber wir sind in meiner Generation so ein bisschen romantisch: Man will als Filmemacher sein Set mit schönen Lampen ausstatten, Menschen vor der Kamera haben und danach selbst schneiden. Aber mal ehrlich: Wenn man für einen Film einen Protagonisten auf einem Dach in New York braucht, kostet das mit Team vermutlich 100.000 Euro. Mit der KI sind es zwei Schnittbilder, und es fällt am Ende wahrscheinlich nicht mal auf. Was wir gut können, ist Geschichten über Menschen erzählen, und das mit einer gewissen Sensibilität. Das kann die KI noch nicht. Es ist unsere Kernkompetenz, die uns beschützt.
Auch Vertical Drama steht auf der Agenda
Welche Projekte stehen bei dir als nächstes im Kalender?
Jörg: Wir werden mit der MAX&MODI mehr ins Agenturgeschäft gehen. Filmischen bzw. Werbefilmischen Content wird es natürlich auch geben, das ist meine Kernkompetenz, aber wir bauen den Service darum herum aus. Und ich baue gerade mit einem Münchner Kollegen eine Vertical-Video-Plattform namens „Upright“ mit dem Kernthema Bildung auf. Ich habe über einen Kollegen Zugriff auf ein sehr großes Archiv. Daraus entstanden die Projekte „Vertical History“, „Vertical Arts“ und „Vertical Literature“. Die Videos sind eine Mischung aus moderierten Erklärungen, zum Beispiel „Impressionismus in 90 Sekunden“, aber immer auf Basis literarischer Werke. Wir wollen auch anspruchsvolles Vertical Drama machen, zum Beispiel „Romeo und Julia“ oder „Die Leiden des jungen Werther“. Die Herausforderung hier ist es, den Unterhaltungswert zu halten und trotzdem die Inhalte zu transportieren.
Sind die Inhalte für Upright schon in Produktion?
Jörg: Das History-Format „Olympia 36“ im Olympiastadion haben wir schon gedreht. Für das Kunstformat verwenden wir viel KI, da sieht man zum Beispiel Monet in Paris sitzen. Für „Werther“ haben wir die kompletten 30 Minuten in der VARYOStage mit zwei Schauspieler:innen gedreht. Es ist eine Mischung aus Theater und Film, ein bisschen wie Filme in den 50er Jahren, weil die Kulisse stilisiert ist. Wir wollen unbedingt dieses Jahr online gehen, aber die Pläne sind noch nicht ganz konkret, weil wir Partner brauchen. Wir gehen momentan mit eigenem Geld in Vorleistung, um zu zeigen, dass das Konzept funktioniert.
Porträt: privat





