Radio 80000: Von einer Community für eine Community
Für seine DJs und Organisator:innen ist Radio 80000 Familie. Für seine Fans der Sound der Münchner Subkultur. Ein Besuch im Studio des Webradios, das seit 2015 wie kaum ein anderer bayerischer Sender durch seine Community lebt.
Freitagvormittags hat Leo Bauer keine Zeit. Dann radelt der Innenarchitekt, wie auch an diesem sonnigen Julitag, in das Veranstaltungsareal Zirka im Norden Münchens – und legt als DJ Trompete auf. In dem kleinen Studio, ausgestattet mit Mischpult, Mikrofonen und PC, zeigt Bauer auf die digitale Anzeige seiner Playlist. „Meine 348. Show“, sagt er und dreht die Lautstärke hoch: Radio 80000 ist auf Sendung.
2015 hat Bauer den Online-Radiosender zusammen mit seinem Kumpel Felix Flemmer gegründet. „Ich dachte, wir machen das ein paar Jahre. Dass das Radio mal aus so vielen coolen Leuten besteht, habe ich nicht erwartet“, sagt er heute.
20 Ehrenamtliche teilen sich mittlerweile den Organisationsaufwand, den es braucht, um das Onlineradio zu betreiben. Die Zahl der DJs und Musiker:innen, die die Shows gestalten, geht dagegen in die Hunderte. Sie sind Therapeut:innen, Fotograf:innen, Lehrer:innen oder Studierende. Was sie verbindet, ist die Liebe zur Musik.
Kaum ein:e Nachwuchskünstler:in aus München hat noch nicht bei Radio 80000 aufgelegt. Es ist oft die erste Plattform für ihre Musik, Türöffner für Residencies in Münchner Clubs und Eintrittskarte in die Szene. „Durch Radio 80000 bin ich vertraut geworden mit DJ-Equipment und mit den Menschen der Münchner Musiklandschaft“, sagt Fotografin Sophie Wanninger, die regelmäßig Shows als DJ soshy gestaltet. Sie wird heute Nachmittag im Programm zu hören sein.
Nicht nur online: Radio 80000 schafft auch Begegnung
Während im Studio die ersten Songs aus DJ Trompetes Playlist laufen, checkt er das Chatfenster der Radio-Website. Immer wieder kommen dort Nachrichten rein, Grüße von Freund:innen und Mitgliedern der Community. Ein anonymer Nutzer schreibt „Bom Dia“. „Vermutlich aus Portugal“, sagt Bauer. An die 3.500 Menschen werden heute den Online-Player einschalten und die Website von Radio 80000 aufrufen. So viele Hörer:innen hat der Sender im Durchschnitt täglich. Doch die Reichweite geht weit über das Webradio hinaus. Auf Instagram folgen dem Sender beinahe 30.000 Menschen, auf Soundcloud 7.500.
Mit dieser Community kommen die Radiomacher:innen bei Events in und um München in engen Kontakt. Allein in dieser Juliwoche liefert das Radio die Beats für eine Veranstaltung im Lenbachhaus und ein Straßenfest in München. „Wir machen viel mit dem Haus der Kunst, wurden aber auch schon nach Kroatien auf ein Festival oder zu anderen Radiosendern in Europa eingeladen“, erzählt Bauer.
Im Bereich der Onlinesender ist Radio 80000 aus gleich zwei Gründen eine kleine Rarität. „Wir sind sehr ausdauernd und gehören zu den Onlineradios, die sich langfristig etabliert haben – auch gegenüber Projekten, die zeitweise größer waren als wir“, sagt Julian Borngräber. Er ist Teil des Organisationsteams und hat an diesem Freitagnachmittag Aufsicht im Studio. Seine Kollegin Maria Margolina, die ihm auf der Bierbank vor dem Zirka Gesellschaft leistet, ergänzt: „Außergewöhnlich ist, dass wir eine Community für andere schaffen, aber auch selbst communitybasiert organisiert sind. Das ist superspannend – führt allerdings auch zu einer gewissen Instabilität.“

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Borngräber kennt das Problem. Wenn eine Mail reinkommt, fühlen sich im besten Fall 20 Menschen dafür verantwortlich – im schlechtesten Fall niemand. Dagegen haben die Radiomacher:innen inzwischen Maßnahmen ergriffen. „Wir treffen uns einmal im Monat vor Ort bei einem großen Meeting. Dann gibt es kleinere Untergruppen, für die immer eine Person zuständig ist: das Studio, die Teamsitzungen, das Programm, die Events und die Kommunikation“, erklärt Borngräber. Dennoch kommen so viele Anfragen rein, dass die Ehrenamtlichen kaum Zeit haben zu reagieren. Manche aufregende Gelegenheiten verlaufen im Sand.
Unter den Anfragen sind viele Bewerbungen von Nachwuchskünstler:innen. Ob sie bei Radio 80000 auflegen dürfen, hängt vom musikalischen Repertoire ab. „Wir favorisieren Sendungen, die nicht nur im Clubbereich funktionieren, sondern etwas diverser sind“, sagt Leo Bauer. „Wir wollen die Breite der musikalischen Landschaft in München repräsentieren.“
Neue Formate und der Wunsch nach zentralen Studioräumen
Genau das wissen die Musiker:innen bei Radio 80000 zu schätzen. Sara van der Weck alias DJ Witch Craft hat durch den Sender die Bestätigung bekommen, dass ihr eigener Musikgeschmack auch andere Hörer:innen begeistert. „Ich liebe das Radio dafür, dass es so individuell sein darf. Wir müssen uns nicht angleichen, wir dürfen unseren Stil spielen.“ In Zukunft soll auf Radio 80000 nicht nur Musik laufen. „Wir hatten schon Open Calls für gesprochene Formate“, sagt Maria Margolina. Auch die sollen beim Radiosender Platz haben.
Doch um alle Pläne in die Realität umsetzen zu können, fehlt das Geld. Die Stadt München hat beim Einzug die Studiotechnik finanziert, seitdem schlagen sich die Radiomacher:innen wieder allein durch. Was sich viele wünschen, ist eine dauerhafte Förderung, auch um ein Studio in zentralerer Lage zu mieten. „Wir könnten wieder mehr Sichtbarkeit haben und einen Ort, an dem unsere Community abhängen kann“, sagt Gründer Leo Bauer.
Bis ein neuer Raum gefunden und bezahlt ist, steht die Tür im Zirka allen offen. Leo Bauer legt die nächste Platte auf. „Es passieren hier so viele coole Sachen jeden Tag“, sagt er. „Man muss nur die Augen offen halten.“ Show 348 läuft.
Bannerbild: Jan Robert Dünnweller






